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Ausgrabungen
Lossower Schächte: Neue Forschung negiert Opferungen

Grabung vor dem Lossower Burgwall: Der Student Torben Stuppe (im Erdloch) sammelt die Knochenteile ein, die von einem menschlichen Schädel stammen. Rechts schauen ihm die Archäologen Ines Beilke-Voigt und Andreas Mehner zu.
Grabung vor dem Lossower Burgwall: Der Student Torben Stuppe (im Erdloch) sammelt die Knochenteile ein, die von einem menschlichen Schädel stammen. Rechts schauen ihm die Archäologen Ines Beilke-Voigt und Andreas Mehner zu. © Foto: Ralf Loock
Ralf Loock / 14.10.2019, 07:30 Uhr - Aktualisiert 14.10.2019, 08:15
Frankfurt (Oder) (MOZ) Bei Lossow hatte man im Spätsommer 1919 menschliche Knochen gefunden, rasch verbreitete sich die These von grausamen Opferungen in dunkler Vorzeit.

Bei Gleisbau-Arbeiten 1919 legten Bauleute tiefe Gruben frei, in denen sich Knochen und Scherben fanden. Die Schwierigkeiten der Nachkriegsjahre verzögerten wissenschaftliche Untersuchungen, diese fanden erst von 1926 bis 1929 unter der Leitung des Prähistorikers Wilhelm Unverzagt vom Berliner Völkerkundemuseum statt.

Bald war das Interesse der Berliner Presse geweckt, so reiste auch Egon Erwin Kisch an die Oder und berichtete über die Ausgrabungen, sehr Verdruss der Forscher. Denn nun kamen immer mehr Reporter und Schaulustige. Schon tauchte eine Gruppe des Ullstein-Pressebüros auf. Die Titelzeile der Berliner Morgenpost vom 15. September 1927 lautete: "3000jährige Funde in der Mark. Auf den Spuren eines vorslawischen Volkes. - Reste von Menschenopfern. - Ein Erzeugnis uralter Festungskunst. Wer waren die Bewohner?".

Weitere Berichte erschienen in vielen anderen Zeitungen, was dazu führte, "daß sonntags, vierzehntäglich, ausverkaufte Sonderzüge von Berlin nach Lossow verkehrten - im Programm Grabungsdurchmarsch und anschließend Essen ... in der Buschmühle", wie der Frankfurter Historiker Reinhard Kusch 1976 anschaulich zusammenfasste.

Nach den Forschungen im 20. Jahrhundert war in Lossow nach der Jahrtausendwende unter Leitung von Ines Beilke-Voigt in mehreren Kampagnen wieder gegraben worden. Die Ergebnisse der Jahre 2008/2009 dokumentierte sie in einem umfangreichen 2014 erschienenen Band.

Aus Anlass des 100. Jahrestages der Entdeckung der Opferschächte konzentriert sich Ines Beilke-Voigt auf die Frage der Kulthandlungen. In den fünf bis acht Meter tiefen Gruben mit einem Durchmesser von ein bis zwei Meter fanden sich Tier- und Menschenknochen. Sie wurden von den Forschern als Opferschächte erklärt und die Toten interpretierten die Ausgräber bisher als Menschenopfer. Der Kultplatz bestand ungefähr in der Zeit von etwa 800 bis 500 v. Chr. Nachgewiesen sind mehr als 60 Schächte. Diese große Zahl lässt die Forscher vermuten, dass die Kulthandlungen nicht nur für den Oderraum, sondern für ein weit größeres Gebiet von Bedeutung war.

Ines Beilke Voigt, die jetzt im Archäologischen Landesmuseum in Brandenburg/Havel den aktuellen Forschungsstand vorstellte, hat noch einmal alle Fakten zu den Schächten und zu den Skeletten zusammengetragen und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es keine Beweise für eine Opferung dieser Individuen gebe - "Spuren einer vermeintlichen Tötung sind lediglich bei der "Frau" aus Schacht 54 nachgewiesen, doch auch hier unsicher, ob die Frakturen vor- oder nach dem Tod entstanden", erläuterte sie.

Die Schächte wurden auf alle Fälle für die Niederlegung von  Menschen und Tieren angelegt und es gab rituelle Zeremonien um die Leichname wie Entfleischung und Zerstückelung - jedoch keine Tötungsnachweise. Sie versteht daher die Schächte als "ritualisierte Bestattungen".

Wenn man sich auf diese These einlässt, dann kommt man zur nächsten Frage: Üblicherweise gab es in der Ur- und Frühzeit Erd- und Feuerbestattungen. Aber warum haben die Einwohner damals sich die Mühe gemacht, solche Erdschächte in die Tiefe zu treiben, was unterschied die Lossower Toten von jenen Verstorbenen, die man an den umliegenden Friedhöfen beisetzte. Nicht wenige Forscher denken bei den Lossower Schächten an eine archaische Fruchtbarkeits-Vorstellung wie den griechischen Demeter-Kult.

"Diese Fragen interessieren mich auch, müssen bislang jedoch noch offen bleiben", antwortete sie. Sie habe Menschenknochen nach Kiel gegeben (Leibniz Institut), um dort zu klären, ob es vielleicht Fremde waren, die anders bestattet wurden bzw. von den hier "üblichen" Bestattungsritualen ausgeschlossen waren?

Die Lossower Burg wird um 1000 v. Chr. hoch über der Oder sicher eine beeindrucke Anlage gewesen sein. Als die Burg im Innern noch bewohnt war, war die Funktion des Walls leicht zu verstehen – er sicherte die Einwohner. Aber als die Siedlung innerhalb des Wall um etwa 800 v. Chr. aufgegeben war und das Areal als Kultplatz für die Opferschächte genutzt wurde, wurde der Wall jahrhundertelang weiterhin gepflegt und in Stand gehalten. Doch warum?

Er bot jetzt einen Sichtschutz. Die Wallanlage markierte somit einen fest umgrenzten Raum, der nicht ohne Weiteres einzusehen und vielleicht auch als Tabu-Zone zu verstehen war, erläuterte Ines Beilke-Voigt in einem Aufsatz 2013.

Heute kommen kaum Touristen zu dieser deutschlandweit einmaligen Anlage nach Lossow. Während im Zeitalter der Dampfloks eine Vermarktung möglich war, fehlt heute jegliche touristische Initiative.

Zur Chronologie von Burg und Kultplatz

Unbefestigte Siedlung stand bereits vor 1400 v. Chr. Der Bau der ersten Burg begann um 1406/1292 v. Chr.. Das herrschaftliche Zentrum bestand von etwa 1400/1300 bis etwa 800 v.Chr. Burg und Vorburgsiedlung als ein Zentrum administrativer Macht und Handelsort.

Um 800 v. Chr wurde das Areal erheblich umgebaut, die Innenburgsiedlung verschwand. In diesem freien Areal fanden mehr als 300 Jahre lang jene Kulthandlungen statt, die mit den Opferschächten verbunden sind. 63 dieser Gruben sind bekannt und ausgegraben, die Forscher gehen davon aus, dass jedes Jahr ein Schacht gegraben wurde.

Ab etwa 500 v. Chr. gab man die gesamte Anlage auf; die Einwohner wanderten mit unbekanntem Ziel ab und verschwanden im Dunkel der Geschichte.⇥loo

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