Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Jugendhilfe
Fall Hannes: Mutter wartet weiter auf Antworten

Abschied: Diese Tafel haben Freunde von Hannes in Kirgisien zur Erinnerung an ihren verstorbenen Freund gebastelt.
Abschied: Diese Tafel haben Freunde von Hannes in Kirgisien zur Erinnerung an ihren verstorbenen Freund gebastelt. © Foto: Mathias Hausding
Mathias Hausding / 14.10.2019, 19:31 Uhr - Aktualisiert 14.10.2019, 19:49
Hangelsberg (MOZ) Ein vom Jugendamt betreuter Junge ist tot. Seine Mutter erhebt Vorwürfe gegen die Behörden in Oder-Spree.

Kreistagsabgeordnete finden, dass es Versäumnisse gegeben haben könnte und verlangen Aufklärung. Aber damit tut sich die Verwaltung unter Landrat Rolf Lindemann sehr schwer. Die Mutter verlangt nun per Petition die Ablösung des SPD-Politikers, die Versetzung eines bestimmten Jugendamts-Mitarbeiters und die Einrichtung einer Kontrollinstanz zur Überprüfung von Entscheidungen des Jugendamts. Online wurde die Petition bislang rund 2000 Mal unterzeichnet. Lindemann lehnt auf Anfrage dieser Zeitung eine Stellungnahme zu der Petition sowie zum aktuellen Stand im Fall Hannes ab.

Am hiesigen System gescheitert

Das ist die Kurzfassung eines seit dem Frühjahr schwelenden Konflikts, der nun einmal mehr eskaliert. Im April hatte diese Zeitung erstmals über die Vorwürfe von Ines Semisch-Graßmann berichtet, der Mutter von Hannes, dessen Todestag sich bald zum ersten Mal jährt. Der als schwierig geltende Junge war früh am Brandenburger Bildungssystem gescheitert, galt mit 13 wegen Disziplinproblemen als unbeschulbar. Letzte Rettung war ein Auslandsprojekt im fernen Kirgisien.

Vom Jugendamt Oder-Spree intensiv begleitet, sorgten der Aufenthalt in einer Gastfamilie und der Unterricht in Bischkek für Besserung. Hannes bekam allmählich sein Temperament in den Griff. Er holte gute Noten, übersprang eine Klasse, stand mit 16 ein Jahr vor einem Schulabschluss, der auch in Deutschland gelten würde.

Doch dann brach das Jugendamt Oder-Spree die Maßnahme ab – gegen den Willen von Hannes und seiner Mutter. Hannes scheiterte nach seiner Rückkehr erneut am hiesigen Umfeld und am Schulsystem. In seiner Verzweiflung geriet er an Drogen. Auch wegen einer bis dahin nicht bekannten Muskelerkrankung starb er am 26. Oktober 2018 an den Folgen des Konsums.

Warum wurde das erfolgreiche Auslandsprojekt abgebrochen? Und war das fachlich richtig? Darauf will Ines Semisch-Graßmann eine Antwort. Landrat Lindemann zieht sich darauf zurück, dass die Entscheidung des Amtes vom Oberverwaltungsgericht bestätigt wurde. Der Kreistagsabgeordnete Kai Hamacher von den Freien Wählern indes vermutet inzwischen: "Einem einzelnen Sachbearbeiter im Jugendamt hat die Maßnahme auf einmal nicht mehr gefallen. Deshalb musste der Junge zurück. Das wäre ein Stück weit Willkür." Auch weise vieles darauf hin, dass die Rückkehr "ohne ausreichende fachliche Begleitung" erfolgte, sagt Hamacher nach Akten-Lektüre.

Er kritisiert das Agieren von Lindemann: "Der Landrat verschleiert statt bei der Aufklärung zu helfen." Beleg sei dessen Rede im September im Kreistag. "Er hat fast eine Stunde über den Fall Hannes geredet. Ein verheerender Rundumschlag – gegen die Mutter, die Medien und frühere Mitarbeiter des Jugendamts." Stephan Wende von den Linken, Chef des Jugendhilfeausschusses, sieht in Lindemanns Rede "eine Beschimpfung und eine Abrechnung mit allen möglichen Leuten". Geholfen habe das sicher nicht. "Der Landrat verrennt sich", befürchtet Wende.

Einig sind sich Hamacher und Wende auch darin, dass die Bearbeitung des Falles im sogenannten Petitionsausschuss des Kreistags der falsche Weg sei. Für ein solches Gremium habe Oder-Spree keine klare Rechtsgrundlage, keine verbindlichen, einsehbaren Regularien. Kai Hamacher hat die Arbeitsweise des Petitionsausschusses bereits in mehreren Punkten gerügt. Er moniert unter anderem eine fehlerhafte Besetzung und eine unzureichende Beteiligung aller Fraktionen.

Der Petitionsausschuss will im Dezember seine Arbeitsergebnisse vorstellen. Das ist Wende und Hamacher auch noch zu spät. Das Parlament habe sich zu lange hinhalten lassen, finden beide Abgeordnete. "Wir dürfen uns nicht mehr abspeisen lassen, sondern müssen uns endlich ernsthaft mit dem Fall Hannes beschäftigen", sagt Wende. Er will das Thema nun erneut auf die Agenda des Jugendhilfeausschusses setzen.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.
Frank Niese 12.11.2019 - 13:57:47

Komisch, wie das wahrgeommen wird....

...denn eigentlich ist die Sache doch ganz einfach. Die Mutter wünscht Aufarbeitung und die sachliche Feststellung, was schief gelaufen ist. Was ist daran nicht nachzuvollziehen? Als Jurist denkt man natürlich nur an die Paragraphen aber darum geht es in einer Branche wie der Kinder- und Jugendbetreuung nicht ausschließlich. Hier bedarf es allzu oft fachlicher Kompetenz und an dieser mangelt es dem Jugendamt offensichtlich, sonst wäre der Junge jetzt nicht tot. Ebenso ist es abscheulich, wie der Landrat reagierte - und zwar nicht einmal und aus Versehen - sondern immer wieder, in den Zeitungen, im Fernsehen. Wie kann man als gewählter Vertreter nur so unsensibel sein. Und was primäre und sekundäre Pflichten betrifft, wie weiter unten angesprochen - ist es genau diese Inkompetenz, die solche Begriffe überhaupt in die Welt posaunt - nur ohne Nutzen. Hannes war nunmal kein gewöhnlicher Jugendlicher. Diese Beurteilung und die daraus resultierenden Konsequenzen bzw. resultierendes Handeln entscheiden über Erfolg oder Misserfolg von Jugendarbeit. Und dafür ist das Jugendamt PRIMÄR da. In diesem Fall hat es grandios versagt - die Fakten sprechen leider für sich. Und es stimmt mich wütend und fassungslos, dass sich hier eine Seilschaft aus Beamten des Jugendamtes bis hin zum Landrat aufmacht, die Aufarbeitung zu verzögern, um die Sache vermutlich letztendlich unter den Tisch zu kehren. Das sind Methoden einer Bananenrepublik - Pfui Teufel!! Nur dank ambitionierter Kreistagsabgeordneter und vor allem der Mutter von Hannes ist das bisher nicht gelungen. Ich wünsche dieser starken Frau alles Gute und möge sie die Kruste dieser rücksichtslosen Bürokraten aufbrechen!!

Ralf H. Janetschek 15.10.2019 - 07:20:35

Fazit

Nicht jeder hat die Größe zuzugeben, daß er Fehler gemacht hat. Für Behörden scheint dies insbesondere zuzutreffen.

Paul Müller 15.10.2019 - 07:00:27

Speziell ...

... bei uns lässt man Drogendealer wohlwollend gewähren, schickt den Hannes aber in ein Land, welches schon den Besitz kleinster Mengen hart betraft ?! Alkoholabhängige demnächst nach Saudi Arabien ? https://www.novastan.org/de/kirgistan/sie-stehen-in-kirgistan-vor-gericht-unser-beileid-hoechstwahrscheinlich-werden-sie-zu-einer-haftstrafe-verurteilt/

Axel Fachtan 14.10.2019 - 22:22:09

Ein hoch emotionales Thema - ein Stück mit offenem Ausgang

In der Kreistagssitzung vom 18. September 2019 umfasste der Rechenschaftsbericht von Herrn Lindemann tatsächlich fast eine Stunde. Allerdings spiegelte sich diese Stunde in der Berichterstattung der Presse nicht wider. Es war aber zu erkennen, dass der Fall Hannes ein emotionales Thema ist, das den Landrat sehr belastete und wo er unter erheblichem Rechtfertigungsdruck zu stehen scheint. Einen ähnlich emotionalen Auftritt hätte es bei seinem Amtsvorgänger Zalenga kaum gegeben. Der hätte eher sowas gesagt wie: wir versuchen möglichst viele zu retten, aber wir können nicht alle retten. Junge Menschen sind schon gestorben, als es noch keine Landräte gab und sie werden auch noch sterben, wenn alle Amtsträger und Beteiligten schon weg sind. Der Landrat hatte in seiner Rede zum Ausdruck gebracht, dass er es für Wahlkampftaktik bezüglich der Landtagswahlen halte, dass 2 Akteure das Thema "hochkochen". Das Thema liegt aber, wie hier zu erkennen, weiterhin auf dem Tisch. Sind bei der Kindeserziehung nicht primär die Eltern in der Pflicht ? Und wenn das so ist, warum versuchen sie dann, den Landrat zu kippen und Mitarbeiter des Jugendamts. Sind die nicht "nur" sekundär in der Pflicht, wenn das Elternhaus schon nicht mehr weiterkommt ? Ist es nun einfach ein psychologische Notwendigkeit, Landrat und Mitarbeiter des Jugendamtes zu beschuldigen, um sich den eigenen Versäumnissen des Elternhauses nicht stellen zu müssen ? Oder liegen echte Amtspflichtverstöße von Landrat und Jugendamt vor ? Hannes starb am 26. Oktober 2018. An einer nicht erkannten Muskelerkrankung und an Drogen. Das wäre in einem Jugendwerkhof nach DDR-Manier so wahrscheinlich nicht passiert. Es gibt schon auch Fortschritte in der Arbeit der Jugendämter in den letzten 3 Jahrzehnten. Aber immer noch kann das Jugendamt nicht jeden mit jedem beliebigen Aufwand vor sich selber und den Erziehungsdefiziten im Elternhaus retten. Mehr Personal im Jugendamt ist aber auf jeden Fall erforderlich, ganz unabhängig vom traurigen Einzelfall.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG