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Festival
Mit "Warten auf Sturm" eröffnen die Kleist-Festtage

Das Theater probt die Revolution: Bild aus der Inszenierung des Staatstheaters Cottbus.
Das Theater probt die Revolution: Bild aus der Inszenierung des Staatstheaters Cottbus. © Foto: Winfried Mausolf
Christina Tilmann / 18.10.2019, 09:09 Uhr - Aktualisiert 18.10.2019, 10:24
Frankfurt (Oder) (MOZ) Das Frankfurter Festival eröffnet mit einem starken Plädoyer für das Theater und die Sprache – und verrät in der Preisträgerinszenierung aus Cottbus das Thema an dröhnende Bilder.

Katharina Gericke, selbst Kleist-Förderpreisträgerin von 1998 und Laudatorin der diesjährigen Verleihung, braucht nur wenige Sätze, um die festlich gestimmte Gesellschaft im Frankfurter Kleist-Forum am Donnerstag Abend bewusst und ganz gezielt in den apokalyptischen Abgrund zu reißen. Die Luft sei vergiftet, man könne nicht mehr atmen, in der Stadt Cottbus habe ein Erdbeben stattgefunden, unter dem Kleist-Forum tue sich ein Abgrund auf, beschwört sie aus dem Nichts eine Stimmung des Untergangs, die hausgemachte Klimakatastrophe und Weltuntergang zusammenbringt. Und bewegt sich damit perfekt in der Welt, die der diesjährige Kleist-Förderpreisträger Peter Thiers in seinem Stück "Warten auf Sturm" beschwört. Das ist, passend zur Eröffnung der diesjährigen Kleist-Festtage, tatsächlich so etwas wie die "Axt, die das gefrorene Meer in uns spaltet".

Dezibel ohne Dringlichkeit

Wo die Sprache nur wenige Sätze benötigt, um solche atemberaubende Szenarien zu entwerfen, versagen leider die Bilder. Die Uraufführungs-Inszenierung von Volker Metzler vom Staatsschauspiel Cottbus,  die nun die Kleist-Festtage eröffnet, verliert sich in Theaternebel und Musicaldröhnen, rauscht mit wehenden Europa-Fahnen in den Abgrund und verliert dabei all das, was das Stück – und die starken Schauspieler – an Potential mitbringen.

Die Verleihung des Kleist-Förderpreises und die anschließende Premiere des Stücks "Warten auf Sturm".
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Die Verleihung des Kleist-Förderpreises

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Dezibel schafft keine Dringlichkeit, und je lauter die Inszenierung gerade nach der Pause auffährt, desto verlogener tönt der Sound – bis hin zu dem geradezu demagogischen Schlussbild, wenn sich in einem dem Berliner Kanzleramt nachgebildeten Architekturkasten die dekadente Oberschicht der Herrschenden und die Masse der namenlosen Beherrschten als Zweiklassengesellschaft gegenüberstehen. Die (jenseits des Stücktexts) beschworene AfB (Alternative fürs Bergwerk) als Gleichung für "Wir da unten – die da oben" – so simpel soll es sein?

Dabei hatte zuvor bei der Eröffnungsfeier Frankfurts Oberbürgermeister René Wilke so leidenschaftlich wie überzeugend für die Bedeutung des Theaters als Inspiration und Debattenraum plädiert: schon dafür lohne es, Preise wie den Kleist-Förderpreis zu verleihen. Peter Thiers "monumentales Debüt", als welches die Jury es lobt, hat mit seinen Themen von Ausbeutung und Unterdrückung, Macht und Rebellion jede Menge starken Stoff mit aktueller Dringlichkeit zu bieten.

Es ist nicht so, dass die Inszenierung davon nichts beibehalten hätte. Der Konflikt zwischen den Grubenarbeitern (Cleanern), die in weiße Schutzanzüge gehüllt wie Marsmenschen über die Bühne ziehen, und der Herrschaftsschicht rund um den Grubenbesitzer Winter, der in weiße Flokati-Mäntel gehüllt messianisches Sendungsbewusstsein verströmt, ist zu Beginn eine starke Setzung. Wie überhaupt der Konflikt zwischen Vater und Sohn Winter, der schließlich im Vatermord endet, zum eigentlichen Herzstück des Abends wird. Und Lisa Schützenberger, die den Sohn Winter von einer den Vater nachäffenden Marionette zur demagogischen Anführerfigur reifen lässt, ist der unbestrittene Star des Abends.

Doch umso verschenkter ist Thiers dystopischer Grundansatz. Die Cleaner, die im Stück mit starken Chortexten zwischen Abhängigkeit und Auflehnung changieren, werden – abgesehen von einer Eröffnungssequenz mit Heiner Müllers "Befreiung des Prometheus" – zur sprachlosen Masse, und dürfen am Ende nur noch in orangene Umhänge gehüllt  auf der Flucht vor der alles vernichtenden Naturkatastrophe über die Bühne irren. Dieses Bild, das kapitalistische Ausbeutung mit einer vordergründigen Flüchtlingsassoziation kurzschließt, ist so flach wie falsch.

Kleist-Förderpreis 2020 in der Auswahl

106 Stücke wurden für den Kleist-Förderpreis 2020 eingesandt, verrät Florian Vogel, Künstlerischer Leiter des Kleist-Forums. Die Jury befinde sich in der dritten Runde. Uraufgeführt wird das ausgewählte Stück am Schauspiel Leipzig. Es gibt 2020 zwei Jubiläen: der 25. Kleist-Förderpreis und die 30. Kleist-Festtage.⇥red

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