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Erfahrungsbericht
Elftklässler berichtet über sein Leben als Stotterer

Anton Orlow (16) besucht das Louise-Henriette-Gymnasium in Oranienburg.
Anton Orlow (16) besucht das Louise-Henriette-Gymnasium in Oranienburg. © Foto: Klaus D. Grote
Anton Orlow / 22.10.2019, 08:22 Uhr
Oberhavel Wie lebt es sich als Stotterer? Ich selbst stottere schon seit meiner frühen Kindheit. Situationen, über die sich andere Menschen keine Gedanken machen, waren für mich früher echte Herausforderungen. Während andere in der Schlange beim Bäcker stehen, denken die meisten darüber nach, ob sie jetzt doch lieber die Apfeltasche anstelle des Croissants nehmen sollten. Für mich war die Sache in fünf Sekunden entschieden. Ich überlegte mir in der Schlange, wie ich mich am besten ausdrücken sollte, um nicht zu stottern und habe dann Apfeltaschen bestellt.

König Georg VI., Winston Churchill, Albert Einstein – allesamt berühmte Persönlichkeiten. Nur die wenigsten wissen aber, dass alle Stotterer waren. Trotzdem haben sie sehr viel im Leben erreicht, obwohl am Anfang keiner an sie geglaubt hat. Dass Stotterer Menschen mit einer psychologischen Störung sind und im Leben nicht wirklich gut zurechtkommen, ist eines der am weitesten verbreiteten Vorurteile. Meistens kommen diese nicht aus böser Absicht, sondern einfach aus Unwissenheit. Dabei sind vom Stottersymptom geschätzt ein Prozent der Weltbevölkerung betroffen, etwa 800 000 in Deutschland. Mit anderen Worten: Von 100 Menschen, die man im Leben trifft, stottert einer.

Manchmal sind es die kleinen Alltagsdinge, die für einen Stotterer zum Problem werden können. Während ein kurzes Telefonat für viele Menschen nichts Außergewöhnliches ist, bedeutete es für mich eine Menge Vorbereitung und vor allem auch Überwindung. Erst musste ich notieren, was ich gleich sagen wollte, dann habe ich es mehrmals vor dem Spiegel geübt, bevor ich anrufen konnte. Besonders schlimm war es, wenn ich mit fremden Leuten sprechen musste. Ich wusste nie, wie mein Gegenüber auf mein Stottern reagieren würde. So stieg der Druck. Eine Rede oder ein Vortrag vor einer großen Menschenmenge, beispielsweise vor der Schulklasse zu halten, war ebenfalls ein sehr großes Problem. Mit Freunden hingegen zu sprechen, funktionierte ziemlich gut. Sie wussten schon, dass ich stottere und so konnte ich viel flüssiger als sonst reden. Ich musste keine Angst vor ihren Reaktion haben. War ich alleine, stotterte ich gar nicht. Das war ein sehr befreiendes und angenehmes Gefühl.

Doch wieso schreibe ich das alles im Präteritum? Ich stottere immer noch, allerdings ist es schon viel besser geworden. Verschiedene Therapien haben mir geholfen. Außerdem habe ich auch einfach gelernt, entspannter mit dem Stottern umzugehen.

Kommen wir erst einmal zu den Therapien. Am Anfang musste ich durch eine psychologische Untersuchung gehen, die keine Störung bei mir feststellen konnte. Die Untersuchung war zum Teil überflüssig, da das Stottern zum Großteil genetisch veranlagt ist. Bei manchen wird das Gen für das Stottern im Kindesalter aktiviert, bei anderen nicht. Danach ging ich viele Jahre zu verschiedenen Logopäden. Was ich hierzu sagen kann: Sie helfen nur, die einzelnen Stotter-Symptome zu umgehen, behandeln aber nicht das Stottern selbst. Ein jeder Stotterer – auch ich – spürt schon im Vorfeld, dass er gleich bei einem Wort stottern wird. Die Logopädie hilft, diese Stellen gezielt zu erkennen und sie weicher auszusprechen. So verhindert man den Druck im Hals- und Brustbereich – flüssiger spricht man davon aber nicht.

Was mir viel mehr geholfen hat, war Meditation in Verbindung mit Atemübungen und Hypnose. Das erste bringt Ruhe, auf lange Sicht ein langsameres Sprechtempo und weniger Aufregung. Die Hypnose wird von vielen skeptisch betrachtet, dabei ist sie wissenschaftlich anerkannt. Und obwohl sie mein Stottern nicht vollständig beseitigen konnte, hat sie mir Selbstsicherheit und Gelassenheit gegeben.

Womit ich auch schon zu dem Punkt komme, wie ich entspannter mit dem Stottern umgehe. Ich stimme der Ansicht nicht zu,  dass Stottern eine Behinderung ist. Es gibt viel schlimmere Krankheiten und Symptome auf der Erde. Stotterer sollten sich im Klaren darüber sein, dass sie sprechen können. Viele Menschen können das nicht! Ich versuche, jede Möglichkeit der mündlichen Kommunikation zu ergreifen. Je mehr ich rede, desto weniger Angst habe ich und stottere dementsprechend seltener. Nach dem Motto: Growth Through Speaking – Wachstum durch Sprechen.

Ich habe mein Stottern akzeptiert und versuche somit nicht mehr, es während eines Gespräches zu verheimlichen, sondern es von Anfang an offenzulegen. Manchmal beginne ich ein Gespräch sogar einfach damit zu sagen, dass ich stottere. Das nimmt zum einen den Druck von mir selbst, aber auch den von meinem Gegenüber.

Ich möchte Journalist werden. Es mag unvereinbar mit dem Stottern klingen, doch das stimmt nicht. Als Stotterer ist es definitiv kein Ausweg, eine Liste mit allen möglichen Berufen zu verfassen und dann alle wegzustreichen, bei denen man viel sprechen muss. Ich nehme da immer gerne das Beispiel der Paraolympischen Spiele. Eine körperliche Behinderung scheint zunächst sportliche Aktivitäten auszuschließen, aber die Athleten haben einen Wunsch, Sport zu treiben und machen das auch. Beim Stottern ist das genauso. Beherrsche das Stottern, lasse nicht das Stottern dich beherrschen. Das sollte der Grundsatz für jeden Stotterer sein.

Wen es als Nicht-Stotterer interessiert, wie er mit einem Stotterer sprechen sollte, habe ich hier einige Tipps: Als erstes ist ein Stotterer ein Mensch wie jeder andere auch. Am besten sprechen Sie mit ihm so, wie Sie auch mit einem nicht stotternden Menschen sprechen würden. Versuchen Sie nicht ihm Ratschläge zu geben, wie er flüssiger werden kann, das weiß er auch selbst, oder seine Sätze zu vervollständigen. Nicht vergessen: Ein Stotterer weiß genau, was er sagen will – er kann es bloß nicht immer gleich aussprechen. Fragen Sie nach, wenn Sie etwas nicht verstanden haben. So zeigen Sie, dass Sie ihm aufmerksam zuhören. Idealerweise drosseln Sie Ihr Sprechtempo etwas. So nehmen Sie dem Stotterer den Druck, sich Ihrem schnellen Tempo anpassen zu müssen.

Unser Autor Anton Orlow aus Neuendorf ist 16 Jahre alt und besucht die elfte Klasse. Er hat in der Redaktion ein Praktikum absolviert.

Mehr voneinander erfahren

Die International Stuttering Association (Internationale Stotter-Vereinigung), deren Vertreter in Deutschland die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e. V. (BVSS) ist, hat den Welttag des Stotterns ausgerufen, bei dem nicht-stotternde Menschen mehr über das Stottern erfahren und so toleranter werden sollen. Der Tag findet 1998 jedes Jahr am 22. Oktober statt. Dieses Jahr steht er unter dem Motto "Growth Through Speaking" (Wachstum durch Sprechen). Schon im Vorfeld fanden verschiedene Veranstaltungen statt. So waren am Sonntag an vielen Bahnhöfen Deutschlands zehnsekündige Spots mit drei Vertretern der BVSS zu sehen. "Wir sagen’s auf unsere Weise" hieß die Aktion. Heute werden in einigen großen Städten, wie in Karlsruhe, Hamburg und Stuttgart, Flyer verteilt, Filme zum Thema Stottern gezeigt oder Informationsstände aufgebaut, an denen man Stotterern und Experten Fragen stellen kann. In Oberhavel oder Berlin finden leider keine dieser Veranstaltungen statt.⇥orl

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