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Zeitzeugen
Ehemalige Staatsfeinde berichten

Riesiges Interesse: Vor gut einhundert Zuhörern sprachen Reinhard Dalchow (links) und Dr. Sebastian Pflugbeil über die Umwelt- und Friedensbewegung in der DDR, die sie beide maßgeblich mitgeprägt hatten.
Riesiges Interesse: Vor gut einhundert Zuhörern sprachen Reinhard Dalchow (links) und Dr. Sebastian Pflugbeil über die Umwelt- und Friedensbewegung in der DDR, die sie beide maßgeblich mitgeprägt hatten. © Foto: Martin Risken
Martin Risken / 04.11.2019, 06:15 Uhr
Neuglobsow (MOZ) Geheimhaltung ist schlimmer als die Veröffentlichung", ist sich Umweltpfarrer i.R. Reinhard Dalchow sicher. Doch gegen die "verknöcherten Ansichten der Machthaber" kam auch er nicht an. "Deshalb ist dieses DDR-System untergegangen", ist Dalchow überzeugt.

Gemeinsam mit dem Mitbegründer des Neuen Forums, Dr. Sebastian Pflugbeil, saß Dalchow am Sonnabend im Stechlinsee-Center in Neuglobsow als Zeitzeuge auf dem Podium, um über seine Umweltarbeit in der DDR zu berichten. Diese wurde von der Staatsmacht kritisch beobachtet. Nur die evangelische Kirche bot Schutz vor Repressalien. Während Dalchow, der von 1971 bis 1995 als evangelischer Pfarrer in Menz wirkte und 1985 den "Umweltkreis" gründete, erarbeitete Pflugbeil Mitte der 80er-Jahre die Studie zu "Energie und Umwelt" in der DDR. Darin ging es auch um die Kernkraftwerke Rheinsberg und Lubmin und darum, wie unsicher diese Technologie ist. Die Umweltdaten seien damals von der Regierung geheimgehalten worden, weil klar war, dass die Mitarbeiter dort einer großen Strahlenbelastung ausgesetzt waren.

Menzer Umweltsonntag

Als führender Experte für das Thema fand Pflugbeil erstmalig 1988 den Weg zum Umweltsonntag nach Menz. "Er gab uns den Input, den wir damals brauchten", erinnerte sich Dalchow an die erste Begegnung mit dem Diplom-Physiker. Die Vorstellung der Studie in Menz verfehlte ihre Wirkung nicht. "Viele Mitarbeiter des Kernkraftwerkes kamen aufgeregt angelaufen", erinnerte sich Dalchow. Sie machten sich Sorgen um ihre Gesundheit. Nach dem Fall der Mauer zogen viele Mitarbeiter des Kernkraftwerkes (KKW) wegen der hohen Strahlenbelastung, der sie ausgesetzt waren, vor Gericht.

Pflugbeils konspirative Arbeit blieb nicht ohne Wirkung. 1989 wurde er von der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley zur Gründung des Neuen Forums eingeladen. Die 30 Gründungsmitglieder verfassten einen einseitigen Aufruf, indem es um Dialog ging. Das Schreiben verbreitete sich wie eine Lawine über die DDR, erinnert sich Pflugbeil, der sich wegen seiner "staatsfeindlichen" Aktivitäten Sorgen um seine Familie machte und für den Fall seiner Verhaftung Vorsorge getroffen hatte.

In fast jedem Dorf gründeten sich nach der Verbreitung des Schriftstücks Gesprächskreise, in denen diskutiert worden sei, wie der Staat reformiert werden könnte. Doch dann fiel die Mauer und habe diesen wichtigen Dialog unterbrochen. Der Ruf nach der Wiedervereinigung wurde lauter. Für Reformen oder gar eine Annäherung zwischen dem Staat und seinen Bürgern war da kein Platz mehr.

Pflugbeil wurde Mitglied des Runden Tisches in Berlin. "Doch die Arbeit dort war wenig koordiniert und es kam deshalb nicht zu einer zielgerichteten Entwicklung", so der 72-Jährige, der vom Neuen Forum für ein Ministeramt in der Regierung Modrow nominiert wurde.

Kritik an Klima-Aktivisten

Als Minister ohne Geschäftsbereich erhielt Pflugbeil Zugang zu "hochexplosiven Unterlagen aus dem Ministerrat", insbesondere was die Gefahren des Atomkraftwerkes Rheinsberg anbelangt. Er habe die Unterlagen abends mit nach Hause genommen, um sie heimlich zu kopieren. Morgens brachte er sie zurück. Pflugbeil verfasste einen Bericht, in dem er auf die Gefahren des KKW hinwies. Dieses Papier sei die Grundlage für die Entscheidung zur Schließung des KKW Rheinsberg im Jahr 1990 und für den anschließenden Rückbau gewesen.

Für erhebliche Irritationen sorgte Pflugbeil zum Abschluss des gut zweistündigen Zeitzeugengespräches, als er mit der Bewegung "Fridays for Future" hart ins Gericht ging. Vor den gut einhundert Zuhörern hatte er zuvor betont, dass es wichtig sei, Expertenmeinungen immer wieder in Frage zu stellen. Die von der schwedischen Schülerin Greta Thunberg ins Leben gerufene Klimaschutzbewegung "halte ich für nicht glücklich und nicht hilfreich", sagte Pflugbeil zum Erstaunen des Publikums. Es mache ihn äußerst misstrauisch, dass von Politik und Medien ein "einstimmiges Lied gepfiffen" werde, wonach der Klimawandel von den Menschen verursacht werde. "Die Wahrheit ist deutlich komplizierter", betonte Pflugbeil, der in diesem Zusammenhang bedauerte: "Der wissenschaftliche Disput bleibt auf der Strecke." Wer in dieser Debatte eine andere Meinung habe, dürfe nicht verteufelt werden.

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