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DDR-Kunst
"Aus der Schatzkammer"-Ausstellung in der Architektur Galerie Berlin

Dokumentarist einer Welt, die verschwindet: der Architekt Martin Maleschka.
Dokumentarist einer Welt, die verschwindet: der Architekt Martin Maleschka. © Foto: Robert Büschel / Stadtarchiv Cottbus, 2019.
Inga Dreyer / 08.11.2019, 06:00 Uhr - Aktualisiert 08.11.2019, 08:27
Berlin (MOZ) Die DDR lässt ihn nicht los: Martin Maleschka (37) fotografiert Kunstwerke, hält Vorträge, macht Seminare und Workshops zum Thema. Jetzt hat der Architekt eine Ausstellung mit Objekten aus seiner Sammlung vorbereitet.

Herr Maleschka, was wird in der Schau "Aus der Schatzkammer" in der Architektur Galerie Berlin zu sehen sein?

Ich werde zwei verschiedene Objekte einander gegenüberstellen. Zum einen eine Installation mithilfe des beliebten DDR-Stab-leuchtensystems des Formgestalters Peter Rockel. Jeder kennt diese Lampen aus dem Palast der Republik. Das zweite sind vier bemalte Holzspanplatten eines ursprünglich 16-teiligen Wandbildes von Willi Sitte, das aus der SED-Parteischule in Berlin stammt. Es zeigt unter anderem einen scheinbar energiegeladenen Karl Marx, der eine Flamme in seiner rechten Hand zerquetscht. Es ist ein sehr farbenkräftiges, intensives Bild. Eigentlich war die Intention, den Palast der Republik anlässlich des Mauerfall-Jubiläums auf der Karl-Marx-Allee auferstehen zu lassen – nur mit den Leuchten. Aber im Palast gab es auch die sogenannte Palast-Galerie – und Willi Sitte war ein Palastkünstler. So bin ich auf das im Kunstarchiv Beeskow eingelagerte Wandbild gekommen. Die Lampen stammen aus meiner eigenen kleinen Schatzkammer.

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Interview: Martin Maleschka zur Ausstellung Aus der Schatzkammer

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Wie sieht Ihr Archiv aus? Gibt es dort noch mehr Schätze?

Das füllt sich so peu à peu. Es gibt ein paar Beton-Ornamentsteine, Metallgitter von einem Kindergarten und so was … Es ist schade, wenn die Sachen nur im Keller liegen, sie müssen gezeigt werden. Eigentlich bin ich dafür, dass solche Dinge gar nicht erst in private Hände gelangen – wenn sie überhaupt abgebaut werden. Sie sollten lieber von Stadt- und Regionalmuseen gesammelt und archiviert werden. Ich bin auch kein Fan davon, dass Kunstwerke aus alten Hotels oder FDGB-Ferienheimen in den Wäldern Thüringens und Sachsens entwendet werden. Wenn ich in der Gegend herumstrolche und Gebäude dokumentiere, entdecke ich auch heute noch Kunst oder Reste von Kunst. Wenn ich Jahre später noch einmal komme, merke ich oft: Da fehlt doch irgendetwas!

DDR-Kunst und -Architektur wird nicht nur geklaut, sondern auch offiziell entfernt. Sie haben sich beispielsweise für den Verbleib der abgerissenen Fachhochschule in der Potsdamer Innenstadt ausgesprochen. Wieso?

Na ja, es gibt immer ein Für und Wider. Ich bin bei ganz vielen Sachen gespaltener Meinung. Die Architekten damals haben sich schon sehr viele Gedanken gemacht. Beispielsweise haben sie die vertikalen Einkerbungen der Säulen der Nikolaikirche in der Fassadengestaltung der Fachhochschule aufgegriffen. Aber das ist nur ein kleiner Fakt. Es war ein großes Haus, das hätte definitiv umgenutzt werden können – als ein "Haus für Alle". Vereine, Künstler und Künstlerinnen sind momentan alle im Rechenzentrum untergebracht, das nächste Beispiel für einen Abriss. Da wird wieder ein kultureller Ort plattgemacht. Potsdam ist natürlich immer ein Sonderbeispiel, weil man sich Anfang der Neunzigerjahre auf die Rekonstruktion der historischen Mitte festgelegt hat. Aber man fragt sich schon: Was nach der Wende entschieden wurde – ist das heute noch zeitgemäß?

Sie haben sich der Dokumentation von Architektur und Kunst am Bau der DDR verschrieben. Warum?

Das rührt daher, dass ich selbst mal Graffiti gesprüht habe, also Kunst am Bau gemacht habe. In meinem Architekturstudium habe ich dann fiktive neue Gebäude entworfen, aber gleichzeitig wurden Teile meiner Heimat entfernt – beispielsweise der Wohnkomplex VII in Eisenhüttenstadt, in dem ich aufgewachsen bin. Ich habe gedacht: Vielleicht sind die Gebäude gar nicht so schlecht – optisch wie funktional? Vielleicht kann man sie so umnutzen, dass sie wieder gebraucht werden können? Ich habe angefangen zu hinterfragen: Muss das Gebäude wirklich weg? Klar, manchmal kommt man auch zu spät. Deswegen ist es so schön, wenn man in einem Kunstarchiv wie in Beeskow wühlen kann und Sachen entdeckt, die einst in Gebäuden verschiedenster Nutzung zu sehen waren.

Mit ihren Projekten unterstützen Sie diesen Hype. Was steht als nächstes an?

Unter anderem die Ausstellung "Linientreu" zu U-Bahnen in Ost-Berlin – als Pendant zur Ausstellung über West-Berliner U-Bahnen, die in der Berlinischen Galerie zu sehen war. In Eisenhüttenstadt arbeiten wir mit dem Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR und der Kunsthochschule Weißensee an der Ausstellung mit aktuellem Arbeitstitel "100 Jahre Eisenhüttenstadt – von der Utopie zur Peripherie?" Es geht um die Entstehung, die Transformation und die Zukunft der ersten sozialistischen Planstadt der DDR. Hinzu kommt eine Art Szenario für die kommenden 30 Jahre. Gibt es die Stadt dann überhaupt noch? Wie sieht sie aus? Diese Fragen betrachten wir baulich, aber auch gesellschaftlich.

"Aus der Schatzkammer", bis 21.12, Architektur Galerie Berlin, Karl-Marx-Allee 98, Berlin-Friedrichshain, Vernissage am 21.11, 19 Uhr

Zwischen Hütte, Berlin und Beeskow

Martin Maleschka wurde in Eisenhüttenstadt geboren und hat an der BTU in Cottbus studiert. Der Architekt beschäftigt sich in unterschiedlichen Projekten mit industriellen Bauten der DDR und Kunst am Bau; seine Fotoserien waren schon in Ausstellungen in Erfurt, Weimar und London zu sehen. Maleschka ist auch Projektleiter von "Alle in die Kunst!" des Kunstarchivs Beeskow. Bei diesem derzeit laufenden Ausstellungsprojekt sind Laien eingeladen, das sonst nicht dauerhaft öffentlich zugängliche Archiv zu durchforsten.

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