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Das erste öffentliche Bürgerforum in Biesenthal fand am 6. November 1989 statt. Weil die Schule zu klein war, zogen die Menschen in die Kirche um.

Bürgerforum
Biesenthals Tag 3 vor dem Fall der Mauer

Olav Schröder / 08.11.2019, 20:25 Uhr
Biesenthal (MOZ) Eigentlich sollte das erste öffentliche Bürgerforum in Biesenthal am 6. November 1989 in der  Schule stattfinden. Doch der Andrang war damals so groß, dass die Aula die Menschen nicht aufnehmen konnte. So fand das Forum schließlich in der Evangelischen Stadtkirche statt. Dort trafen sich jetzt, 30 Jahre nach dem Mauerfall, erneut mehr als 80 Biesenthaler, nicht nur, um sich an das Bürgerforum zu erinnern, sondern auch, um einen Gedenktstein zu enthüllen.

"Die Bahnhofstraße war voller Menschen", sagt Jörg Weprajetzky, der damals 29 Jahre alt war und auf dem Forum gesprochen hatte. "Die Straßen in Biesenthal waren kaputt, die Gaststätten zerfielen, Felder und Wälder waren eingemauert, nichts ging voran", beschreibt der Biesenthaler die damalige Situation. Jetzt eröffnet er mit Gertrud Poppe für den Heimatverein, mit Bürgermeister Carsten Bruch für die Stadt und mit Pfarrer Christoph Brust für die Kirchengemeinde die Gedenkveranstaltung.

Mutige und ehrliche Menschen, die sich Reformen wünschten, waren zusammengekommen, berichtet Pfarrer Christoph Brust, der damals noch in Kyritz lebte, die Geschehnisse in Biesenthal von damals aber aus vielen Erzählungen kennt. Von den Menschen könne man Emotionales, aber auch viel Lehrreiches für die Zukunft mitnehmen: "Gedenken bedeutet zuerst erinnern. Es ist aber mehr, es heißt denken und weitergehen."

Die Unzufriedenheit war groß, es herrschte eine "gewisse Aufregung" in der Kirche, wird berichtet. Dem damaligen Pfarrer Johannes Fährmann sei es zu verdanken, dass er immer wieder beruhigend auf die Menschen eingewirkt hat. Mitarbeiter der Stasi waren ebenfalls vertreten. Und es habe ein "Präsidium" mit Vertretern des Rates des Kreises und der Nationalen Front gegeben, die beteuerten, dass der Sozialismus siegen werde. Doch den Menschen sei es um Missstände gegangen, was wiederum vom Präsidium versucht wurde "richtig zu stellen".

Der heutige Bürgermeister Carsten Bruch war damals zwölf Jahre alt. Als sich in Leipzig Zehntausende versammelt hatten, habe niemand sicher sein können, dass nicht wieder Gewalt eingesetzt werde, sagt er. Doch die Sehnsucht nach Freiheit sei so groß gewesen, dass die Menschen die Risiken eingingen und ihre Angst überwanden. Oft sei schon das einfache offene Wort riskant gewesen. Heute, 30 Jahre später, sei aus Biesenthal dank einer Gemeinschaft, die sich einbringe, aus einer grauen eine bunte Stadt geworden, so Bruch.

Auch mahnende Worte fand Pfarrer Christoph Brust. Am 9. November 1938 fand die Pogromnacht statt. Auch heute müssten die Menschen wieder gegen Hass und Ausgrenzung zusammenstehen, sagte er.

Für Egon Schulz, der nach der Wende in Biesenthal zum Bürgermeister gewählt wurde, war die Zeit damals "wie ein Schnellzug". Jeder habe Probleme gehabt, doch niemand habe gewusst, wie sie zu lösen seinen. Auch heute müsse man wachsam bleiben, die Dinge verbessern. Er regte Gesprächsrunden an, um sich auch im kleinen Kreis an die Zeit zu erinnern.

Forum fordert freie Wahlen

Die Abschaffung des alleinigen Führungsanspruchs der SED, die Zulassung demokratischer Bürgerinitiativen und freie Wahlen waren die Forderungen des Forums vom 6. November 1989. Daran erinnert der Gedenkstein vor der Kirche, der von Carsten Weprajetzky gestiftet und dessen Aufstellung von Familie Rücker, Hannelore Ihlow, Reinhard Kuß , Sascha und Nico Wunderlich, Carsten Bruch sowie Peter und Andreas Jahn unterstützt wurde.

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