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30 Jahre Mauerfall mit Gesprächsrunden, Dokumentationen, Disko und "Wendebüfett"

Rückblick
Woltersdorfer erinnern sich an die Wende

Wendeerinnerungen: Ulrich Lipka, Ursula Port, Reinhard Hildebrandt, Bernd Kolbe und Friederike Hartmann-Koch (von links) diskutierten in der Alten Schule.
Wendeerinnerungen: Ulrich Lipka, Ursula Port, Reinhard Hildebrandt, Bernd Kolbe und Friederike Hartmann-Koch (von links) diskutierten in der Alten Schule. © Foto: Marion Thomas
Marion Thomas / 10.11.2019, 18:20 Uhr
Woltersdorf An Tage wie diesen erinnern sich wohl alle, die ihn miterleben durften. Der 9. November 1989 schwebt in lebendigen Bildern im Kopf und zaubert stets Erinnerungen an denkwürdige Ereignisse. All das zu erzählen und in heutige Zeit einzuordnen, war für den Verein Kulturhaus Alte Schule Anlass für eine besondere Veranstaltung: Unter dem Motto "Mein 9. November – wir feiern 30 Jahre Mauerfall" gelang in enger Zusammenarbeit mit dem Woltersdorfer Verschönerungsverein ein stimmungsvoller Feiertag. Friederike Hartmann-Koch und Ulrich Lipka moderierten zwei Podiumsdiskussionen mit Woltersdorfern, die ihre Wendegeschichten erzählten. Dazu gab es Filme aus der rbb-Dokumentation "Chronik der Wende" sowie viele Gespräche am "Wendebüfett" mit Kaltem Hund, Götterspeise oder Kamerunern, Hackepeter-Igel oder Soljanka. Zudem konnte man die neueste Ausstellung im Heimatmuseum anschauen. Später wurde getanzt.

Friedensgebiet am Abend

Viele waren gekommen mit unglaublichen Erlebnissen im Gepäck. Unter ihnen Wolfgang Höhne, der 20 Jahre Bürgermeister war. "Eine irre Zeit", sagt er und erinnert sich an das erste Friedensgebet in der Woltersdorfer Kirche mit der Hauptrednerin Katja Havemann. Dort gab es auch den Aufruf zur Gründung des "Neuen Forums", für ihn "der Inbegriff des demokratischen Sozialismus in der DDR". Genau am 9. November saß er mit Gleichgesinnten bis tief in die Nacht bei einem Treffen, hat von den umwälzenden Ereignissen zunächst nichts mitbekommen.

Ebenso Reinhard Hildebrandt, der bereits zu DDR-Zeiten einer der wenigen selbständigen Handwerker in Woltersdorf war. "Ich habe den Mauerfall verschlafen", gesteht er. "Ich musste doch früh raus, war abends immer zeitig im Bett." Erst Wochen später sei er mal über die nun offene Grenze gefahren. In seinen Erinnerungen leben die vielen Diskussionen, Unzufriedenheit hatte sich breit gemacht. Sie hatten einen runden Tisch gegründet, um etwas zu ändern im politischen System. "Doch so schnell und so krass hat es von uns wohl keiner gedacht."

Jürgen Bock dagegen, der kurz nach der Wende die "Woltersdorfer Nachrichten" herausgab, hatte sich sofort nach der euphorisierenden Nachricht über die Maueröffnung ins Auto gesetzt und wollte nach Westberlin fahren. Doch am Grenzpunkt Heine-Straße kam er nicht weiter – seine Frau, eine Ungarin, durfte wie alle Ausländer nur den Checkpoint Charlie passieren.

Elke Leetz, "Ur-Woltersdorferin in vierter Generation", wie sie lachend betont, hat erst am nächsten Morgen im Radio von der Maueröffnung gehört. "Ich war gerade dabei, den Ofen anzuheizen und dachte, das kann nicht wahr sein!" Sie sollte dienstlich nach Halle fahren und eine Ausstellung besuchen. Spontan beschloss sie zu schwänzen und fuhr zum Tränenpalast. "Ich besuchte zwei Galerien in Westberlin. Die bunte Glitzerwelt in Kaufhäusern interessierte mich nicht." Das Begrüßungsgeld hat sie dennoch abgeholt und sich davon bunte Papierservietten gekauft. "Verrückt", amüsiert sie sich noch heute, "aber so schöne gab es bei uns nicht." Zwei Tage später fuhr sie mit ihrer Tochter und deren Vater eben jene Mauer entlang, die ihre Familie nicht zusammenkommen ließ. "Ich war sehr deprimiert, konnte mich ihr nicht nähern oder sie gar berühren."

Karriere und Ausreise

So reihten sich viele Erinnerungen aneinander, lustige wie traurige, alltägliche und außergewöhnliche. Ursula Port beispielsweise verdankt dem Staat DDR ihre Karriere: "Ich kam aus sehr armen Verhältnissen. Ein Studium hätten meine Eltern nie finanzieren können." Sie arbeitete als Ärztin in der Charité, später praktizierte sie in Woltersdorf. Heidemarie Brauer dagegen hätte auch gern studiert. Doch sie wurde christlich erzogen, wuchs nicht staatstreu auf und lebte auch so. Gemeinsam mit ihrem Mann kämpfte sie unter anderem für wirklich freie Wahlen. Kurz vor der Wende wurde ihrer Familie die beantragte Ausreise gen Westen genehmigt. Die Maueröffnung verschlief auch sie, erfuhr es erst durch einen Anruf ihrer Tochter morgens halb fünf. "Natürlich waren wir glücklich, dass die Mauer verschwand. Doch für uns waren nicht etwa Bananen, ferne Länder oder schicke Autos wichtig, sondern die Freiheit. Sie ist das höchste Gut."

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