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Mit dem legendärem Städteexpress aus Reichsbahnzeiten ist der neue Bahnhofsplatz von Tantow spektakulär eingeweiht worden.

Sonderfahrt
Im Schnellzug nach Stettin

Oliver Schwers / 14.11.2019, 07:30 Uhr - Aktualisiert 14.11.2019, 10:36
Tantow (MOZ) In ein knalliges Orange gehüllt sind die blankgeputzten Waggons. Sie haben schon etliche Jahrzehnte auf dem Buckel. Doch das sieht man den restaurierten Wagen aus Zeiten der Deutschen Reichsbahn nicht an. Vorweg legt sich eine kräftige sowjetische Diesellok ins Zeug – die legendäre Ludmilla. Mittendrin fährt ein echter Mitropa-Speisewagen. Als der Sonderzug aus Berlin in Tantow eintrifft, hupen Autos, lassen Feuerwehren ihre Martinshörner hören. Erstmals in der seit 1843 währenden Geschichte der Stettiner Bahnlinie hat ein Städteexpress den Bahnhof erreicht. Die einst schnellste Zugverbindung in Ostdeutschland ist an diesem Tag nicht umsonst vom Amt Gartz aufgefahren worden. Die Region wartet auf das geplante zweite Gleis und eine Elektrifizierung der Strecke, um wie schon zur Kaiserzeit wieder vernünftig ans Eisenbahnnetz angebunden zu werden.

Alte Laderampen sind weg

"Wir erwarten künftig einen Stundentakt zwischen Berlin und Stettin, der in der Hauptverkehrszeit halbstündlich verstärkt wird", sagt Amtsdirektor Frank Gotzmann. Bis dahin sind es noch ein paar Jahre Bauzeit. Doch Tantow hat schon mal das gesamte Bahnhofsumfeld vollkommen umgestalten lassen. Nachdem das nicht zu vermarktende Bahnhofsgebäude verschwunden war, sollten auch die alten Laderampen und das völlig unwegsame Gelände weg. Jetzt gibt es einen Unterstand, moderne Anzeigen, Bahnhofsuhr, Parkplätze direkt am Gleis, Zuwegungen. Alles schick und teuer. Rund eine Million Euro hat der Verknüpfungspunkt zwischen Gleis, Bus und Fahrrad gekostet. Das Land förderte großzügig.

Doch der eigentliche Bahnsteig ist mittlerweile zur kurz. Hier kann kein IC halten. Deshalb sollen die bestehenden 100 Meter auf 170 erweitert werden. Frank Gotzmann ist unzufrieden: "Wir sind ein Grenzbahnhof, wo für alle Fälle auch Fernzüge halten müssen, brauchen also wenigstens 240 Meter Bahnsteiglänge."

Hinter dem Amtsdirektor stürmen 400 polnische Kinder aus dem Zug heraus, der gerade von Stettin zurückgekommen ist. Ein Riesentumult. "Ich könnte mich nicht erinnern, dass in Tantow schon mal so viele Menschen auf einmal aus dem Zug gestiegen sind", sagt Bürgermeisterin Silke Natter. Zum Einweihungsfest hat sie extra Erinnerungs-T-Shirts mit Aufdruck für die Bauleute anfertigen lassen. Dankeschön nach 27 Bauberatungen, schlaflosen Nächten und endlosen Diskussionen.

Und dann rückt sogar Romanheldin Effi Briest an, am Arm von Baron Innstetten. Weil Theodor Fontane sie einst in einem Bahnhof "Klein-Tantow" aus- und in eine bereitstehende Kutsche einsteigen ließ, erlebt das Publikum diese nachgestellte Szene nun hautnah mit Darstellern und Pferden.

Der Sonderzug stammt diesmal nicht von einem Eisenbahnverein, sondern vom Erfurter Bahnservice, einem Eisenbahnverkehrsunternehmen. "Wir haben alte Reisewagen aufgekauft und aufgearbeitet", berichtet Administrator Robert Szalai. "Und wir bieten komplette Züge wie diesen historischen Städteexpress als Charterzüge an. Ein zweiter ist in Arbeit." Der Spaßfaktor käme neben dem Geschäft nicht zu kurz.

Wichtige Verkehrsachse

Dann setzt sich Ludmilla wieder in Bewegung, um die polnischen Kinder über die Grenze zurück zu bringen. Anschließend geht es zurück nach Berlin, vorbei am Flughafen Schönefeld. Die Aktion soll ein Stück Mahnung an die Politik sein, den ländlichen Raum nicht zu vergessen. Darauf setzt vor allem die Uckermark, die direkt an der wichtigen Verkehrsachse Berlin-Stettin liegt. Derzeit reisen die meisten Leute mit dem Auto oder mit Bussen und Kleintransportern zwischen den Metropolen hin und her. Die Bahn ist derzeit nicht konkurrenzfähig.

Kommentar: Verlässliche Verbindungen

Welch ein Reisegefühl in den herrlich bequemen Reichsbahnabteilen mit funktionierender Heizung und Fenstern, die sich öffnen lassen! Mit einer Diesellok, die auch bei Stromausfall fährt und sogar pünktlich ankommt. Die Wirkung, die der historische Städteexpress bei den Reisenden hinterlassen sollte, ist nicht verfehlt worden. Zwischen Berlin und Stettin lief es schon mal besser, schneller und bequemer. Doch der in eine pragmatische Ausstattung verloren gegangene Komfort stört die meisten Pendler, die tagtäglich zur Arbeit müssen, am wenigsten. Und auch die Reisenden zwischen den Metropolen haben eher eine verlässliche Ankunft im Sinn. Die derzeitige Stunde der Stettiner Strecke macht deutlich, wie wenig Wert in den vergangenen Jahrzehnten auf die Schiene gelegt wurde. Das muss sich grundlegend ändern. Zwar ist der Bau des zweiten Gleises 74 Jahre nach seiner Demontage beschlossene Sache, doch pochen Regionalpolitiker auf eine vernünftige Zuganbindung. Denn wenn wie bisher regelmäßig ein großes Wehklagen über jeden zusätzlichen Wagen, der bestellt werden muss, einsetzt, dann bringt auch eine teuer sanierte Bahnlinie am Ende keine weiteren Fahrgäste oder bessere Verbindungen. Hoffentlich ist die Warnung angekommen.⇥Oliver Schwers

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