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Mut und Melancholie
Sven Helbig über Chor, Heimat und Eisenhüttenstadt

Sven Helbig
Sven Helbig © Foto: Promo
Thomas Klatt / 17.11.2019, 19:16 Uhr - Aktualisiert 19.11.2019, 15:31
Eisenhüttenstadt (MOZ) Der Musiker und Komponist Sven Helbig ist mit seinem Programm "I Eat The Sun And Drink The Rain" auf Deutschland-Tournee. Am Freitag ist er im Rahmen der Festspiele Mark Brandenburg zu Gast in seiner Heimatstadt Eisenhüttenstadt. Thomas Klatt sprach mit ihm.

Herr Helbig, was erwartet das Publikum bei Ihrem Konzert?

Die Zuschauer können sich freuen auf den ausgezeichneten Chor des Bolschoi-Theater Minsk. Er singt ein Stück, das ich für Chor komponiert habe. Ich werde natürlich dabei sein und begleite ihn mit subtilen elektronischen Klängen. Dazu läuft ein Film mit Bildern des isländischen Videokünstlers Máni M. Sigfússon. Man kann sich mit dem Konzert gut auf die Vorweihnachtszeit einstimmen – mit einer neuen, besonderen Chormusik.

"I Eat The Sun And Drink The Rain" ist kein optimistisches Werk, man kann es lesen als Kritik an unserer Lebensweise und der Gesellschaft.

Das kann man so absolut nicht sagen. Viele der weihnachtlichen Musiken sind ja auch nicht so, dass man danach tanzen möchte. Es liegt eine Melancholie darin, aber es gibt Momente, in denen man Mut schöpft und Kraft gewinnt. Auch in Anbetracht einer Verlorenheit und Trauer, die in der Musik steckt. Es geht um Stimmungen und Empfindungen, auch um Vergangenes, das man verloren hat, so wie ich Eisenhüttenstadt verloren habe. Ich denke an meinen besten Freund meiner Jugend, Axel Titzki, der das beliebte Musical "Snowy" geschrieben hat und mit dem ich angefangen habe, Musik zu machen. Er starb im Jahr 2017. Wenn ich das Stück in Eisenhüttenstadt spiele, erinnere ich somit auch in besonderer Weise an ihn.

Wie kam es zur Kooperation mit dem Chor des Bolschoi-Theater Minsk?

Es kommen aus fast allen Region der Welt Anfragen. Chöre entdecken dieses Stück, das übrigens zu den am meisten gespielten, modernen Chorwerken zählt. Dann werde ich eingeladen, als Solist mit elektronischer Musik das Stück vor Ort einzustudieren und zu spielen. Es gab Aufführungen in London, Kanada, USA, in Madrid, in Havanna, in Tallin, in Prag, Gdansk, Vilnius und vielen anderen Orten. Der Erfolg ist tatsächlich überraschend. Jetzt gibt es Anfragen aus Teheran und Istanbul. Es spricht sich herum, dass es gut singbar ist, die Musik gefällt offenbar und die sparsam eingesetzten Choreografien und die Kostüme der Sänger verfehlen ihre Wirkung nicht. Es war mir wichtig, dass die aktuelle Tour in Eisenhüttenstadt startet.

Sie wohnen jetzt in Dresden und sind weltweit unterwegs. Sind Sie manchmal noch in Eisenhüttenstadt?

Eher selten. Ich hab hier noch Verwandtschaft, aber meine Eltern wohnen inzwischen auch in Dresden. Doch es ist immer etwas ganz Besonderes, wenn sich für meine Kompositionen auch zuhause noch ein Plätzchen findet. Da freue ich mich sehr über die Einladung des Friedrich-Wolf-Theaters.

Sie haben in Eisenhüttenstadt Kindheit und Jugend verbracht. Was ist für Sie zuhause? Ist "Hütte" Heimat?

Natürlich. Heimat ist das, was man als Erinnerung mit sich trägt. Wenn ich jeden zweiten Tag woanders bin, wird Heimat zu dem, was man sich aus Erinnerungen und Erfahrungen baut. Wie eine kleine Galerie, wo man die Dinge findet und ausstellt, die man gemacht hat und die einem widerfahren sind. Der Block meiner Großeltern, in dem ich viel Zeit verbracht habe, steht nicht mehr. Damit verschwinden nach und nach die Orte der Kindheit. So bin ich gezwungen, Heimat neu zu definieren. Aber wenn ich in Beeskow abbiege und die letzten 30 Kilometer vor mir hab, spüre ich Heimat. Der Körper reagiert auf das Licht, auf die Landschaft, da werde ich sentimental. Ich komme nach Eisenhüttenstadt immer noch nachhause.

In Ihrem Werk steckt eine sehr große Genre-Vielfalt. Sie reicht von klassischen Kompositionen über Pop bis zu Electronica. Wo würden Sie sich selbst einordnen?

Ich bin ein Musiker, der Sachen probiert, die mir Freude machen. Ich schreibe Orchestermusik, arbeite seit 15 Jahren mit Rammstein zusammen ebenso wie mit den Pet Shop Boys oder wie kürzlich mit dem Cellisten Jan Vogler. Ich entscheide das nach Lust und orientiere mich an den Leuten, mit denen ich das tue. Es muss Spaß machen und ich muss mich austauschen können. Ich verweigere mich einer Genre-Festlegung. Es ist mal ein Chorwerk dabei, beim nächsten Album klingt’s vielleicht wieder nach großem Orchester oder nach Elektronik. Was ich tue, entspricht am ehesten dem früheren Berufsbild eines Komponisten. Der hat damals zum Beispiel Klavier gespielt, schrieb etwas für Orchester oder Streichquartett und hat auch mal eine Aufführung geleitet. Aber im Wesentlichen bin ich nur ein offen interessierter Musiker.

Info: Freitag (22.11.), 20 Uhr, Friedrich-Wolf-Theater Eisenhüttenstadt, Sonnabend (23.11.), 19.30, Erlöserkirche Potsdam, Dienstag (26.11.), 20 Uhr, Musikbrauerei Berlin. Tickets: www.reservix.de

Lebensstationen Sven Helbig

Sven Helbig wird 1968 in Eisenhüttenstadt geboren. Nach dem Musikstudium in Dresden geht er nach New York, spielt abends in den Jazzclubs Schlagzeug.In New York erreicht ihn der Ruf zum Dozenten an der Dresdner Hochschule "Carl-Maria von Weber". Es entstehen bald eine Vielzahl von Projekten wie die "Hochhaussinfonie" zur 800-Jahr-Feier Dresdens oder das Chorwerk "Da Wird Auch Dein Herz Sein" für 250 000 Stimmen zum Evangelischen Kirchentag 2011.

Zu den Künstlern, die seine Talente nutzen, gehören Rammstein, die Pet Shop Boys, der Sänger René Pape, das Fauré Quartett, der Cellist Jan Vogler und der Rapper Snoop Dogg. Seit 2017 moderiert er auf Radio Eins die Sendung "Schöne Töne".

Mit seinem Debütalbum "Pocket Symphonies" beim Traditionslabel Deutsche Grammophon, in dem er einen Titel seiner Heimatstadt widmet, gelingt ihm 2013 der Durchbruch in der internationalen Klassik-Szene.⇥klt

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