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Eigentlich war die UN-Klimakonferenz in Chile das Ziel der Crew auf dem Dreimastschoner "Regina Maris", zu der auch ich, Studentin an der Eberswalder Hochschule, gehöre. Dass das Welttreffen nach Spanien verlegt wurde, hat auch für uns gravierende Folgen.

Umweltaktivistin
Eberswalder Studentin mit dem Segelboot auf dem Weg zur UN-Weltklimakonferenz

Hannah Wiemers / 01.12.2019, 07:00 Uhr - Aktualisiert 02.12.2019, 06:52
Eberswalde (freie Autorin) Die sommerlichen Temperaturen an Bord der Regina Maris steigern die Motivation, in unserer Denkfabrik zu arbeiten. Doch das Weltgeschehen macht uns einen Strich durch die Rechnung und wir müssen unsere Planung von Grund auf neu überdenken.

Unsere Reise von Teneriffa nach Cap Verde verlief ruhig. Die Wetterkonditionen machten das Arbeiten an Bord leicht, und da die See ruhig war, kamen wir gleich zweimal in den Genuss, mitten im Atlantik zu schwimmen. Nachdem wir in unserer Denkfabrik zuletzt Utopien und Chancen für eine nachhaltige und faire Reisebranche erarbeitet hatten, folgte nun die konkrete Suche nach Lösungen. Zudem sammelten wir Ideen, wie wir uns auf der UN-Klimakonferenz präsentieren wollten. Neben konkreten Forderungen an Entscheidungsträger sollte auch kreativ auf das Thema aufmerksam gemacht werden. Flashmobs, Workshops zu Utopien für eine faire und nachhaltige Reisebranche, eine musikalische Einlage als Chor oder Band waren nur einige unserer Vorschläge. Die vorhandenen Fähigkeiten in unserer Gruppe von 36 jungen Menschen sind divers und so sprudelte es nur so vor Ideen.

Als wir Ende Oktober auf den Kap Verden ankamen, existieren schon die ersten konkreten Lösungsansätze, so beispielsweise eine App, die Überraschungsurlaube in der eigenen Region kreiert und so eine Alternative für Flugreisen darstellt. Ich genoss es, wieder Land unter den Füßen zu haben, frisches Obst und Gemüse zu kaufen und ein wenig in Kontakt mit der Außenwelt zu treten. Aufgrund einer Änderung der brasilianischen Einreisebestimmungen für Segelschiffe mussten wir kurzfristig vor unserer Atlantiküberquerung einen zusätzlichen Stopp in Praia, der Hauptstadt der Inselgruppe vornehmen; mit unserem Schiff eine Tagesreise von ca. 160 Seemeilen von unserem derzeitigen Standort entfernt. Da unser Zeitplan inzwischen knapp bemessen war, waren wir zunächst wenig erfreut über die erneute Verzögerung, akzeptierten jedoch, dass sich manche Dinge nicht ändern ließen. Wenige Stunden nach unserem Aufbruch in Richtung Praia erreichte uns schließlich die Nachricht: Der chilenische Präsident hatte vor wenigen Minuten die Ausrichtung der UN-Klimakonferenz (COP) in seinem Land abgesagt.

Schock als erste Reaktion

Wir verfolgten bereits seit Teneriffa die Unruhen in Chile und hatten das Szenario einer Absage der COP, die bis dahin unser avisiertes Ziel war, als ferne Möglichkeit wahrgenommen. Als es jedoch tatsächlich so weit kam, konnten wir es kaum glauben. Wir waren schockiert zu hören, dass die Unruhen sich so zuspitzten. Einige Gruppenmitglieder haben Freunde und Bekannte in Chile und erhielten so Nachrichten aus erster Hand. Von verschiedenen Chilenen hörten wir, dass die Absage einer solch bedeutenden Veranstaltung nach ihren Protesten für sie ein Erfolg darstellt und ihnen das Gefühl vermittelte, ernst genommen zu werden. Diese persönlichen Geschichten zu hören und gleichzeitig in den Nachrichten zu sehen, mit welcher Gewalt gegen die Proteste in Chile vorgegangen wurde, bewegte mich sehr. In unserer Denkfabrik beschäftigen wir uns viel mit dem Thema, dass die Klimakrise nach einer größeren Gerechtigkeit ruft, da insbesondere diejenigen von den Folgen betroffen sind, die sie am wenigsten verursachen. Die Situation in Chile zeigt fehlende Gerechtigkeit und Solidarität in einem ganz anderen Kontext. Der Auslöser der Proteste, die Preiserhöhung des öffentlichen Nahverkehrs in Santiago, ist lediglich ein Symptom dessen.

Und so groß unser Mitgefühl mit den Chilenen war und ist, so lässt sich die große Enttäuschung, die wir nach dieser Neuigkeit empfanden, nicht verheimlichen. Das Kernteam des Projekts, bestehend aus Mara, Lena, Jeppe und Moon, hatte seit über einem Jahr daran gearbeitet; wir Teilnehmenden sind seit Juni fester Bestandteil der Unternehmung. Noch am selben Abend nahmen wir uns mit der gesamten Gruppe die Zeit, alle Gedanken, Emotionen, Sorgen und Hoffnungen verbunden mit der Zukunft unseres Projektes zu hören. Es war schön, den Zusammenhalt der Gruppe in diesem Moment zu erleben, obgleich einige unserer Gruppenmitglieder teilweise sehr unterschiedliche Interessen vertraten. Manche sollten zu einem bestimmten Zeitpunkt in Brasilien sein, für andere war der Besuch der UN-Klimakonferenz der essentielle Bestandteil des Projektes. Eine Entscheidung zu treffen schien unmöglich und musste aufgrund des Zeitdrucks zugleich schnell erfolgen. Nach intensiven Stunden entschied unser Kernteam, dass wir unsere Reise nach Südamerika fortsetzen würden. Zu diesem Zeitpunkt gab es Gerüchte, dass die COP möglicherweise in Costa Rica oder in Bonn abgehalten wird; eine Ausrichtung zum geplanten Zeitpunkt Anfang Dezember schien weniger wahrscheinlich. Unsere Weiterreise würde eine Teilnahme in Südamerika ermöglichen und im Falle einer Ausrichtung Anfang 2020 in Europa wäre sogar eine Rückreise mit der "Regina Maris", zumindest für einen Teil der Gruppe, denkbar.

Umstieg aufs Flugzeug? Undenkbar!

Doch nur zwei Tage später, mitten auf dem Atlantik, erfuhren wir, dass die COP25 in Madrid zum ursprünglich geplanten Zeitpunkt und damit vom 2. bis 12. Dezember abgehalten würde. Ein erneuter Rückschlag, denn nun war klar, dass wir nicht als Gruppe an der Klimakonferenz teilnehmen werden. Mit dem Segelschiff umzudrehen war aufgrund der Winde und Strömungen unmöglich. Wir hätten Madrid nicht rechtzeitig erreicht. Zudem hatten wir das Schiff für die Reise nach Südamerika gechartert, für die Zeit nach unserer Überfahrt hatte die Crew der "Regina Maris" bereits weitere Pläne geschmiedet, welche in Südamerika starten sollten. Eine Rückreise nach Europa mit dem Flugzeug andererseits würde dem Kern unseres Projektes widersprechen.

Nun hieß es also, neue Pläne zu schmieden. Unsere Mission, unsere Stimme für eine nachhaltige und faire Reisebranche zu erheben, blieb unverändert. Während unserer 13-tägigen Atlantiküberquerung arbeiteten wir daran, das Projekt an die neuen Umstände anzupassen. Der Atlantik, der fast schon symbolisch an einigen stürmischen und verregneten Tagen sehr bewegt war, diente als Inspirationsquelle für unsere Neuausrichtung.

Belém, eine Stadt im Norden Brasiliens, war unsere erste Station auf dem südamerikanischen Kontinent. Von hier werden wir weiter nach Martinique reisen, um von der französisch-karibischen Insel, soweit dies möglich ist, online an der UN-Klimakonferenz teilzunehmen.

Ganz besonders erfreulich ist es jedoch, dass sich kurzfristig eine Gruppe junger Menschen gefunden hat, die unsere Forderungen nach Madrid bringen wird. Unter dem Motto #railtothecop werden dabei nachhaltige Reisemöglichkeiten genutzt. Der Hashtag ist Teil einer Kampagne, die in unserer Denkfabrik entstanden ist und insbesondere europäische Delegationen dazu aufrufen möchte, mit dem Zug zur Klimakonferenz zu reisen.

Die schwierige Zeit hat unsere Gruppe gestärkt und nun sogar vergrößert. Der erste Tweet, den wir nach der chilenischen Absage veröffentlicht haben, lautete ,,They can cancel the COP, but they can’t cancel the movement!” (,,Sie können die Konferenz absagen, aber sie können nicht unsere Bewegung stoppen.") Und das ist wörtlich zu nehmen.

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