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Fontane inspiriert
Ausstellung zeigt Werke von Christiane Wartenberg und Ingar Krauss

Antje Scherer / 03.12.2019, 06:00 Uhr - Aktualisiert 04.12.2019, 09:34
Potsdam (MOZ) Ein Winter im Oderbruch – nichts für Feiglinge. Die Weite, die nicht nur Großstädter an lauen Sommerabenden verzaubert, kann einem auf einem Loose-Gehöft, wenn es tagelang nicht richtig hell wird, schon aufs Gemüt schlagen.

Die Bildhauerin und Objektkünstlerin Christiane Wartenberg, zu Hause in Ortwig bei Letschin, kennt diese Landschaft in all ihren Erscheinungsformen, zu jeder Jahres- und Tageszeit, und hat sie vielfach verewigt.

Eine Ausstellung in Potsdam versammelt nun Arbeiten von ihr und dem in Zechin lebenden und arbeitenden Fotograf Ingar Krauss. Der dritte im Bunde ist Theodor Fontane, dessen im Winter 1812/1813 im Oderbruch spielender Roman "Vor dem Sturm" (1878) sie sich vorgenommen haben. Eine perfekte Symbiose! Denn die atmosphärisch dichten Fotografien, die Grafiken und Künstlerbücher scheinen in dem ehemaligen Kutschstall des Museums Zwiesprache zu halten und sich gegenseitig die Geschichte dieser Landschaft und des Romans – ein Porträt der preußischen Gesellschaft zur Zeit der Befreiungskriege – neu zu erzählen.

Das Buch liegt gleich mehrfach zum In-Die-Hand-Nehmen aus, allerdings ist Wartenberg den alten Ausgaben in Frakturschrift drastisch zu Leibe gerückt: da sind Seiten dick übermalt, manche Bände wurden verknotet oder in Lehm gehüllt. Daneben liegen ihre neuen (Bilder-)Bücher, oft aus Abfallprodukten wie Spargelfolie und Altpapier, in die sie von Hand Sätze, Zitate oder ganze Abschnitte des Romans geschrieben hat.

Diese Wortbilder, eine ästhetische Form, die die Künstlerin schon länger pflegt, haben eine ganz eigene kratzige Schönheit. Und ihnen gelingt das Kunststück, wohl weil man so neugierig und vorsichtig blättert, dass man auf einmal den "Klassiker"-Ballast abwerfen kann – und sich auch inhaltlich neu in die Texte vertieft. Wahnsinn, wie Fontane die kleinwüchsige Hoppemarieken skizziert! Und überhaupt, wie erstaunlich aktuell die Motive dieses Werkes sind! Eines der Künstlerbücher stellt Fontanes Schilderung einer Schlacht von 1812 auch ganz direkt Fotos vom Krieg in Tschetschenien (1999–2009) gegenüber.

Die großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien von Krauss entfalten dazu eine ganz eigene poetische Wirklichkeit. Ein toter Fuchs im Schnee, Bäume, die sich gegen den Wind stemmen, ein angeketteter Hund, der wettergegerbte Mann mit Flinte mitten im Maisfeld, winterliche Gräber auf dem Friedhof – irgendwo zwischen unheimlich und märchenhaft changiert das. Als Gast ist noch Steffen Thiemann vertreten, dessen in Holz geschnittene Porträts der Romanfiguren in ihrem expressionistischen Stil sehr gut ins Bild passen.

Auch wenn manchem Fontane mittlerweile zu den Ohren herauskommen mag – diese kleine Ausstellung mit ihren vielen Schichten stellt ihn ohne Krampf ins Heute und lohnt einen Besuch.

"Unbestimmte Erscheinungen. Nach Fontanes ‚Vor dem Sturm‘", Fotografien von Ingar Krauss, Grafiken und Objekte von Christiane Wartenberg, Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG), Am Neuen Markt 9, Potsdam, Di-Do 10-17 Uhr, Fr/Sa/So 10-18 Uhr, bis 5.1.2020, www.hbpg.de; am 4.12. um 19 Uhr liest die Schauspielerin Jutta Wachowiak aus dem Roman

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