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zur Pisa-Studie 2018
Pisa-Studie: Es wird Zeit für den Bildungs-Schock

Mathias Puddig
Mathias Puddig © Foto: Thomas Koehler/Photothek.net
Meinung
Mathias Puddig / 03.12.2019, 20:17 Uhr
Berlin (NBR) Als 2001 die erste Pisa-Studie veröffentlicht wurde, ging ein Schock durch Deutschland.

Das Land der Dichter und Denker schnitt, gemessen an seinen Ansprüchen, katastrophal ab. Dieser Schock war jedoch heilsam: Die Ursachen wurden ergründet, vielerorts gab es Bildungsreformen, so dass Deutschland in den Jahren darauf langsam, aber stetig besser wurde. Doch damit ist jetzt Schluss. Die Veränderungen erlahmen, und die Pisa-Ergebnisse stagnieren oder verschlechtern sich sogar. Zunächst klingt das, als würde man das schon irgendwie in den Griff bekommen. In Wirklichkeit sind diese Resultate aber dramatisch. Es ist Zeit für den nächsten Pisa-Schock.

Denn außer der Tatsache, dass Deutschland im Leistungsvergleich stagniert, hat Ministerin Karliczek am Dienstag drei Entwicklungen skizziert, die Anlass zu großen Sorgen sein müssen: Die Unterschiede zwischen leistungsstarken und -schwachen Schülern wachsen wieder, die Jungs werden immer schlechter, und der Bildungserfolg hängt immer noch massiv vom Elternhaus ab.

Alle drei Entwicklungen haben etwas gemeinsam: Die Digitalisierung aller Lebensbereiche wird sie massiv verstärken. Das kann man beklagen und hoffen, dass der "Digitalschrott" wieder verschwindet – oder man blickt den Tatsachen ins Auge. Dort sieht man dann: Die Gefahr, dass Kinder aus schwierigen Verhältnissen abgehängt werden, wächst, wenn sie den ganzen Tag am Smartphone hängen und keiner ein Auge drauf hat, was sie da so treiben. Gleichzeitig profitieren die anderen Kinder – die mit der guten Betreuung und dem einfachen Zugang zu Kultur und Medien – massiv von den Segnungen digitaler Lernmittel. In Windeseile kann so der Unterschied im Leistungsniveau auf mehrere Schuljahre anwachsen – ganz unabhängig davon, wie die Kinder veranlagt sind und wie ihre Interessen liegen.

Sind die Eltern dafür verantwortlich? Natürlich! Das ist aber kein Grund, die Schulen aus der Pflicht zu entlassen. Denn es gibt nun einmal Eltern, die ihre Verantwortung nicht wahrnehmen können oder wollen. Es ist nicht hinnehmbar, dass deren Kinder schlechtere Startbedingungen haben – wegen der Kinder selbst und auch wegen der Gesellschaft, der später ihre Talente fehlen. Die Schulen müssen diese Startnachteile ausgleichen. Und wenn die Lehrer klagen, dass sie dazu nicht in der Lage sind, weil ihnen Kenntnisse oder Ausstattung fehlen, dann müssen sie dazu befähigt werden.

Eine nationale Kraftanstrengung für das Bildungssystem zu fordern, ist deshalb gut und richtig. Ministerin Karliczeks Wunsch nach einem "Aufbruch in der Bildungspolitik" ist nur zu unterstreichen. Zugleich ist er aber recht billig, wenn aus diesem Wunsch nichts folgt. Einfach auf die Verantwortung der Länder zu verweisen und dann solange die Hände in den Schoß zu legen, bis sie gemeinsame Lösungen vorschlagen, das wird nicht reichen. Auch der Bund muss sich mit Ideen und Engagement einbringen. Es geht um nicht weniger als die Zukunftsfähigkeit des Landes.

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