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Lost Places: Verlassene Orte in Brandenburg und Berlin

Welf Grombacher / 28.12.2019, 10:50 Uhr - Aktualisiert 28.12.2019, 11:18
Berlin (MOZ) In der DDR waren alle Menschen gleich. Manche aber waren ein kleines bisschen "gleicher". Weil das alte Gebäude in der Nähe der Berliner Charité während des Kalten Krieges als "zu grenznah" empfunden wurde, entstand zwischen 1973 und 1976 in einem Waldstück bei Buch ein modernes Regierungskrankenhaus für Politiker und Funktionäre. Die teuren medizinischen Geräte kaufte man für kostbare Devisen direkt vom Klassenfeind aus dem Westen. Neben einer Poliklinik mit Ambulanz und großer Kantine sowie einem Hauptgebäude mit stationären Bereichen und physiotherapeutischer Abteilung samt Schwimmhalle existierte auch ein sogenannter "Sonderpavillon" mit Apartments für Spitzenfunktionäre und Suite für den Staatsratsvorsitzenden. Sogar einen Luftschutzbunker für Honecker gab es.

Nicht weit entfernt hatte die Staatssicherheit ihr eigenes Klinikum mit fast 300 Betten, das vor der Öffentlichkeit geheim gehalten als "Krankenhaus des Ministerrates der DDR" bezeichnet und wie das benachbarte Regierungskrankenhaus durch Einheiten der Stasi bewacht wurde. Heute stehen beide Komplexe leer und warten auf eine Umnutzung oder den Abbruch. Zwei von insgesamt 37 Objekten, die der 1962 in Quedlinburg geborene und in Rostock und Greifswald aufgewachsene Architekturfotograf und Bauhistoriker Robert Conrad in seinem Bildband "Vergessene Orte in Berlin und Brandenburg" vorstellt. Der Ästhetik des Verfalls widmet er sich nicht zum Selbstzweck. Er betreibt Denkmalschutz mit dem Fotoapparat. Schon als Jugendlicher dokumentierte er in Greifswald den Flächenabriss und wurde deswegen von der Staatssicherheit observiert und nicht zum Architekturstudium zugelassen. Das holte er nach der Wende nach. Mit Foto-Arbeiten wie der systematischen Dokumentation der Berliner Mauer (1989/90) machte er sich einen Namen.

Geheimnisvolle und gruselige Orte

Legendäre Ruinen hat er für sein neues Buchprojekt ebenso aufgesucht wie den einen oder anderen Geheimtipp. Die aufsehenerregenden Anlagen am Bogensee gehören zu den beeindruckendsten. Schon Propagandaminister Joseph Goebbels ließ sich dort 1936 durch die Architekten Heinrich Schweitzer und Hugo Bartels ein Wochenendhaus erbauen mit 30 Privaträumen, versenkbaren Panoramascheiben und einem kleinen Kinosaal, in dem er Filmstars wie Marika Rökk und Heinz Rühmann empfing.

Gleich nebenan erfolgte 1951 die Grundsteinlegung für das imposante Ensemble der Zentraljugendschule der FDJ. Weil Walter Ulbricht den ersten, modernistischen Entwurf brüsk abgelehnt hatte, bauten Kurt Liebknecht und Hermann Henselmann (zeitgleich mit der Stalinallee) einen klassizistischen Campus mitten in den Wald. Ein "rotes Kloster", das lange Zeit auf keiner Karte verzeichnet war. Heute sucht das Land Brandenburg nach einer geeigneten Nachnutzung für die denkmalgeschützte Anlage, um die sich seit 2015 der Förderverein Akademie Bogensee kümmert.

Nicht weniger spektakulär: die Beelitzer Heilstätten. Zwischen 1898 und 1930 als Mustersanatorium für Tuberkulosekranke durch Heino Schmieden, Julius Boethke und Fritz Schulz im englischen Landhausstil erbaut, kurte hier Adolf Hitler (1916) ebenso wie Erich Honecker (1989/90). Nach der Wende fielen die Gebäude in einen Dornröschenschlaf und dienten als Filmkulisse. 1994 sanierte ein Investor Teile des Areals, der 2001 Insolvenz anmelden musste. Heute koordiniert die Gemeinde die Suche nach einem neuen Eigentümer, und der Geschichts- und Förderverein Heiz-Kraft-Werk Beelitz-Heilstätten beteiligt sich an den Planungsentscheidungen.

Ebenfalls im Süden von Berlin gelegen, in Wünsdorf, ließ die Kaiserliche Heerleitung 1910 ihr Stammlager erbauen, das von den Nazis 1935 zum Oberkommando des Heeres ausgebaut wurde. 1938 folgte das Oberkommando der Wehrmacht nach Wünsdorf. Unter der Tarnbezeichnung "Maybach I", "Maybach II" und "Zeppelin" wurden für die zentralen Führungsstäbe und die Nachrichtenzentrale Bunkersysteme in den märkischen Sand gegraben. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen die sowjetischen Besatzungskräfte 1953 die Anlagen und bauten sie zur größten Garnison in der DDR aus. Seit die Russen 1994 abgezogen sind, versucht das Land, den Standort zu einem Behördenzentrum zu machen, Wohnungen sind entstanden und Initiativen wie der Förderverein Garnisonsmuseum Wünsdorf, und die Bücherstadt Touristik GmbH wollen Besucher anzulocken.

Doch es gibt auch vergessene Orte, die weniger populär sind. Die Gitterbogenhalle in Eberswalde etwa, die ursprünglich für die Borsig-Werke in Berlin gebaut wurde und um 1900 von den Walz- und Hüttenwerken Hoffmann & Motz angekauft und im Volksmund nur "Knüppelhalle" genannt wurde, weil darin Eisenblöcke (Knüppel) lagerten. Die 1945 gesprengte Oder-Brücke bei Bienenwerder. Das Braunkohlekraftwerk des Elektrizitätsverbandes Gröba mit seiner historischen Maschinenhalle und der schönen Schaltwarte.

Oder die Großbäckerei der SS in Sachsenhausen, in der 80 Insassen des benachbarten Konzentrationslagers Brot für SS-Männer und Häftlinge herstellten. Bis Ravensbrück, Mittelbau-Dora und Groß-Rosen (Niederschlesien) wurde ab 1944 das hier gebackene Brot geliefert. Nicht zu vergessen: das vom Architekten Karl-Heinz Birkholz eigenen Aussagen nach "von der ersten Skizze bis zur Serviette" entworfene Terrassenrestaurant "Minsk" am Potsdamer Brauhausberg. Nachdem der Grundstein 1970 gelegt war, kam es zum Stillstand der Arbeiten, weil das Baumaterial in Berlin benötigt wurde, wo gerade der Palast der Republik entstand. Erst nach dessen Fertigstellung 1976 ging es am Brauhausberg weiter, sodass die belorussische Folklore-Gaststätte ein Jahr später zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution öffnen konnte. Mit Tanzsaal, Platz für 285 Menschen und Marmor aus der UdSSR im Inneren.

Robert Conrad: "Vergessene Orte in Berlin und Brandenburg", Mitteldeutscher Verlag, 240 Seiten, 25 Euro

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