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Umbau
Gedenkstätte Seelower Höhen senkt die Hürden für jedermann

Ulf Grieger / 17.01.2020, 14:33 Uhr
Seelow (MOZ) An der Gedenkstätte Seelower Höhe wird gebaut. Für 1,9 Millionen Euro erfolgt dort eine barrierefreie Um- und Neugestaltung. Gerade fertiggestellt wurde der Übergang vom Empfangsgebäude zum Technikpark. Eine weitere Brücke wird Rollstuhlfahrern den Übergang von der Küstriner Straße ins Gebäude ermöglichen. Und schließlich soll eine Rampe bis hinauf zum Museum und zum Mahnmal führen.

Der Abbau von Barrieren aber kann auch in einem doppelten Sinne verstanden werden. Denn genau dieses Anliegen verfolgen die zehn Mitglieder des Vereins Zeitreise Seelower Höhen. Sie sind seit einem Jahr vom Landkreis mit der inhaltlichen Gestaltung der Gedenkstättenarbeit betraut. Zunächst für drei Jahre betreuen sie die  Erinnerungsstätte an die Schlacht, die am 16. April vor 75 Jahren entbrannte und die Seelow weltbekannt gemacht hat.

In diesem Jahr wird der Landkreis einen Beirat berufen, der den Verein bei dieser Arbeit begleitet. "Wir haben das Phänomen, dass sich die Ereignisse der DDR-Zeit und der Nachwendezeit wie Jahresringe um das eigentliche Ereignis, die Schlacht um die Seelower Höhen, gelegt haben. Dieses Hauptereignis wollen wir nun wieder ins Zentrum stellen", erläutert Tobias Voigt, erster Vorsitzender des Vereins. Die dafür schon gefundenen Angebote seien gut angenommen worden, so dass trotz der Umbauarbeiten die Besucherzahl kaum gesunken sei, betont Voigt. Der Verein entwickelt  die Angebote zumeist gemeinsam mit der Gedenkstättenlehrerin Kerstin Wachsmann, die auch stets bemüht ist, Kollegen an den Schulen der Region für die Themen zu begeistern.

"Viele Ältere kennen die Gedenkstätte aus ihren Jugendtagen. Sie fahren täglich daran vorbei und rechnen kaum damit, dort etwas Neues zu erfahren", umreißt Voigt ein Problem. Aber wenn der Zeitreiseverein dazu einlädt, sich einmal den T34 von innen anzuschauen, sei das Interesse groß. Dabei erfahren die Besucher etwas Konkretes über die Situation der Kämpfenden. Es ist eine Erbschaft der DDR-Zeit, dass in Seelow lediglich Kampfmittel der Roten Armee zu sehen sind, nicht aber die der deutschen Vertreter. Kritik daran gibt es auch von russischer Seite. Denn diese Darstellung sei zu einseitig.

"Abgeholt" aus der Vielfalt der auf sie einströmenden Informationen und für die Schlacht interessiert hat der Zeitreiseverein die Gäste im April 2019 auch mit der Veranstaltung "Der Krieg geht durch den Magen", als es Kascha, die Buchweizengrütze der Roten Armee, Möhrenmarmelade, Kartoffeltorte und vieles andere gab, wovon sich die Kämpfer der Schlacht versorgen mussten. Für Interessenten gibt es regelmäßig Schlachtfeldbegehungen, an denen auch Offiziersschüler der Bundeswehr teilnehmen. Ein Höhepunkt im vergangenen Jahr war die Übergabe eines Bildes des Wegendorfer Malers Harald Metzkes. Als 16-Jähriger gehörte dieser zu Hitlers letztem Aufgebot und ist somit Zeitzeuge der Schlacht um die Seelower Höhen. Sein Kriegsbild wird künftig in die Museumsarbeit einbezogen.

Viele Besucher konnte der Verein auch bei anderen Veranstaltungen begrüßen. So kam der Schauspieler Jaecki Schwarz eigens nach Seelow, um den Defa-Film "Ich war neunzehn" von Konrad Wolf zu kommentieren. Im Dialog mit Landrat Gernot Schmidt (SPD) plauderte Schwarz aus dem Nähkästchen: Nur den guten Beziehungen Konrad Wolfs war es zu verdanken, dass dieser wichtige Film in den DDR-Kinos laufen durfte, in der Sowjetunion zumindest verkürzt. Und auch die Wissenschaft kam nicht zu kurz. Die Sozialanthropologin Laura Tradii hielt einen Vortrag über Gedenkkulturen und den Umgang mit Kriegstoten.

Ganz im Zeichen des 75. Jahrestages steht ein deutsch-polnisches Jugendprojekt, bei dem Seelower Oberschüler gemeinsam mit polnischen Altersgenossen auf die Such nach Relikten des Krieges gehen. Bereits zur Eröffnungsveranstaltung sorgte Joachim Kozlowski, Umbetter des Volksbundes für Kriegsgräberfürsorge für Gänsehaut unter den Jugendlichen, als er von dieser Arbeit berichtete und eindringlich für Versöhnung und Frieden zwischen den Völkern warb.

Zur zentralen Gedenkveranstaltung des Kreises zum Kriegsende, das am 31. Januar in Kienitz beginnt, ist der Zeitreiseverein beteiligt. Er wird mit einem Dodge-WC-51-Geländewagen Feldpost vom Kienitzer Panzerdenkmal zur Oder transportieren. Am 16. April findet eine Podiumsdiskussion mit dem Zeitzeugen Wolf-Dietrich Kroll, der als 17-Jähriger im Oderbruch gekämpft hatte, statt. Der Zeitreiseverein hat nicht nur seine Erinnerungen aufgezeichnet, sondern auch die geschilderten Ereignisse für Schüler anschaulich im Film nachgestellt. Am 18. April nimmt der Verein an den Veranstaltungen der Kreisstadt Seelow zum 75. Jahrestag der Befreiung teil. Es wird Schlachtfeldbegehungen und Führungen durch die Gedenkstätte geben.

Am 22. April wird im Mehrzweckraum des Empfangsgebäudes eine Ausstellung zur Bekennenden Kirche in der Region eröffnet. Mutige Christen hatten sich gegen die Vereinnahmung durch die Natio­nalsozialisten gewehrt.

Am Tag der Befreiung, dem 8. Mai, zeigt der Verein gemeinsam mit dem Filmmuseum Golzow den Film "Die Abenteuer des Werner Holt". Als Gast erwartet wird dazu der Schauspieler Manfred Karge, der im Film den Gilbert Wolzow gespielt hat. Und schließlich wird es am 1. September ein Friedenskonzert mit Schülern der Kreismusikschule Märkisch-Oderland im Kulturhaus Seelow geben.

Im Oktober ist dann ein Vortrag über die Geschichte der einstigen Reichsstraße 1 geplant, die von Aachen nach Königsberg führte und deren deutscher Teilabschnitt die B 1 ist.

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