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Erinnern an Auschwitz
"Es beginnt oft kaum merkbar"

Christoph Heubner
Christoph Heubner © Foto: Jens Büttner/dpa
André Bochow / 25.01.2020, 10:30 Uhr - Aktualisiert 25.01.2020, 15:13
Berlin (NBR) Gerade ist von dem Schriftsteller Christoph Heubner ein Buch erschienen. Es trägt den Titel: "Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen". Der Untertitel lautet: "Nach Auschwitz – drei Geschichten". Das Erinnern an Auschwitz ist zu Heubners Berufung geworden. Der Pfarrerssohn aus Hessen ist Exekutivpräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees und leitet dessen Berliner Büro. Mit ihm sprach André Bochow

Herr Heubner, das Berliner Koordinationsbüro des Internationalen Auschwitz Komitees (IAK) gibt es seit 2003. Wie kam es zu dieser Büroeröffnung?

Es hat jedenfalls nichts damit zu tun, dass Berlin der Ausgangspunkt der NS-Verbrechen war. Vielmehr haben die Auschwitz-Überlebenden festgestellt, dass esin Berlin eingroßes und engagiertes Netzwerk von Menschen gibt, die sich gegen die Wiederholung dessen stemmen, was sie erniedrigt hat. Mit finanzieller Unterstützung der Bundesregierung wurde unser Büro zur Koordinationsstelle für alle Auschwitz-Komitees und Auschwitz-Stiftungen weltweit.

Sie sind 70 Jahre alt, also nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Wie kamen Sie zum Internationalen Auschwitzkomitee?

Mein Vater war Kriegsteilnehmer und hat uns Kinder antimilitaristisch erzogen. Ich habe meinen Zivildienst bei der Aktion Sühnezeichen in Oxford geleistet und dabei viele Überlebende der Konzentrationslager kennengelernt. So sind Freundschaften und später Zusammenarbeit entstanden. Heute koordiniere ich Vieles für die Überlebenden, die ja immer älter werden, aber ein großes Bedürfnis haben, zu erzählen, wie es damals war. Und sie wollen sich in aktuelle Debatten einmischen. Sie empfinden sich dabei auch als die Vertreter derjenigen, die die Lager nicht überlebt haben.

Es war nicht immer so, dass die Opfer der Nazis reden wollten. Nach dem Krieg haben die meisten erst einmal geschwiegen. Warum?

Weil ihnen niemand zuhören wollte. Die Menschen, nicht nur in Deutschland, wollten das Elend der Nazi-Jahre vergessen. Dabei störten die Erzählungen der Opfer.Aber wer nicht auf seine Vergangenheit schaut, wird es in der Zukunft schwer haben. Klingt banal, ist aber so. Ende der 60er Jahre begannen die Überlebenden zu berichten. Meist erst in kleinen Gruppen. Heute kämpfen sie mit ihren persönlichen Erfahrungen gegen Geschichtsvergessenheit, Antisemitismus und gegenneuen Hass.

Es ist sehr viel über Auschwitz, über die Verbrechen der Nazis, über die Verstrickungen so vieler Deutscher gesagt, geforscht, gespeichertund veröffentlicht worden. Warum reicht das immer noch nicht?

Sie haben Recht, es gibt wohl keine Zeitspanne, die von Zeitzeugen so umfassend beschrieben wurde, wie die Jahre der NS-Herrschaft. Entscheidend ist, wie heutige und künftige Generationen diese Erzählungen aufnehmen, wie sie ihre eigenen Emotionen hinzufügen und ob sie die Erzählungen als Teil der eigenen Geschichte begreifen.

Um daraus für die Gegenwart zu lernen?

Natürlich. Darum muss es gehen. Die Überlebenden schildern ja auch, wie und wann alles begonnen hat. Wie sie zuerst ausgegrenzt, verächtlich gemacht wurden und das unter dem Beifall oder unter schweigender Duldung der Mehrheit.

Sie haben mal gesagt: Auschwitz hat nicht in Auschwitz begonnen.

Darum geht es. Es beginnt oft kaum merkbar. Dafür muss man Sensibilität entwickeln. Und das, ohne falsche Parallelitäten zu behaupten.

Was meinen Sie damit?

Wir sind nicht in der Weimarer Republik, wir stehen nicht vor der Machtübernahme durch die Faschisten und es droht schon gar nicht ein neues Auschwitz. Trotzdem haben die Überlebenden sehr viele Déjà-vu-Erlebnisse. Sie haben Angst vor dem Schneeball, der sich zur Lawine entwickelt und hoffen auf die aktiven Demokraten, die die Republik beschützen.

Sind die Demokraten zu schläfrig geworden?

Zumindest scheinen viele zu denken, dass die Demokratie eine Einrichtung für die Ewigkeit ist.Die ist einfach da und bleibt auch. So ist es aber nicht. Ich hoffe, dass immer mehr Menschen zu Bewusstsein kommt, dass die Demokratie aktive Demokraten braucht. Sonst kann eine kleine Gruppe von Nationalisten, Geschichtsrevisionistenund Nazis die Gesellschaft vor sich hertreiben. Heute eben auch und weltweit im Internet.

Wie würden Sie in diesem Zusammenhang die AfD einordnen?

Die AfD – und damit meine ich jeden einzelnen Funktionär, jeden einzelnen Mandatsträger und jedes einzelne Mitglied – trägt die Hauptverantwortung dafür, dass sich das gesellschaftliche Klima in diesem Land auf eine Weise verschoben hat, die für die Opfer des NS-Regimes schrecklich ist. Es werden Dinge gesagt, von denen man dachte, sie würden nie wieder in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen.

Aber das sind doch nicht alles Rechtsextreme.

Aber jeder in der AfD ist für das Gesamtprodukt mitverantwortlich. Und zum Gesamtprodukt gehört unter anderem, die Demokratie und ihre Repräsentanten als verachtenswert darzustellen.

Nicht nur der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke pflegt ein Geschichtsbild, das am liebsten die NS-Zeit ausklammert und stattdessen eine angeblich ruhmreiche 1000jährige deutsche Geschichte feiert.

Ja, in der AfD-Gifttüte ist alles dabei. Da wird verharmlost, relativiert und wenn man die Protagonisten zur Rede stellt, war alles nicht so gemeint. Aber diese Betrachtung der Geschichte ist gefährlich und niederträchtig. Denn sie relativiert die Verbrechen und damit auch das Leid der Opfer. Gottlob stellen sich viele Menschen dieser Geschichtsauffassung entgegen.

Und auch die Holocaust-Überlebenden erkennen die deutsche Vergangenheitsbewältigung an.

Das stimmt. Im Ausland wird die selbstkritische Geschichtsaufarbeitung der Deutschen mit Bewunderung zur Kenntnis genommen. Ich fürchte nur, mittlerweile schlagen sich die Deutschen dafür ein bisschen zu forsch auf die eigene Schulter. Da ist der Blick auf die Gegenwart schnell vergessen.

Sie sind Mitinitiator der Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz. Die gibt es seit 1980. Was genau passiert da? Was machen die Jugendlichen dort?

Tatsächlich ist das eine patriotische Einrichtung. Junge Menschen lernen die Geschichte kennen und lernen diese Geschichte vor dem eigenen Hintergrund zu interpretieren. Viele der Menschen in Auschwitz waren so jung, wie es die Besucher heute sind. Mit Träumen, voller Lebenslust und den Kopf voll Blödsinn. Sie hatten nur das PechJuden, Roma, Sinti oder Polen zu sein. Und ihre Mörder waren Deutsche. Leider haben wir nur die Erzählungen der Opfer. Die Täter haben ihre Taten nicht erklärt.

Umfragen zeigen, dass viele Schüler über Auschwitz genau so wenig wissen, wie über andere Geschichtsthemen. Was läuft da schief?

Zunächst einmal würde ich das nicht generalisieren. Ich kenne eine Vielzahl sehr engagierter Lehrer, die sich mit der Geschichte auseinandersetzen. Allerdings scheint es insgesamt in den Schulen zunehmend die Auffassung zu geben, die Zeit des NS-Regimes, sei ein abgeschlossenes Kapitel, das wir hinter uns gelassen haben. Wir sehen aber jeden Tag, dass es nicht so ist.

Kann man vor Diktatur und Auschwitz warnen, wenn es keine Überlebenden mehr gibt?

Diese Frage wird oft gestellt. Aber die Zeitzeugen hinterlassen uns ihre Geschichten. Wir haben die Gedenkorte und wir haben umfangreiche Kenntnisse der Forschung. Es wird uns nicht an Wissen fehlen. Entscheidend wird sein, was wir mit dem Wissen anfangen.

Einige scheinen Auschwitz als Projektionsfläche zu nutzen. Oder zur Provokation. Sie waren mit den Rappern Farid Bang und Kollegah in der Gedenkstätte. Die beiden hatten in einer Liedzeile das Leid der Opfer des Konzentrationslagers verunglimpft. Was ist bei dem Besuch herausgekommen?

Wir haben mit ihnen die ganz normale Führung gemacht. Es sollte kein Tribunal werden. Wir haben ihnen von Musikern, Künstlern erzählt, die in Auschwitz ermordet wurden. Zumindest bei Kollegah konnte man eine zunehmende Wut spüren. Wie können Menschen, Menschen so etwas antun?! Vor allem die Verbrechen an den Kindern haben ihn erschüttert. Wie sie jeden erschüttern. In einem Interview hat Kollegah dann gesagt, er würde nie wieder etwas Verunglimpfendes über den Holocaust sagen.

Wie erleben Sie die aktuellen Auseinandersetzungen um die Gedenkfeiern zum 27. Januar? Der polnische Präsident will nicht in Jad Vaschem reden, weil Putin dort spricht. Der wiederum hatte Polen eine Mitschuld am Holocaust gegeben.

Die Polen fühlen sich stigmatisiert. Natürlich gibt es dort etwas aufzuarbeiten. Aber das ist Sache der polnischen Gesellschaft. Auf polnischem Boden haben in Europa die meisten Juden gelebt. Die Opferzahlen waren hoch. Aber nun droht das Thema unter die Räder des russisch-polnischen Konfliktes zu geraten. Die Auschwitz-Überlebenden schmerzt das. Sie wollen, dass man am 27. Januar zuhört. Ihnen zuhört.

Angela Merkel war gerade in Auschwitz – sie hat dort sicher die richtigen Worte gefunden. Aber sie war sehr spät in ihrer Amtszeit dort und sie war nach Schmitt und Kohl erst das dritte deutsche Regierungsoberhaupt, das Auschwitz besuchte – halten Sie diese Zurückhaltung für problematisch?

Ich bin sicher, dass Auschwitz für Angela Merkel eine Realität war, die sie ihr ganzes Leben begleitet hat. Durch die Erziehung, durch die Schule und aus vielen anderen Gründen. Sie ist dem Ort sicher nicht ausgewichen. Und das Wichtigste: Sie hat so gehandelt, dass unzweifelhaft ist: Diese Kanzlerin kämpft dafür, dass das "Nie wieder Auschwitz" keine Worthülse wird.

Sie sind Schriftsteller, Autor – auch von Filmen. Durch die Arbeit im Auschwitz Komitee blieb ihnen wenig Zeit für die Kunst. Aber Ende letzten Jahres haben Sie es geschafft, ein Buch zu veröffentlichen.Titel: "Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen". Worum geht es?

Das sind Geschichten, die mir Überlebende erzählt haben. Geschichten, die ich zu neuen Erzählungen zusammengefügt habe. Wissen Sie, was mich beim Schreiben und Erinnern besonders erschüttert hat? Immer wieder haben mir Auschwitz-Überlebende versichert, dass sie, obwohl sie Zeugen des Geschehens waren, nicht glauben konnten, dass es wirklich geschah. Weil das, was passierte, jede moralische Kategorie sprengte. Das ist es, was mit der Einmaligkeit des Holocaust gemeint ist.

Vielen Dank für das Gespräch

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