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Mit Werken aus dem Kunstarchiv erarbeiten Laien zwei dreimonatige Ausstellungen, die in Beeskow gezeigt werden.

Beeskow
DDR-Kunst-Fans erarbeiten an zwei Tagen zwei Ausstellungen

"Aufbruch" und "Ankunft" aus Norbert Wagenbretts Zyklus "Geschichte der Sowjetunion": Auf jedem Ziehgitter gibt es Überraschendes. Die Bilder sind nach den Künstlernamen gehängt, so entstehen kuriose Kombinationen.
"Aufbruch" und "Ankunft" aus Norbert Wagenbretts Zyklus "Geschichte der Sowjetunion": Auf jedem Ziehgitter gibt es Überraschendes. Die Bilder sind nach den Künstlernamen gehängt, so entstehen kuriose Kombinationen. © Foto: Peggy Lohse
Peggy Lohse / 09.02.2020, 17:42 Uhr - Aktualisiert 10.02.2020, 14:30
Beeskow (MOZ) Zwölf Kunstinteressierte in zwei Gruppen je sechs Personen. Ein Kunstarchiv mit 10 000 Kunstwerken – 1500 Gemälde, 8000 Grafiken plus Skulpturen und Fotografien. Unzählige Erinnerungen und Vorstellungen über die DDR. Daraus entstehen zwei Ausstellungskonzepte.

Schon nach der Vorstellungsrunde des zweitägigen Workshops "Alle in die Kunst" im Kunstarchiv der Burg Beeskow wird klar: Es gibt viel Diskussionsstoff. "Ich habe Kunstausstellungen in der DDR nahezu von Anfang an verfolgt und bin immer wieder beeindruckt von der handwerklichen Qualität der Arbeiten", sagt Helga Sigismund, Betriebswirtin aus Fürstenwalde.

Die 60-Jährige hatte sich mit ihrer Freundin Christel Weingart beworben, die "mit dem Eintritt in den Unruhestand", wie die 69-Jährige es nennt, aus Ostfriesland nach Fürstenwalde in einen "völlig neuen Kulturkreis" zog. "Das war wie ins Ausland ziehen, nur die Sprache hatten wir gemeinsam." "Wir diskutieren oft über das Spannungsfeld zwischen Ost und West", sagt Sigismund. Ist Kunst politisch oder übergreifend? An dieser Frage reiben sich nicht nur die Freundinnen auf, sondern die ganze  Workshop-Gruppe.

Insgesamt hatte es 25 Bewerbungen gegeben. Zur Jury gehörten der Architekt und Fotograf Martin Maleschka sowie die Bad Saarower Illustratorin Gertrud Zucker. Die zwölf Ausgewählten im Alter zwischen 30 und 70 Jahren kommen aus ganz Deutschland – von Beeskow bis Hamburg. Die Jüngsten sind die Geschichtsstudentin Saskia Heller aus Frankfurt, die über ihr Interesse für den postsowjetischen Raum zur DDR-Kunst kam, und die Immobilienfachfrau und Hobbyfotografin Katrin Hitzigrad, die in Jena einen temporären Ausstellungsraum in einem Plattenbau auf die Beine gestellt hat.

Beide suchen im riesigen Druckefundus des Depots nach Anknüpfungspunkten. "Diese Grafikmappe entstand 1988 zu den Arbeiterfestspielen in Frankfurt (Oder)!", ruft Heller, "In dem Jahr wurde ich geboren. Und ich lebe in Frankfurt. Und für die Festspiele wurde die Große Scharrnstraße hergerichtet, mit der ich mich gerade in einem Seminar befasse."

Beim Stöbern unterstützen Martin Maleschka sowie Florentine Nadolni und Sabrina Kotzian vom Kunstarchiv. Aber sie müssen auch belehren: Beim Ausfahren der Ziehgitter mit den Gemälden entsteht ein Irrgarten – Rücksichtnahme, bitte. Kontakt mit Kunstwerken ausnahmslos mit Handschuhen. Auch wenn die Stücke nach der Wende zufällig hier landeten und früher als Alltagskunst in Parteibüros oder Festräumen hingen.

"Wir bewerten hier gar nichts", betont Florentine Nadolni, die Leiterin des Kunstarchivs. Das Ergebnis des Workshops sei völlig offen. Beim Rundgang durch die Ausstellungsräume mit der aktuellen Schau "Spurensuche" erklärt Nadolni schon Feinheiten, die die Gruppen beachten müssen: Für Grafiken ist Tageslicht tödlich, weil sie ausbleichen. Kamine, Feuerlöscher und Fluchtwege sind unveränderbar. Nadolni zeigt Hängungsweisen, Vitrinen, Passepartouts und Beschriftungen. Denn beim Kuratieren geht es nicht nur um die Werkauswahl, sondern auch um deren Wechselwirkung. Sprechen sie miteinander, entsteht ein Dialog? Wo ist der rote Faden?

Am Ende sind die Ergebnisse so unterschiedlich wie die Gruppen. Unter dem Arbeitstitel "Leben in einem Land, das es nicht mehr gibt" will das erste Team einen klischeefreien Alltag in der DDR zeigen. Ihre Lebenserfahrung leitete die fünf Frauen und einen Mann, fünf Ostdeutschen und eine Westdeutsche bei der Auswahl. In der Schau sollen die Bilder die Hauptrolle spielen.

Die jüngere Gruppe geht es individualistischer an: "Durch unsere Augen" ist das Motto. In jedem Raum werden von jedem Gruppenmitglied ausgesuchte Werke hängen. Texte sollen Damals und Heute verbinden sowie die persönlichen Bezugspunkte der Kuratierenden erläutern.

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