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Atommüll
Das steckt hinter der Endlager-Suche in Ostprignitz-Ruppin

Judith Melzer-Voigt / 12.02.2020, 17:30 Uhr
Neuruppin (MOZ) Es war das Jahr 1994. Dem Bundesumweltministerium wurde damals zum ersten Mal klar, dass eine Alternative zum geplanten Atommüll-Endlager in Gorleben geprüft werden muss. Damals fiel auch der Name eines möglichen Lagers in Ostprignitz-Ruppin: Netzeband. Nun gerät der Salzstock, der dort unter der Erde liegt, zum zweiten Mal ins Visier der Endlager-Suche. Dieser Fakt bringt Heinz-Herwig Mascher zum Nachdenken. Der brandenburgische Landessprecher der Grünen Liga hat sich daher nicht lange bitten lassen, als Ulrike Laubenthal aus Zempow darum bat, dass die Grüne Liga eine Info-Veranstaltung zum Thema Endlagersuche veranstaltet. Am Dienstagabend in Neuruppin war es soweit. Rund 100 Interessierte wollten mehr erfahren. Jochen Stay von der Organisation  "Ausgestrahlt" beschäftigt sich seit 35 Jahren mit den Themen Atomenergie und Endlagersuche.

Er erklärte den Ruppinern am Dienstag, dass ihm durchaus bewusst ist, dass das "am wenigsten schlechte" Lager gefunden werden muss. Nur der Weg dorthin ist für ihn weder transparent noch gerecht. Nicht nur Netzeband, auch der Bereich Zechlin könnte in Ostprignitz-Ruppin als mögliches Lager in Frage kommen (wir berichteten). Einen entsprechenden Zwischenbericht der zuständigen Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) wird es noch im Herbst dieses Jahres geben.

Welcher Atommüll fällt an?

Laut Jochen Stay gibt es drei Sorten Atommüll: Einerseits fällt solcher an, der als "freigemessen" bezeichnet wird. Die Radioaktivität liegt unter bestimmten Grenzwerten, es handelt sich formal um normalen Müll. Die zweite Gruppe ist der schwach- bis mittelaktive Müll. Bis zur endgültigen Abschaltung der Kernreaktoren in Deutschland rechnet Stay mit rund 600 000 Kubikmetern dieses Mülls, die entsorgt werden müssen. 107 Bundesliga-Spielfelder könnten also mit den charakteristischen gelben Tonnen ausgefüllt werden, in denen solcher Müll gelagert wird. 17 000 Tonnen sind es beim hochradioaktiven Müll, der dritten und letzten Sparte. 1 900 Castor-Behälter würde dieser füllen. "Und irgendwann muss er da raus", so Stay. Denn die Behälter halten nicht ewig.

Wo lagert der Müll jetzt?

Solche Castor-Behälter lagern derzeit an 16 verschiedenen Orten in Deutschland. Doch die Genehmigungen für die Hallen, die strenge Sicherheitsvorschriften erfüllen müssen, laufen nach und nach aus – manche laut Jochen Stay schon in rund 14 Jahren. "Es gibt also einen gewissen Zeitdruck, ein Endlager zu finden."

Warum nicht Gorleben?

In Gorleben gab es viel Kritik seitens der Anwohner. Dort sollte der Atommüll in einem Salzstock gelagert werden, der laut Jochen Stay Kontakt zum Grundwasser hat. 1,9 Milliarden Euro hat die Bundesregierung dort schon in den Umbau investiert. 113 Castor-Behälter lagern dort bereits in einer Halle über der Erde. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima startet eine erneute intensive Endlager-Suche. "Gorleben ist weiterhin mit im Topf", so Stay. Ziel der neuen Suche: Es soll mehr Transparenz und Beteiligung der Öffentlichkeit geben.  Die Suche läuft seit 2017.

Welche Anforderungen?

Gesucht wird nicht mehr und nicht weniger als ein Lager für eine Million Jahre. Dass es ein Standort in Deutschland sein wird, ist in dem Standortauswahlgesetz festgeschrieben. Als Ausgangslage gibt es eine "weiße Landkarte", gesucht wird also überall. Doch an die Bodenbeschaffenheit gibt es Anforderungen: Dieser darf aus Salz, Ton oder Granit bestehen, erklärt Jochen Stay. Bis 2031 soll der endgültige Standort gefunden sein. Dieser muss bis 2050 ausgebaut sein. Die anschließende Einlagerung dauert noch einmal 30 bis 50 Jahre. "Alle Fachleute sagen schon jetzt: Der Plan haut nicht hin. Es wird länger dauern", so Stay. Problematisch ist vor allem, dass die jetzigen Zwischenlager nicht so lange halten werden.

Wie wird gesucht?

Das Suchverfahren läuft laut Stay in drei Stufen: Im ersten Schritt werden – rein nach Aktenlage – geologische Daten zu Rate gezogen. Dabei werden aber erst einmal nur digitalisierte Infos genutzt, erklärt der Fachmann. "Also längst nicht alle", sagt er. Außerdem gebe es für Ost- und Norddeutschland mehr Daten über den geologischen Untergrund als beispielsweise für Süddeutschland: "Die DDR hat sehr intensiv nach Rohstoffen gesucht", erklärt Stay. "Und in Norddeutschland gibt es Öl- und Gasvorkommen, nach denen dort geforscht wurde." Das Auswählen nach Datenlage soll zwischen 2022 und 2024 abgeschlossen sein. Den ersten Zwischenbericht gibt es im Herbst 2020. In der zweiten Stufe des Suchverfahrens werden die Gebiete, die im ersten Schritt ausgewählt wurden, "obertägig untersucht", so Stay. Probebohrungen oder seismische Messungen stehen an. Ziel ist es, weitere Infos über den Untergrund zu bekommen. Schließlich, in der letzten Stufe des Verfahrens, werden die übrig gebliebenen Standorte auch untertägig untersucht.

Was führt zum Ausschluss?

Gebiete mit starkem Vulkanismus, beispielsweise die Eifel, werden ebenso ausgeschlossen wie solche mit Erdbebengefahr wie nahe der Schweizer Grenze oder jene, in denen es alte Bergbauareale gibt, wie im Ruhrgebiet. Es wird laut Gesetz aber auch nach Tiefe, Mächtigkeit, nach Isolationsvermögen oder Gasbildung des Untergrunds geschaut. Nur, wenn zwei Gebiet genau gleich gut für die Endlagerung des Atommülls geeignet sein sollten, steht überhaupt eine Betrachtung der oberirdischen Verhältnisse an, so Stay. Ob es sich um ein Natur- oder Trinkwasserschutzgebiet handelt, wie weit die nächste Wohnbebauung entfernt ist: Das alles spielt bis dahin keine Rolle. Wird schon vorher ein laut Bundesamt perfekter Standort gefunden, werden die Punkte gar nicht einbezogen. "Eine Großstadt oder Ähnliches ist erst einmal kein Ausschlusskriterium", so Stay.

Welche Kritik gibt es?

Die Kritik bezieht sich nicht auf das Endlager selbst. Stay ist zwar Atomgegner. Jetzt, wo der Müll da ist, müsse dieser aber auch eingelagert werden. Doch am Verfahren hat der Fachmann viel Kritik: Die Kriterien, nach denen das Endlager ausgewählt werden soll, sind das Ergebnis eines politischen Aushandelns, nicht einer echten geologischen Auseinandersetzung. "In der Kommission saßen vor allem Minister, die sich vorher bei ihren geologischen Diensten erkundigt haben: Was muss ich denn da reinverhandeln, dass es mein Bundesland nicht wird?", so Stay. Am Ende seien "vage Kriterien" herausgekommen. Eine echte "weiße Landkarte" gebe es nicht. Nach dem Gesetz sei es möglich, dass Gebiete rausfallen, weil es über sie zu wenige Daten gibt. "Dann ist es aber schwer möglich zu sagen: Dieser Standort ist wirklich der beste", sagt Jochen Stay.

Zur geforderten Transparenz bemängelt der Fachmann, dass seit 2017 an dem Zwischenbericht gearbeitet wird. "Und jetzt, nach drei Jahren, wird zum ersten Mal etwas veröffentlicht." Er befürchtet, dass der Zeitdruck zu Fehlern führen kann und kritisiert, dass es zwar Gremien gibt, in denen Bürger sich zu Wort melden können. "Aber auf die muss nicht gehört werden." Ein großes Ungleichgewicht machen Stay und seine Mitstreiter dabei aus, dass der Bundestag am Ende entscheidet, wo das Endlager entsteht: Es gebe derzeit 108 Abgeordnete aus Bayern, aber beispielsweise nur 25 aus Brandenburg. Dass ein Bundestagsmitglied sein eigenes Bundesland wählt, sei eher unwahrscheinlich.

Ist OPR ein Favorit?

"Ich behaupte nicht, dass die Region bei der Suche ein Favorit ist", sagt Jochen Stay. "Die Wahrscheinlichkeit ist nicht größer – oder kleiner – als bei anderen Gebieten." Er ruft dazu auf, dass sich die Bewohner überall schlau machen und vernetzen. "Die Gesellschaft muss sich auf die am wenigsten schlechteste Lagermethode und den am wenigsten schlechten Standort verständigen", erklärt Stay.

Was nun?

Wer sich vernetzen möchte, konnte am Dienstag schon einen kurzen Fragebogen ausfüllen, den die Zempowerin Ulrike Laubenthal vom Verein Sichelschmiede einsammelte. Sie will sich darum kümmern, dass die Teilnehmer in Kontakt kommen. Den Draht zu Ulrike Laubenthal gibt es über die Internetseite des Vereins. Es soll auch eine Arbeitsgruppe gegründet werden, die sich mit der Thematik eines möglichen Endlagers in Ostprignitz-Ruppin beschäftigt.

Zur Person Jochen Stay

Jochen Stay ist seit seinem 15. Lebensjahr aktiv in außerparlamentarischen Bewegungen, seit 1985 in der Anti-Atom-Bewegung. In diesem Jahr sollte die zentrale Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Brennstäbe aus Kernreaktoren in Deutschland im schwäbischen Wackersdorf entstehen. Das führte zu massiven Protesten in der Bevölkerung. Protestler errichteten unter anderem Hüttendörfer in Wäldern, die abgeholzt werden sollten. 1989 wurde das Vorhaben eingestellt.

Von 1997 bis 2008 war Jochen Stay mit Unterbrechung Sprecher von X-tausendmal quer", ein bekanntes Kampagnennetzwerk gegen Atommülltransporte.

Seit 2008 fungiert Stay als Sprecher der Anti-Atom-Organisation "Ausgestrahlt". Er blickt zwar auf eine lange Karriere als Kämpfer gegen die Atomenergie zurück, sagte aber unter anderem am Dienstag ganz deutlich, dass der daraus entstandene Müll bestmöglich gelagert werden muss. Nun setzen er und seine Mitstreiter sich für eine faire Suche nach einem Standort ein.⇥jvo

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