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zum Terror von Hanau
Hass aus unserer Mitte

Roland Müller.
Roland Müller. © Foto: Marc Hörger
Meinung
Roland Müller / 20.02.2020, 20:37 Uhr
Hanau (NBR) Der Mord an dem CDU-­Politiker Walter Lübcke. Der Anschlag auf eine Synagoge in Halle. Eine Terrorzelle, die Moscheen angreifen wollte. Und nun das rassistische Blutbad in Hanau. Die Aufzählung umfasst nur die krassesten Fälle der jüngsten neun Monate. Sie zeigt: Rechtsextremer Terror nimmt bedrohliche Ausmaße an – er beginnt, zum Alltag dieser Republik zu gehören.

Der Täter von Hanau verbreitete absurde Verschwörungstheorien und hing einem rassistischen Weltbild an, das ganze Völker zur Auslöschung freigab. Selbst falls sich herausstellt, dass Tobias R. geistig verwirrt war, steht er doch in einer Linie mit  Massenmördern wie dem Norweger Anders Breivik und dem Täter im neuseeländischen Christchurch – Helden einer rassistischen Internationale, denen der Täter von Halle nacheiferte. Weil hinter ihnen keine Gruppe und kein Befehlshaber steht, neigen wir dazu, solche "einsamen Wölfe" Einzeltäter zu nennen. Das greift zu kurz.

Schon seit Langem konstatieren Terrorismusforscher, dass sich die Gestalt des Terrors verändert: Statt straff geführter Gruppen treten Täter in den Vordergrund, die sich in einem diffusen ideologischen Sumpf im Internet selbst radikalisieren. Auch so genannte Einzeltäter gedeihen in einem gesellschaftlichen und medialen Umfeld, das ihre mörderische Weltsicht verstärkt und scheinbar bestätigt. Im Netz finden sie Gleichgesinnte, die ihre Wut befeuern – und in der realen Welt seit einiger Zeit wieder Politiker, die vom "Bevölkerungsaustausch" raunen und Hass auf (zum Beispiel) Muslime schüren.  So wie Verschwörungswahn und rechtsextreme Ideologie verschmelzen, verschwimmt auch die Unterscheidung zwischen Terrorist und Amokläufer.

In unserer Mitte radikalisieren sich so Menschen hinter scheinbar bürgerlichen Fassaden: Wie jene vergangene Woche gefasste Terrorzelle, in der bewaffnete Reichsbürger, Kleinunternehmer und Polizeimitarbeiter beim Grillen den Bürgerkrieg planten.

Mordenden Wutbürgern, die ihren Hass im Stillen ausbrüten, ist nur schwer beizukommen. Politik und Sicherheitsbehörden müssen dem bedrohlichen Trend entschieden begegnen. Doch das allein reicht nicht.

Es braucht auch mehr politische Bildung und eine klare Ächtung rechter Ideologien, die ohne Zweifel derzeit die größte politische Gefahr in Deutschland darstellen. Ebenso wichtig ist Medienbildung: In rasendem Tempo schwindet das Vertrauen in Politik, Demokratie und die Institutionen, die dieses Land ausmachen – dazu gehören auch seriöse Medien. Wer sich von all dem abwendet, kann sich rasch in einem Sumpf aus Lügen, Fake News und Verschwörungswahn verirren – und landet in einer Parallelwelt, die sich im Krieg befindet.

Und: Migranten, Juden, Muslime und alle gesellschaftlichen Gruppen, die von den Tätern als Ziele ausgewählt worden sind, brauchen nun Solidarität und Unterstützung. Wenn, wie etwa während der Mordserie des NSU, der Eindruck entsteht, der Terror treffe nur Bürger zweiter Klasse, deren Tod weniger schlimm ist, hat der Hass bereits gewonnen.

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Werner Matzat 21.02.2020 - 14:16:38

Terror von Hanau? - Der Wahrheit halber: - Die bundesrepublikanischen Spalter rufen zur Einheit auf! - Schon mal darüber nachgedacht?

Werte Leser und Leserinnen, hier kommen drei Beispiele wie die Verantwortlichen Regierungsspalter zur Einheit und Geschlossenheit aufrufen. (1) Steinmeier rief die Bürger zu "gelebter Rücksichtnahme und Solidarität auf". Er sagte weiter, "Achten wir auf unsere Sprache in der Politik, in den Medien, überall in der Gesellschaft". Das sind zwar gute und richtige Worte. Aber warum hat der "Architekt" der Agenda 2010 während seiner Zeit im Bundeskanzleramt nicht auch an "Rücksichtnahme und Solidarität" gedacht und mit der "Hartz - IV" Gesetzgebung vielen Personen hierzulande die Würde genommen? (2) Die Präsidentin der Europäischen Union, Ursula von der Leyen, nutzte die Gelegenheit, um für die (angeblichen) Grundwerte der EU - Politik zu werben. Spalterisch ist demnach nicht die (ursächliche) wirtschaftsradikale EU - Politik, sondern die Symptome "Hetze und Gewalt". Sie sagte weiter, "Die entsetzliche Tat von Hanau steht fundamental gegen alle Grundwerte, die die EU ausmachen und auf die wir zurecht stolz sind. Wir stellen uns entschlossen denen entgegen, die unsere Gesellschaften mit Hetze und Gewalt spalten wollen". (3) Und auch Kanzlerin Angela Merkel sah keinen Anlass für Selbstkritik an einer spalterischen Politik - im Gegenteil: Sie sagte weiter, "Die Bundesregierung und alle staatlichen Institutionen stehen für die Rechte und Würde eines jeden Menschen in unserem Land. Wir unterscheiden Bürger nicht nach Herkunft oder Religion. Wir stellen uns denen, die versuchen, in Deutschland zu spalten, mit aller Kraft und Entschlossenheit entgegen". Werte Leser und Leserinnen, dies sind nur drei Beispiele einer weiterverbreiteten Praxis: Durch das Zeigen auf "die Rechten", die zuerst ein Symptom sind, soll von der eigenen Verantwortung für gesellschaftliche Spaltungen abgelenkt werden. Es wird auch suggeriert, die gravierendste Spaltung würde zwischen "Rechts" und "Links" verlaufen - (passender Beitrag dazu auf Monitor vom 20.02.2020 um 22:00 Uhr) Quelle: https://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/hanau-100.html --- und nicht zwischen "Oben" und "Unten". Man wird in den nächsten Tagen noch eine Fülle solcher wohlfeiler moralischer Aufforderungen an "die eigenen Bürger" hören. Wie viele dieser Appelle werden die soziale Spaltung anprangern? Und die Heuchelei der Spalter? Hier passt hervorragend auch die bei uns gar nicht so seltene Spezies, die "Haltet den Dieb" schreit, noch während sie sich selbst schamlos die Taschen voll stopft. Statt dessen bieten die für Spaltungen verantwortlichen Politiker nun Floskeln von der "Solidarität" an. Ihre Appelle werden so die Gesellschaft nicht mehr zusammenhalten. Aber der eine Satz des Redakteurs trifft den Nagel auf den Kopf: "Wer sich von all dem abwendet, kann sich rasch in einem Sumpf aus Lügen, Fake News und Verschwörungswahn verirren – und landet in einer Parallelwelt, die sich im Krieg befindet". Darüber sollte der intelligente Bürger in dieser "Demokratie" grundsätzlich einmal nachdenken. Und daher kommt es wie es immer kommen muss, das Ende des Aufwachprozesses der "schlafenden Masse" im finalen Stadium ist der "Paukenschlag". Denn wenn Sie nicht empört sind , haben Sie nicht aufgepasst - wenn die Täuscher, Trickser, Tarner zur "Einheit", "Solidarität" und "Geschlossenheit" aufrufen. Noch weitere Fragen dazu?

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