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Schulschwänzer
Aushalten, zuhören, entschleunigen

Sonderpädagogin Bettina Meißner hilft Oliver und Nicklas im Projekt "Kopfstütze" an der Torhorst-Gesamtschule.
Sonderpädagogin Bettina Meißner hilft Oliver und Nicklas im Projekt "Kopfstütze" an der Torhorst-Gesamtschule. © Foto: Uli Malende
Burkhard Keeve / 21.02.2020, 17:42 Uhr
Oranienburg (MOZ) Kein Bock, keine Kraft, schlechte Noten, Probleme mit Lehrern, zu Hause und Pubertät: Es gibt tausend Gründe, den Schulranzen in die Ecke zu werfen und zu Hause zu bleiben. Schwänzen ist ein Dauerthema in den Schulen. Doch statt Verweigerer zu bestrafen und noch weiter auszugrenzen, setzen einige Bildungseinrichtungen auf gezielte Projekte. Beispielhaft steht dafür das Programm "Schule Jugendhilfe 2020", an dem unter anderem die Veltener Barbara-Zürner-Oberschule, die Exin-Oberschule in Zehdenick und die Oranienburger Torhorst-Gesamtschule teilnehmen.

Es liegt nicht am Intellekt

Drei Mädchen und zwölf Jungen der siebten und achten Klasse der Torhort-Gesamtschule nehmen aktuell an dem bis 2021 geförderten EU-Programm teil. Dadurch werden 1,5 Sozialarbeiterstellen und eine Stelle, die sich vier Lehrer teilen, finanziert. An der Torhorst-Schule setzt die Lernwerkstatt "Kopfstütze" der SPI-Stiftung (Sozialpädagogisches Institut) das Programm um.

"Einige Schüler kommen teils schon mit Fehlzeiten aus der Grundschule zu uns", sagt Sozial­arbeiter Uli Malende, der gemeinsam mit seiner Kollegin Dorothea Prossel die Schulverweigerer der Torhorst-Gesamtschule zu erreichen versucht. Ältere Schüler ab Klasse 9, "die zu nichts mehr Lust haben, oder lieber arbeiten wollen", seien auch für derartige Hilfsangebote "nur noch schwer zu erreichen", so Uli Malende.

Es sind in der Regel die Klassenlehrer, die die Verweigerer und Schwänzer zur "Kopfstütze" empfehlen, weil sie "eine 5 oder 6 in Mathe und Englisch haben", sie immer den letzten, vierten Block (bis 15 Uhr) schwänzen, die Klasse massiv stören oder unangepasst sind.

Dass die Noten immer schlechter werden, "liegt zu 90 Prozent nicht am Intellekt", sagt der Sozialarbeiter. Manchmal habe es ganz banale Gründe wie Hunger. Das erkläre auch bei einigen, warum sie es nicht mehr schaffen, sich im vierten Block noch zu konzentrieren, sondern Krawall machen oder gehen.

Die Aufgabe der beiden Sozial­arbeiter und der vierköpfigen Lehrergruppe ist es, zunächst einmal "aushalten, zuhören und den Schulalltag entschleunigen", sagt Malende. Es geht um die kleinen Schritte, die ein großes Ziel haben: Vertrauen. Erste Früchte gebe es nach zwei bis drei Monaten. "Dann sind wir soweit zu ihnen vorgedrungen, dass es um die Gründe geht, warum sie den Unterricht schwänzen, warum es so schiefläuft", sagt der Sozialarbeiter. Oft lägen die Probleme zu Hause. Dann müsse unter Umständen auch schon mal das Jugendamt eingeschaltet werden. Bei allen Unterschieden, die jeder einzelne Schüler in dieser Gruppe mit sich bringt, hat Uli Malende einen gemeinsamen Nenner ausgemacht: "Ihnen allen fehlt etwas, wofür sie brennen." Sei es für das Fußballtraining am Nachmittag, ein Instrument oder eine richtige Freundschaft. Die Ursache sei in der Regel ein "entgrenzter, unstrukturierter Freizeitbereich mit hohem Medienkonsum bei null Medienkompetenz".

Vertrauen ist wichtig

"Es ist sehr wichtig, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen", sagt Projekt-Lehrerin und Sonderpäda­gogin Bettina Meißner. "Dann trauen sie sich auch, Fehler zu machen. Hier können sie zudem mitbestimmen und gestalten." Irgendwann würden sich die "Kopfstützler" mit dem Projekt identifizieren, sehen es nicht mehr als Makel an, "sondern finden es cool dazuzugehören", sagt Malende. Dann sei schon viel erreicht. Nach einem halben Jahr bei der  "Kopfstütze", soll es zurück in den Regelunterricht gehen. Aber nicht alle Intensivschwänzer werden erreicht. Einige fielen durchs Raster, würden zu Klienten in Drogeneinrichtungen. Andere wiederum besuchten mittlerweile die elfte Klasse im Oberstufenzentrum.

UnentschuldigtesFehlen

Kategorien beim Schulschwänzen:

gelegentliches Schulschwänzen: unentschuldigtes Fehlen an weniger als zwei Tagen in drei Monaten

Schulverdrossenheit: unentschuldigtes Fehlen an mehr als zwei Tagen

Schulverweigerung: unentschuldigtes Fehlen an mehr als fünf Tagen, darunter zählen:

Regelschwänzen: unentschuldigtes Fehlen an bis zu 20 Tagen

Intensivschwänzen: unentschuldigtes Fehlen an mehr als 20 Tagen ⇥bu

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Dirk Mahnke 22.02.2020 - 10:29:08

Weicheier

Jeder tritt in den Hintern ist ein Schritt nach vorn!

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