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Hebammenmangel
Entbindungen in Eisenhüttenstadt nur zwischen 8 und 16.30 Uhr

In Eisenhüttenstadt droht gebärenden Frauen eine Krankenhaus-Verlegung nach Frankfurt (Oder) während der Geburtstphase. Ursache: Hebammen sind ab April nur einschichtig im Dienst. (Symbolbild)
In Eisenhüttenstadt droht gebärenden Frauen eine Krankenhaus-Verlegung nach Frankfurt (Oder) während der Geburtstphase. Ursache: Hebammen sind ab April nur einschichtig im Dienst. (Symbolbild) © Foto: dpa
Janet Neiser / 25.02.2020, 19:29 Uhr - Aktualisiert 26.02.2020, 07:16
Eisenhüttenstadt (MOZ) Von Entspannung im Kreißsaal des Eisenhüttenstädter Krankenhauses kann noch lange nicht geredet werden. Schwangere müssen sich darauf einstellen, dass der Kreißsaal ab April 2020 täglich nur noch von 8 bis 16.30 Uhr geöffnet sein wird – vorübergehend, mindestens zwei Monate. Babys kommen aber nicht nach Schichtplan, sondern rund um die Uhr auf die Welt. Was also passiert, wenn eine Frau, die schon auf Station ist, erst nach 16.30 Uhr akute Wehen bekommt? "Dann wird sie mit einem Rettungswagen nach Frankfurt gebracht", spricht Till Frohne, Geschäftsführer des Eisenhüttenstädter Krankenhauses ehrlich aus, was viele kopfschüttelnd zurücklassen wird. Ihm gefällt die Situation nicht, aber er hat keine Wahl.

Bereits 2019 blieb der Kreißsaal im letzten Quartal mehrere Wochenenden geschlossen. Der Grund? Es gab nicht genug Hebammen. Eine Hebamme muss bei einer Geburt anwesend sein, sie kann nicht durch einen Arzt ersetzt werden. Nun ist es aber so, dass die eh schon angespannte Lage im Krankenhaus Eisenhüttenstadt sich weiter zuspitzt, da eine weitere Hebamme das Haus verlassen wird. Dann seien nach Angaben der Geschäftsführung nur drei Geburtshelferinnen vor Ort. Mit denen lässt sich beim besten Willen an sieben Tagen in der Woche keine Rund-um-die-Uhr-Öffnung des Kreißsaals umsetzen. Sechs Hebammen bräuchte man, betonte der Geschäftsführer bereits vor Monaten.

"Wir planen so nicht, um uns den Unmut der Hebammen oder des Betriebsrates zuzuziehen. Der Dienstplan ist mit den Hebammen ab-gestimmt. Und wir sind sehr froh darüber, dass auch sie der Auffassung sind, den Kreißsaalbetrieb möglichst rund um die Uhr zu gewährleisten", versichert Pflegedienstleiterin Andrea Hirsch. Die Reduzierung oder die Abmeldung des Kreißsaalbetriebes werde in Abstimmung mit dem Ärztlichen Leiter entschieden und über den Landkreis Oder Spree, das Medizinische Versorgungszentrum und die Notaufnahme kommuniziert.

Annett Thielicke, Betriebsratsvorsitzende, betont die notwendige Einhaltung von Gesetzen und Vorschriften. Die Pflegedienstleiterin nennt die Situation einen Spagat zwischen Tarifrecht und Arbeitszeitgesetz auf der einen Seite und Versorgungsauftrag für alle werdenden Mütter auf der anderen Seite. Diesen Spagat könne man nur gemeinsam meistern, "bis wir endlich genügend Hebammen eingestellt haben".

Es kommt Hilfe aus dem Osten

Doch Hebammen sind schwer zu bekommen, der Arbeitsmarkt sei wie leer gefegt, betont Till Frohne. Da müsse man schon sehr weit östlich schauen. Er hat mehrere Hebammen aus Tschechien, Russland und der Ukraine gefunden, die in Eisenhüttenstadt anfangen sollen. Doch bis dahin bleibt die Situation angespannt und der Kreißsaal nur eingeschränkt geöffnet.

Der Bürgermeister, der sich mit dem Problem bereits an Potsdam gewandt hatte, wird demnächst wohl selbst Post bekommen. Die Schwangerenberatung von Pro Familia und Hebammen haben bereits einen Brief an ihn vorbereitet. Der Inhalt wird heute noch einmal abgestimmt. Es soll unter anderem darum gehen, wie wichtig der Erhalt des Kreißsaals sei.

Angespannte Situation in vielen Kliniken

In den vergangenen Monaten war nicht nur von der Wochenend-Schließung des Kreißsaals in Eisenhüttenstadt zu hörten. Auch andere Geburtenstationen von brandenburgischen Krankenhäusern waren betroffen. So blieben zwischen Oktober 2018 und Dezember 2019 die Türen im  Kreißsaal in Nauen (Havelland) zu. In Templin (Uckermark) konnte auch keine Rundumbetreuung gewährleistet werden. In den meisten Fällen standen den Kliniken nicht genügend Hebammen zur Verfügung. Der Kreißsaal in Straußberg musste für zweieinhalb Wochen schließen, weil der einzige Facharzt der Gynäkologie Resturlaub hatte. ⇥red

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Werner Matzat 26.02.2020 - 15:16:55

Hebammen - Notstand in Eisenhüttenstadt - Der Osten soll es nun richten? - Leider kein Einzelfall in Deutschland - keine Besserung in Sicht!

In Eisenhüttenstadt herrscht wie fast überall in Deutschland ein Notstand in Sachen Hebammen. Leider ist Eisenhüttenstadt kein Einzelfall. Der "Osten" soll es nun richten? Sind Hebammen etwa von Aussterben bedroht? Doch Hebammen haben es in Deutschland immer schwerer und von einer flächendeckenden geburtshilflichen Versorgung sind wir weiter entfernt denn je. Dass Mütter trotz früher Bemühungen keine Hebamme finden, liegt schlicht ergreifend am krassen Mangel. Nicht selten versuchen die Hebammen sogar eigenständig Lösungen gegen den Notstand zu finden. Sie arbeiten sich oft krumm und können ihr Pensum kaum noch bewältigen. Und dieser Zustand ist nicht befriedigend. Dem stehe eine unfähige Politik gegenüber, die sich hilflos von Reform zu Reform hangle. Hier sind die am häufigsten anzutreffenden Mythen über unser Gesundheitswesen: - Ruinöse Lohnnebenkosten - die verhängnisvolle demografische Entwicklung - der teure medizinische Fortschritt - die Vollkasko-Mentalität der Versicherten - das Versagen der solidarischen Finanzierung - der Ärztemangel - die aufgeblähte Krankenkassenbürokratie - das Heil im Wettbewerb und schließlich die Notwendigkeit einer endgültigen großen Gesundheitsreform. Weitere Mythen sind: "Zwei-Klassen-Medizin", "Systemwettbewerb GKV-PKV" und "Ökonomisierung der Medizin". Wer mehr wissen möchte, kann Faktenreich nachlesen unter ISBN-13: 9783456859071mit Ausgabedatum vom 05.11.2018. Hinter diesen Parolen verbergen sich handfeste wirtschaftliche und politische Interessen, weil der medizinische Fortschritt seinen Preis habe und ihre eigenen Ansprüche als Lohnnebenkosten die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft gefährden. So läuft das Spiel. Das Problem des Fachkräftemangels und der fehlenden Lösungen in Sachen Hebammen besteht somit deutschlandweit. Bis der Notstand beseitigt ist, werden aber weiterhin viele Schwangere und junge Mütter ohne die Betreuung durch eine Hebamme dastehen. Und der Ausspruch von Bundesgesundheitsminister Spahn, im Angesicht des "neuen Corona - Virus" SARS-CoV-2: "Das deutsche Gesundheitssystem ist eines der besten der Welt." - ist an Zynismus so nicht zu überbieten. Doch wann wird man in Eisenhüttenstadt endlich engagiert, transparent und konsequent amtieren? Schon mal darüber nachgedacht?

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