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Ausreise aus der DDR
1800 Anträge lagen Brandenburg an der Havel vor

Alexandra Gebhardt / 27.02.2020, 11:08 Uhr - Aktualisiert 27.02.2020, 11:08
Brandenburg (MOZ) Wenn man Kristin Birstein über das letzte Jahrzehnt der DDR sprechen hört, könnte man denken, die Brandenburgerin sei eine von vielen Zeitzeugen jener geschichtsträchtigen Epoche. Tatsächlich ist Birstein jedoch erst 1988 geboren und hat an die DDR kaum Erinnerungen.

Als Archivarin beim Brandenburger Stadtarchiv hat sie im vergangenen halben Jahr jedoch alle bearbeiteten und im Stadtarchiv gesicherten Überlieferungen und Akten zur Ausreise aus dem Bestand der Abteilung Innere Angelegenheiten des Rates der Stadt Brandenburg gesammelt, Fachliteratur wie "Die Prager Wirtschaftsflüchtlinge" von Karel Vodička und Rechtsgrundlagen wie das Gesetzblatt der "Deutschen Demokratischen Republik" hinzugezogen und daraus einen höchst interessanten Vortrag gemacht, der am 7. März zum "Tag der Archive" zu hören sein wird. Das ganze unter dem Titel "Ich will fort, ich akzeptiere dies nicht".

Ein Zitat aus einem der gut 1800 Anträge zur "ständigen Ausreise" aus der DDR, die von 1972 bis 1989 in Brandenburg an der Havel gestellt wurden. 1364 davon sind allein für das Jahr 1989 dokumentiert.  Ein Jahr zuvor sind lediglich 164 vermerkt. "Mit solchen Statistiken muss man immer ein wenig vorsichtig sein, dass am 13. Dezember 1988 jedoch erstmals die Phrase ‚ständige Ausreise’  vermerkt ist, erklärt den Anstieg dieser Zahlen als einen Grund", erklärt Birstein. Rund 1200 Personen, die damals einen Antrag auf Ausreise stellten, verließen die DDR dann auch wirklich, 600 blieben.

Die Gründe dafür, warum ein Antrag abgelehnt oder bewilligt wurde, sind laut Birstein dabei vielfältig. "Rentner war es z.B. eher möglich auszureisen als anderen Bürgern und auch Störenfrieden wurde, besonders vor Großveranstaltungen, eher einmal die Ausreise genehmigt. Bei anderen, die mehrmals Anträge stellten, wurde hingegen versucht, sie zunächst durch ihre Betriebe wieder gesellschaftlich einzugliedern. Drastischere Maßnehmen waren dann die Einschaltung des Ministeriums für Staatssicherheit", weiß die 31-Jährige, die bei der Arbeit mit den zahlreichen KSZE-Akten immer wieder neue Eindrücke vom tatsächlichen Leben in der DDR gesammelt hat.

Mit ihrem Vortrag will Birstein jedoch weder Vorgänge noch Opfer-Täter-Verurteilung bewerten. Ziel ist einzig ein umfassender Einblick in  eines der wohl wichtigsten Themen aus DDR-Zeit – ein Erleben von Geschichte durch Geschichten. Passend zum diesjährigen Motto des "Tag der Archive": ""Zeit-Geschichte".

Tag der Archive

Anke Richter vom Stadtarchiv Brandenburg und Dr. Uwe Czubatynski, Leiter des Domarchivs Brandenburg, laden am Samstag, 7. März, von 10-12.30 Uhr zum achten Mal zum bundesweiten Aktionstag "Tag der Archive" ein. Erstmals findet die Veranstaltung im Bürgerhaus Hohenstücken statt.Auf dem Programm steht ab 10.30 Uhr der Vortrag von Kristin Birstein und ab 11.45 Uhr spricht Dr. Uwe Czubatynski über "Geheimnisse der Zeit" und die Kalenderrechnung in Vergangenheit und Gegenwart. Dazwischen ist Zeit für eine Kaffeepause und kurze Diskussionen vorgesehen. Wer mehr Fragen zu kommunalen Belangen in der DDR hat oder mit den Mitarbeitern des Stadtarchiv ins Gespräch kommen möchte, ist jedoch herzlich ins Stadtarchiv eingeladen.

Anmeldungen zum "Tag der Archive" werden 03381/581727 entgegen genommen. Spontane Teilnahme ist jedoch ebenfalls möglich.

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