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Gesundheitswesen
Experten prangern schlechte Kommunikation von Ärzten an

Zuhören lernen: Medizinstudent Giuliano Bandiko im Gespräch mit seiner Patientin Gerda Schmidt. Das Kommunikationstraining werde oft vernachlässigt, finden Experten.
Zuhören lernen: Medizinstudent Giuliano Bandiko im Gespräch mit seiner Patientin Gerda Schmidt. Das Kommunikationstraining werde oft vernachlässigt, finden Experten. © Foto: Bernd Wüstneck/dpa
Mathias Hausding / 27.02.2020, 03:00 Uhr
Potsdam (MOZ) Wie viel versteht ein Patient im Schnitt von dem, was ihm ein Arzt erzählt? Weniger als 50 Prozent. Wie lange dauert es durchschnittlich, bis ein Arzt die Ausführungen eines Patienten unterbricht? 20 Sekunden. Diese Studienbefunde stellte Professor Edmund Neugebauer am Mittwoch an den Anfang seines Vortrags auf einer Landeskonferenz zur Digitalisierung im Gesundheitswesen. "Wir müssen etwas ändern. Es geht darum, den Patienten in den Mittelpunkt unserer Arbeit zu stellen", betonte der Präsident der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB).

Neugebauer forderte von den Medizinern, sich mehr Zeit zu nehmen und die Kommunikation mit den Patienten zu trainieren. Dies vermindere die Gefahr von Fehldiagnosen und erhöhe die Zufriedenheit des Gegenübers und damit die Erfolgsaussichten einer Behandlung etwa weil der Patient versteht, warum es wichtig ist, die Medikamente regelmäßig zu nehmen.

An der MHB sei dieses Kommunikationstraining in der Medizinerausbildung von Anfang an Standard, betonte Neugebauer. Gerade in den Zeiten der Digitalisierung komme man daran nicht mehr vorbei, denn ob man es gut finde oder nicht, fast alle Menschen würden sich im Internet Informationen über ihre Erkrankung holen. Damit müssten Ärztinnen und Ärzte umgehen können. "Sie sind nicht mehr die alleinigen Wissensträger." Stattdessen sollten sie sich als Partner der Patienten verstehen, als Wegbegleiter zur Gesundung, nicht als Gesundmacher.

Faktenbasierte Info-Portale

Ein Problem sei jedoch, dass laut Studien trotz Internet-Recherche zwei Drittel der Deutschen nur mangelhafte Kenntnisse über das Thema Gesundheit hätten und etliche Online-Wissensquellen fragwürdig seien. Deshalb müsse Gesundheitskompetenz früher und intensiver vermittelt werden – in den Schulen, am Arbeitsplatz, im Wohnumfeld, forderte Neugebauer. Gleichzeitig müsse es werbefreie und nicht kommerzielle Portale geben, auf denen faktenbasiert über Krankheiten informiert werde. Vorbildlich sei hier eine Seite des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen.

Der MHB-Präsident bedauerte auf der Konferenz in Potsdam, dass man über bessere Kommunikationsarbeit von Medizinern schon seit vielen Jahren rede, "aber noch nicht weit gekommen ist". Als Beleg verwies er auf ein Projekt, in dessen Rahmen Studenten und fertige Mediziner für Patienten ehrenamtlich und kostenlos Arztbriefe in verständliche Sprache übersetzen. "Der Erfolg dieses Portals entlarvt das System."

Worum es geht, erläuterte auf der Konferenz einer der Dresdener Initiatoren. "Wir haben 2011 eine Seite eingerichtet, über die Patienten unverständliche Befunde einsenden können – und wurden überrannt", erzählte Ansgar Jonietz. Inzwischen habe man mehr als 40 000 Befunde in einfache Sprache übersetzt. "Jene Mediziner, die uns helfen, trainieren ihre Kommunikationsfähigkeit, also das, was in der Ausbildung zu kurz kommt."

Auch Jonietz betonte, dass der Erfolg des Portals einen Systemfehler offenbare. Deshalb hätten seine Kollegen und er weitergedacht und das Modell eines Patientenbriefes entwickelt, also wie ein Arztbrief bei der Entlassung aus der Klinik, nur in verständlicher Sprache und mit für den Kranken wichtigen Infos.

Um den Arbeitsaufwand gering zu halten, habe man in einem zweiten Schritt erreicht, dass diese Briefe automatisiert erstellt werden können. Dafür nutze man Daten und Abrechnungscodes zu Krankheiten aus den jeweiligen Kliniken. Hinter jedem Code stecke dann ein Textbaustein, mit dem die jeweilige Erkrankung erklärt werde, so Jonietz. In der Pilot-Klinik, dem Herzzentrum Dresden, werde das Projekt bereits umgesetzt. "Jeder Patient bekommt per Post im Nachgang so einen automatisiert erstellten Brief, wenn er will." Das Feedback sei sehr gut, auch Hausärzte hätten sich schon sehr über die Lektüre gefreut.

Nächster sinnvoller Schritt wäre, diesen Brief in Fremdsprachen anzubieten, ergänzte Jonietz. "Und auch für den ambulanten Bereich entwickeln wir bereits Prototypen." Mit Blick auf den Stand der Digitalisierung im Gesundheitswesen sagte Jonietz, dass man sich jetzt nicht mit Themen wie Künstlicher Intelligenz beschäftigen brauche. "Es wäre allen schon geholfen, wenn man seit den 1990er-Jahren bekannte Techniken etwa zum Datenaustausch endlich in der Praxis nutzen könnte."

Informationen im Internet:www.gesundheitsinformation.dewww.washabich.de

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