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Fachkräfte-Einwanderung
Auch Brandenburg auf Zuwanderung angewiesen

Bernd Becking leitet die Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit und sagt: " Wir sind auf Zuwanderung angewiesen".
Bernd Becking leitet die Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit und sagt: " Wir sind auf Zuwanderung angewiesen". © Foto: BA
Ina Matthes / 27.02.2020, 03:15 Uhr - Aktualisiert 27.02.2020, 10:38
Frankfurt (Oder) (MOZ) Bernd Becking leitet die Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit. Er spricht über Demografie, Wertschätzung und die Notwendigkeit von Weiterbildung.

Ab Sonntag (1. März) ist das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft. Das Gesetz erleichtert es Menschen aus Nicht-EU-Ländern   in Deutschland zu arbeiten. Voraussetzung: Berufsabschluss und Sprachkenntnisse. Bernd Becking leitet die Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit (BA). Er spricht über Demografie, Wertschätzung und die Notwendigkeit von Weiterbildung.

Herr Becking, ab 1. März wird der deutsche Arbeitsmarkt weiter geöffnet für Fachkräfte aus Ländern außerhalb der EU. Mit welchem Zustrom rechnen Sie für Brandenburg?

Die Wirtschaft hat hohe Erwartungen an die erleichterte Zuwanderung von Fachkräften. Wir rechnen jedoch nicht damit, dass sofort große Ströme kommen. Dafür muss im Ausland zuerst geworben werden und vor allem müssen wir uns auf eine gute Aufnahme vorbereiten.

Aus welchen Ländern könnten Fachkräfte zu uns kommen?

Es gibt erste Pilotprojekte. So ist Brandenburg Teil eines bundesweiten Projekts, bei dem etwa die Arbeitsagenturen in Potsdam und Neuruppin zusammen mit der Handwerkskammer Potsdam um Fachkräfte aus Bosnien-Herzegowina werben. Auch die Ukraine und weitere Nicht-EU-Staaten aus Süd- und Osteuropa sind mögliche Länder. Deutschland hat einen sehr hohen Bedarf in der Gesundheitswirtschaft, Pflegekräfte aus Asien oder Mittelamerika sind denkbar.

Wie dringend braucht Brandenburg diese Zuwanderung?

Wir sind aufgrund der demografischen Entwicklung auf Zuwanderung angewiesen. Mehr als 180.000 Erwerbstätige gehen in weniger als zehn Jahren in Rente, in manchen Branchen ist es fast jeder Dritte. Aktuell haben wir 24.000 offene Stellen gemeldet. Aufträge können nicht mehr angenommen werden, Pflegestationen müssen schließen. Bedenken Sie auch die vielen neu entstehenden Arbeitsplätze: Tesla, BASF, der Flughafen BER – ein großer Gewinn für die Region. Aus dem Inland allein werden wir das nicht mehr besetzen können. Damit ist Zuwanderung von qualifizierten Kräften zwingend. Aber wir müssen an vielen Schrauben drehen, Zuwanderung ist nur eine.

Wie groß ist der Anteil ausländischer Arbeitskräfte derzeit in Brandenburg?

Fast sieben Prozent sind Ausländer, das sind rund 58.000 Beschäftigten. Innerhalb der vergangenen fünf Jahre ist das fast eine Verdoppelung. Ohne sie würde manches stillstehen. 26.000 Beschäftigte sind aus Polen, weitere 3700 aus Rumänien. Andere Herkunftsländer sind die Türkei, Bulgarien und Syrien. Von 5000 neu entstandenen Arbeitsplätzen in 2019 wurden 4000 von Menschen mit ausländischem Pass besetzt. Wachstum wäre ohne sie heute schon nicht mehr realisierbar.

Bisher profitiert Brandenburg stark von polnischen Arbeitskräften. Wird sich das fortsetzen?

Die Ausstrahlung der neuen Arbeitsplätze wird weit bis nach Polen reichen. Aber diese Quelle wird dünn werden.

Die Bundesagentur sucht derzeit im Ausland Pflegekräfte, in Asien, in Südamerika. Wie stellen Sie denn sicher, dass da nicht Leute abgezogen werden, die dann in den Ländern selbst fehlen?

Wir legen Wert auf faire Anwerbung und gehen in kein Land ohne die Zustimmung der nationalen Regierung. Unsere Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) schließt immer Kooperationsvereinbarungen mit den jeweiligen Ländern.

In Brandenburg sind Fremde nicht immer willkommen. So hat in Velten das Gemeindeparlament gerade einen Beschluss gefasst gegen Zuzug.

Jedes Parlament muss selber wissen, welche Signale es sendet. Ich jedenfalls wünsche mir, dass der Blick nicht nur auf heute, sondern auch auf morgen gerichtet wird. Arbeits- und Fachkräfte kann man nicht im Baumarkt kaufen.

Wie sind denn Berlin und Brandenburg auf Einwanderer aus den sogenannten Drittstaaten vorbereitet?

Über den Aufenthaltsstatus, von dem die Arbeitserlaubnis abhängt, entscheiden die Ausländerbehörden. Und es braucht Ausländerbehörden, die fit für das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz sind. So gibt es in Berlin ein neues Landesamt für Einwanderung – die frühere Ausländerbehörde. Unter deren Dach arbeiten die Kammern, die Wirtschaftsförderer und wir als Arbeitsagentur als "Business Immigration Service", der vernetzte Dienstleistungen für Arbeitgeber anbietet. Brandenburg ist dabei, passende Strukturen aufzubauen. Das ist in einem Flächenland schwieriger als in einem Stadtstaat. Aus Sicht der Unternehmen sollte der Aufbauprozess bald abgeschlossen sein, damit keine Enttäuschungen entstehen.

Berlin gilt als cool, Berlin zieht an. Aber werden Zuwanderer auch in Brandenburg bleiben wollen?

Ich bin sicher, dass Brandenburg eine Strahlwirkung über Deutschland hinaus hat. Es entwickelt sich viel Neues und Innovatives. Und es gilt: Arbeitsplätze generieren weitere Arbeitsplätze. Wir brauchen aber auch Wertschätzung und Unterstützung für die neuen Arbeitskollegen und ihre Familien. Fachkräfte – egal woher sie kommen – helfen uns und verdrängen niemanden. Wohlstand und soziale Sicherungssysteme sind nur nachhaltig, wenn wir das hohe Niveau an Beschäftigung halten. Das schaffen wir nicht mehr allein.

Das neue Zuwanderungs-Gesetz spricht Menschen mit einem Berufsabschluss an. Wie viele von den Einwanderern der letzten Jahre sind Fachkräfte, wie viele arbeiten als Helfer?

35.000, das sindzwei Drittel der ausländischen Beschäftigten in Brandenburg, arbeiten als Fachkräfte. Davon sind 10.000 Hochqualifizierte. 23.000 arbeiten als Helfer.

Das sind aber fast so viele Helfer wie Fachleute. Der Anteil der Unqualifizierten ist immer noch hoch.

Diese 23.000 Helfer sind ein Potenzial, das wir durch Qualifizierung entwickeln müssen. Das scheitert noch oft an den Sprachkenntnissen. Wir müssen mit den Unternehmen Ideen entwickeln, wie zumindest ein Teil zu Fachkräften an ihrem Arbeitsplatz entwickelt wird. Dabei unterstützen wir die Arbeitgeber.

Die Zahl der Unqualifizierten ist nicht nur bei Ausländern hoch, sie ist generell gewachsen. Menschen in Helferberufen sind stärker von Entlassung bedroht. Das trifft beispielsweise einen großen Teil der Arbeiter beim Zigarettenhersteller Philipp Morris in Berlin, der seinen Standort schließt. Ist Tesla für sie eine Chance?

Die Perspektiven für Menschen, die gerade ihren Arbeitsplatz verlieren, sind generell gut in der Region. Wir müssen sie aber mit Qualifizierung wieder fit machen für neue Anforderungen an neuen Arbeitsplätzen. Vor Jahren erworbenes Berufswissen reicht heute nicht mehr und schon gar nicht mehr in einem anderen Unternehmen. Weiterbildung am Arbeitsplatz wird in Zukunft von zentraler Bedeutung, um Schritt zu halten mit den technologischen Entwicklungen. Auf jeden Fall sind 140.000 Menschen, die in den Unternehmen arbeiten, aber noch nicht als Fachkräfte, ein großes Potenzial, das erschlossen werden sollte. Wir nehmen damit diese Menschen auch ernst mit ihren Abstiegsängsten. Zu Tesla kann ich Konkretes nach einem Treffen im März sagen, wenn wir wissen, welche Profile benötigt werden. Sicher wird Tesla einen Wettbewerb um attraktive Arbeitsplätze in Gang setzen. Unternehmen müssen sich etwas einfallen lassen, um ihr Personal zu binden.

Werden wir im Zug der Digitalisierung wieder eine Erhöhung der Arbeitslosigkeit sehen?

Wir rechnen nicht damit, dass die Arbeitslosigkeit im Zuge von Strukturwandel und Digitalisierung stark ansteigen wird. Schon jetzt gibt es trotz Konjunktureintrübung keine großen Ausschläge am Arbeitsmarkt im Gegensatz zu anderen Regionen.Die Betriebe tun alles, um ihre Leute zu halten. Ich sehe das viel größere Problem darin, wie wir das Wachstum an Beschäftigung, das sich auch in 2020 fortsetzen wird, mit dem dafür benötigten Personal bedienen. Unsere Arbeitsmarktforscher sagen voraus, dass Digitalisierung und Strukturwandel nicht nur Verlust von Arbeitsplätzen bedeuten, sondern auch Neue fast in gleicher Anzahl entstehen. Aber mit anderen Anforderungen.

Nicht jeder Arbeitslose ist automatisch die passende Arbeitskraft, die die Wirtschaft braucht…

Nein, aber wir unternehmen alles, damit er oder sie es wird. Das geht nur zusammen mit den Betrieben, die zukünftig noch mehr investieren müssen: in attraktive Arbeitsplätze und ihre Bewerbungen bei Fachkräften. Erzwungene Teilzeit, geringe Entlohnung und keine Weiterbildung werden im Ringen um gute Köpfe zum Nachteil.

Die Arbeitsagenturen bieten seit einem Jahr Unternehmen neue Förderungen für Weiterbildung an – bis zu 100 Prozent der Kosten. Auch Lohn für Arbeitsausfall durch Mitarbeiter-Qualifizierung wird zum Teil bezahlt. Wie nutzen die Arbeitgeber das?

Ich wünsche mir, dass davon mehr Gebrauch gemacht wird - besonders in kleinen und mittleren Unternehmen, die die Brandenburger Wirtschaft prägen. Mir ist bewusst, dass Weiterbildung im Tagesgeschäft weh tut, aber es kann die Zukunft absichern.

2019 ist die Weiterbildung von 820 Beschäftigten gefördert worden. 280 davon haben einen Berufsabschluss nachgeholt – zum großen Teil in der Altenpflege. Das ist einerseits gut, weil wir da einen hohen Bedarf haben. Andererseits aber wird noch viel zu wenig mit Blick auf andere Branchen qualifiziert.

Wer sich am Markt behaupten will, muss darüber nachdenken, welche Profile und Kompetenzen morgen erforderlich sind. Wir unterstützen auch Weiterbildungs-Verbünde für Regionen, wo sich unterschiedlich große Firmen mit Partnern zusammenschließen. Es wäre unverzeihlich, angesichts der vielfältigen Herausforderungen der neuen Arbeitswelt, die heute Beschäftigten nicht fit zu halten durch Qualifizierung. Es ist das Gebot der Stunde für Mitarbeiterbindung. Die Arbeitsagenturen unterstützen dabei gern.

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Ralf H. Janetschek 27.02.2020 - 11:32:01

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Eine andere Sichtweise auf die Dinge: Vučić Spahn: "Will nicht, dass du meine Schwestern holst" – Serben wollen keine Pflegekräfte mehr schicken Die serbische Regierung hat überraschend ein Kooperationsprojekt, das Pflegekräfte nach Deutschland vermitteln sollte, ausgesetzt. Serbiens Staatspräsident Aleksandar Vučić soll sich in der Angelegenheit sehr deutlich an die Adresse von Jens Spahn geäußert haben. Laut einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) will Serbien keine Pflegekräfte mehr nach Deutschland schicken. Eine entsprechende Kooperation mit Deutschland zur Vermittlung der Arbeitnehmer sei überraschend ausgesetzt worden ... https://deutsch.rt.com/europa/98262-will-nicht-dass-du-meine/

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