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Brandenburger Frauenwoche in Brück
"Politisch zu sein heißt auch klar Positionen nehmen"

Das Trio "Gerade Frauen" mit Elke Uta Schepel, Maria Elisabeth Weiler und Ila Raven war in Brück mit dem Programm  "Denn alles wird gut?" - eine Hommage an Ilse Weber zu erleben.
Das Trio "Gerade Frauen" mit Elke Uta Schepel, Maria Elisabeth Weiler und Ila Raven war in Brück mit dem Programm "Denn alles wird gut?" - eine Hommage an Ilse Weber zu erleben. © Foto: B. Kraemer
Bärbel Kraemer / 04.03.2020, 14:00 Uhr
Brück Dass das Bildungshaus "Alte Brücker Post" sich in den Veranstaltungsreigen der Brandenburger Frauenwoche einbringt, hat Tradition. Unter dem Motto "Zurück in die Zukunft" wird der Fokus der diesjährigen 30. Brandenburger Frauenwoche auf Vergangenheit und Gegenwart gelegt. Denn wie soll die Gesellschaft aussehen, in der wir leben wollen?

Eine Frage, mit der sich jeder - ob Frau oder Mann - mit Blick auf aktuellen politischen Strömungen auseinandersetzen sollte. In einer Zeit, in der Hetze scheinbar salonfähig geworden ist, Menschen, die vor Gewalt und Krieg Schutz suchen, auch hierzulande Gewalt erleben müssen. In einer Zeit, in der Menschen, die sich für die Schwachen in der Gesellschaft einsetzen, selbst ins Kreuzfeuer geraten, ist allerhöchste Zeit, die Worte "Wehret den Anfängen" auch zu leben.

Vor diesem Hintergrund hatte das Bildungshaus das Trio "Gerade Frauen" mit Elke Uta Schepel (Piano & Rezitation, Maria Elisabeth Weiler (Bratsche & Geige) und Ila Raven (Gesang & Rezitation) nach Brück eingeladen. In ihrem Programm "Denn alles wird gut?" -

eine Hommage an Ilse Weber - brachten sie Lieder, Gedichte, Biografie- und Briefausschnitte aus einer Zeit zu Gehör, von der man dachte, sie könnte sich nie wiederholen. Und doch läuten allerorten die Alarmglocken im Angesicht von Ausgrenzung und rechtsradikalen Tendenzen.

"Wir haben uns bewusst entschlossen, dieses Programm im Rahmen der Frauenwochen aufführen zu lassen. Politisch zu sein heißt auch klar Positionen nehmen", so Ricarda Müller, die Leiterin des Bildungshauses "Alte Brücker Post" und 1. Vorsitzende des Vereins Mensch SEIN e.V.

"Es ist kein leichtes Thema, aber ein wichtiges", sagte Müller weiter und musste berichten, dass in einem Ort im Amt Brück im Vorfeld sämtliche Ankündigungen für die Veranstaltung abgerissen wurden; dann erzählte sie vom Projekt "Französisches Haus", dem sich der Verein widmen will. Bis 1945 waren 30 französische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene auf dem Areal des Bildungshauses inhaftiert - "das ist ein Teil der Brücker Geschichte, der bis heute nachwirkt", so Müller - auch, weil nicht darüber gesprochen wird. Ergründen, aufarbeiten und versöhnen ist Ziel des Projekts. "Es ist wichtig, dass wir damit beginnen", so Ricarda Müller, die nachfolgend die drei Künstlerinnen mit ihrem Programm "Denn alles wird gut?" mit Gedichten, Liedern und Erzählungen aus dem Leben von Ilse Weber ankündigte - entstanden im Konzentrationslager.

Geboren 1903 schrieb Ilse Weber schon als junge Frau Gedichte, Lieder, Kindermärchen und Theaterstücke. Sie komponierte und veröffentlichte. Ihre Werke waren in Deutschland, Tschechien, Österreich und der Schweiz bekannt. Mit der Machtübernahme der Nazis begann sich ihr Leben zu ändern - Ilse Weber war Jüdin. 1938 siedelte sie mit ihrem Mann Willy und den Söhnen Hanus und Tommy nach Prag über. Hanus, der Erstgeborene, konnte wenig später mit einem Kindertransport nach England verschickt werden. Es gelang, ihn bei Freunden in Schweden unterzubringen. 1942, nach der Wannsee-Konferenz, wurde die dreiköpfige Familie nach Theresienstadt deportiert. Dort musste Ilse Weber tagsüber als Schwester im Kinderkrankenhaus arbeiten -nachts schrieb und komponierte sie, um dem Unbegreiflichen etwas entgegenzusetzen.

Die Verse, die Ilse Weber zum Teil selbst vertonte und auf der Gitarre begleitete, etliche davon als Trostgesänge für die Kinder auf der von ihr betreuten Krankenstation, waren für ihre Mithäftlinge von existenzieller Relevanz. In ihrem "Brief an mein Kind" heißt es: "Ich sitze da und hüte ihre Ruh" und "jedes Kind ist mir ein Stückchen Du."

Die in Theresienstadt entstandenen Werke konnte Ilse Webers Ehemann Willy noch vor seiner Deportation in einem Geräteschuppen vergraben. Ilse war zu diesem Zeitpunkt schon tot - vergast, zusammen mit dem Sohn Tommy und weiteren Kindern. Nach dem Krieg fand Willi Weber, der schwer krank mehrere Konzentrationslager überlebt hatte, die Werke seiner Frau genau dort wieder, wo er sie vergraben hatte. Es gelang ihm auch, die Gedichte - die aus dem KZ geschmuggelt wurden oder von Holocaust Überlebenden aus ihrer Erinnerung aufgezeichnet wurden - wieder zusammenzuführen.

Nachdem die Autorin Ulrike Migdal 1986 eine Anthologie von Chansons und Satiren aus dem KZ Theresienstadt veröffentlichte, darunter auch den "Brief an mein Kind" mit dem Vermerk "anonym", erhielt sie erhielt sie Post aus Stockholm. Ein junger Mann teilte ihr mit: "Die Autorin des Gedichts ‘Brief an mein Kind’ ist meine in Auschwitz ermordete Mutter, Ilse Weber. Und ich bin Hanus, das Kind, um das es in diesem Brief geht."

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