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Haus-Einsturz
Mieter erinnern sich an den tragischen Unglückstag in Hohen Neuendorf

Jennifer Höbold zeigt ihrem früheren Nachbarn, mit dem sie Tür an Tür gelebt hat, unser Titelbild vom Sonntag und später ihre Handyfotos. Beide haben sich am Mittwoch zufällig vor den Resten ihren ehemaligen Mietshauses getroffen.
Jennifer Höbold zeigt ihrem früheren Nachbarn, mit dem sie Tür an Tür gelebt hat, unser Titelbild vom Sonntag und später ihre Handyfotos. Beide haben sich am Mittwoch zufällig vor den Resten ihren ehemaligen Mietshauses getroffen. © Foto: Jürgen Liebezeit
Jürgen Liebezeit / 11.03.2020, 19:29 Uhr - Aktualisiert 13.03.2020, 13:49
Hohen Neuendorf (MOZ) "Wir hatten zehn Schutzengel", sagt Elektromeister Helmut Wollschläger vier Tage nach dem verheerenden Unglück in der Karl-Marx-Straße in Hohen Neuendorf zu seiner Frau Korinna und einem früheren Mieter, der die beiden gerade besucht. Wir recht er hat, zeigen zwei handgroße Glassplitter, die immer noch in der Fassade seines Hauses stecken. Die Wollschlägers wohnen im Nachbarhaus, keine fünf Meter von dem Haus entfernt, das nun nur noch ein Schuttberg ist. "Wäre ich draußen gewesen..." Der Elektromeister stockt kurz. "Ich mag gar nicht darüber nachdenken", beendet er seinen Satz, ohne auszusprechen, dass auch er dem Tod nur durch Zufall entkommen ist.

Er hörte den lauten Knall in seinem Büro, seine Frau war im Wohnhaus. Helmut Wollschläger dachte, ein Tankwagen sei in der Nähe in die Luft geflogen. "Als ich draußen war, war alles vernebelt", erinnert er sich an den Samstagvormittag, den er nie vergessen wird. Dann erkannte der Handwerker das Ausmaß des Unglücks auf dem Nachbargrundstück. "Beherzte Menschen kamen bereits angelaufen, um zu helfen."

Ergebnis der Suche nach der Ursache liegt mittlerweile vor.

Ein Mehrfamilienhaus ist am Sonnabend, 7. März,  in Hohen Neuendorf durch einen Explosion zerstört worden. Zwei Personen starben, vier wurden zum Teil schwer verletzt.
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Haus in Hohen Neuendorf explodiert

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Wollschlägers Büro wurde schnell zur Krisenzentrale. Überlebende Mieter wurden mit Trost, später auch mit Geld und Kleidung versorgt, die Einsatzkräfte bekamen zu essen und zu trinken. "Wir begreifen es bis heute noch nicht, was unseren Nachbarn passiert ist", sagt Korinna Wollschläger.

Ähnlich geht es auch Wollschlägers Besucher. Der Mieter möchte namentlich nicht genannt werden. Als das Unglück geschah, war der Gärtner nicht zu Hause. Er musste arbeiten. "Das kommt sonnabends nur selten vor. Normalerweise hätte ich um die Unglückszeit noch geschlafen."

Als er am Mittwoch Jennifer Höbold, mit der er im obersten Stockwerk des Hauses Tür an Tür lebte, vor dem Grundstück trifft, zeigt sie ihm ihre Handyfotos vom Unglückstag. In dem Moment wird auch ihm klar, wie viel Glück er hatte. Sein Schlafzimmer ist komplett zerstört. Den Tränen nah schaut er auf die Trümmer. "Wenn ich zu Hause gewesen wäre, könnte ich heute hier nicht mehr stehen, sondern wäre bei meinem Vater", sagt er mit stockender Stimme. Der Vater, zu dem er ein sehr enges Verhältnis hatte, ist vor einigen Jahren gestorben. "Die Polizisten haben deine Fotos gefunden", berichtet Jennifer Höbold ihrem früheren Nachbarn. "Du bekommt sie zurück." Der Mann weint.

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Dankbar für die Hilfe

Auch die junge Frau, von der es ein Foto gibt, wie sie mit ihrem Handy und einigen Habseligkeiten kurz nach der Explosion im Obergeschoss im völlig zerstörten Treppenaufgang des Hauses steht, hat bereits erste private Gegenstände zurückbekommen, darunter auch ein Foto ihres Vaters. "Es ist zwar nass, aber nicht komplett zerstört", freut sie sich über das für sie wertvolle Bild. Als sie von der Feuerwehr mit einer Leiter gerettet wurde, hatte sie es zurücklassen müssen. "Ich habe da nur funktioniert."

Beide sind dankbar für die Hilfe der Menschen und die Unterstützung der Stadt. Die junge Frau ist bei einer Freundin untergekommen, ihr Nachbar hat eine Wohnung in der Niederheide in Aussicht. Beide nehmen auch den psychologischen Dienst der Stadt in Anspruch. Denn verarbeitet haben beide das Unglück noch lange nicht. "Wenn ich heute ein Geräusch höre, das ich nicht sofort zuordnen kann, erschrecke ich innerlich", sagt Jennifer Höbold. Da reicht schon das unbeabsichtigte Zuknallen einer Haustür.

Fassungslose Passanten

Das Unglück ereignete sich nach Angaben der Polizei am Sonnabend um 11.10 Uhr.

Zwei Menschen, eine 74-jährige Mieterin und ein 38-jähriger Mann, wurden dabei getötet. Eine weiterer Mann ist schwer und drei Personen sind leicht verletzt.

Das Grundstück wird rund um die Uhr von der Polizei bewacht.  Autofahrer und Passanten, die vorbeikommen, schauen fassungslos auf die Blumen vor dem Grundstück und auf den Schuttberg. Zu Unfällen ist es dabei aber noch nicht gekommen.⇥zeit

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