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FDP-Politiker
Sattelberger sieht Chancen für Schulen durch Corona-Krise

Mathias Puddig / 14.03.2020, 03:15 Uhr - Aktualisiert 14.03.2020, 09:36
Berlin (NBR) Wird die Corona-Krise zur Schulkrise? Das muss nicht sein, sagt FDP-Bildungsexperte Thomas Sattelberger. Die Verantwortlichen müssen jetzt aber entschlossen handeln.

Herr Sattelberger, Sie haben vor Kurzem vor einer Schulkrise gewarnt. Ist die jetzt da?

Keiner weiß, wie lange sich die Schließungen hinziehen werden. Wir müssen jetzt an die Zukunft der Schülerinnen und Schüler denken. Es geht nicht nur um den verpassten Schulstoff. Zu langes Aussetzen des Unterrichts heißt auch: Man verlernt die Routinen des Lernens. Gegen beides müssen wir uns stellen. Ja, wir haben eine Schulkrise – wenn es in den nächsten zwei oder drei Wochen nicht gelingt, die Möglichkeiten der Digitalisierung voll zu nutzen.

Was sind das für Möglichkeiten? Reicht es, Aufgaben per E-Mail zu verschicken?

Wir haben an nicht wenigen Schulen schon Schulclouds, Schüler lernen digital und individuell. Das heißt, sie haben Videos, digitale Experimente, Textaufgaben. Die können sie sich ansehen, so oft sie es brauchen, und dann kommen Prüfungsfragen. Anschließend gibt es eine Feedbackschleife zum Lehrer. Das ist dort geübte Praxis – allerdings gibt es noch nicht viele Notebook-Klassen im Land. Die zweite Möglichkeit: Wir haben heute schon sogenannte EdTech-Unternehmen wie Moodle und Sofatutor, und die haben teils schon mehr als eine Million Nutzer im Monat. Dort gibt es attraktiv aufbereitete Lernmaterialien in Hülle und Fülle. Das hat bei Mathematik und den naturwissenschaftlichen Fächern begonnen und erreicht längst die volle Fächerbreite. Bremen etwa hat allen Schulen schon den Zugang zu Sofatutor ermöglicht. Not lässt Bildungsinnova-tion wagen.

Wir stehen gar nicht so schlecht da?

Nein! Unser Problem ist doch nie, dass wir im Prototyp, im Testen nicht gut sind. Unser Problem ist die Skalierung.

Und wer muss da jetzt handeln?

Ähnlich wie beim Mint-Aktionsprogramm könnte die Bundesregierung einen Rahmenvertrag machen mit ausgewählten Anbietern außerschulischer Weiterbildung, sodass die Schulen darauf zurückgreifen können. Politik muss jetzt den Turbo anwerfen. Die Kultusminister sollten sich verpflichten, das in den Ländern zu nutzen und die Schulen auch dazu aufzufordern. Da müsste dann natürlich auch ein Budget zur Verfügung gestellt werden.

In welcher Höhe?

Ich vermute, dass das für zwei Monate einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag nicht überschreitet.

Wo kann das herkommen?

Man könnte kurzfristig entscheiden, einen kleineren Teil der Gelder aus dem Digitalpakt, die ja zum großen Teil noch gar nicht fließen, unbürokratisch dafür einzusetzen. Außerdem gibt es Bundesländer, die aufgrund des Lehrermangels viele Millionen angespart haben, weil sie die Stellen nicht besetzen konnten. Diese Töpfe könnte man auch anzapfen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten.

Die Frage ist: Wird schnell genug gehandelt, damit alle Schulen an die Online-Materialien kommen? Ob die dann ein bisschen schlechter sind als der eigentliche Unterricht, ist in solch einer drohenden Schulkrise nicht das Entscheidende. Oder sie sind sogar besser als traditioneller Unterricht, und wir haben endlich einen Digitalisierungsschub.

Das ifo-Institut warnte, dass 2020 ein verlorenes Jahr für Schüler werden könnte. Sie sind optimistischer.

Das muss nicht eintreten, wenn die Politik handelt. Ich komme ja aus der Wirtschaft, und natürlich ist Politik viel zäher. Aber wir haben jetzt innerhalb weniger Tage eine passable Lösung für Kurzarbeit in der Wirtschaft verabschiedet. Es geht, wenn man nur will. Ministerin Karliczek muss die Zügel in die Hand nehmen.

Jetzt zeigt sich, was es bedeutet, dass Deutschland in einer modernen Welt so rückschrittlich mit Digitalisierung ausgestattet ist. Der destruktiven Kraft des Corona-Virus müssen wir mit einem progressiven Digtalisierungsschub antworten.

Von der Telekom in den Bundestag

Thomas Sattelberger ist trotz seines Alters – er ist im vergangenen Jahr 70 geworden – ein Neuling im Bundestag. Erst seit 2017 sitzt er für die FDP im Parlament. Unerfahren ist er aber nicht: Als Manager arbeitete er unter anderem für Continental und die Telekom. In dieser Zeit initiierte er eine 30-Prozent-Frauenquote im Vorstand der Telekom. In der FDP-Fraktion ist er fachpolitischer Sprecher für die Themen Bildung, Innovation und Forschung. ⇥mpu

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