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Rekordstau vor der polnischen Grenze
Gestrandet an der Autobahn bei Frankfurt (Oder)

Nancy Waldmann / 17.03.2020, 21:37 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Jaroslav steht mit einem Lkw voll gefrorener Hühnchen aus Niedersachsen auf dem alten Vorstauplatz ETTC Süd nahe der Abfahrt Frankfurt (Oder)-West. In die Ukraine nach Lutsk soll es gehen. Mal sehen wann. Es ist Dienstag früher Nachmittag, im Stau auf der A12 steht er seit Montag 16 Uhr. Gefrostet werden die Hühnchen mit Kraftstoff. "Ein extra Tank mit 200 Liter", sagt er. Der reiche noch ein paar Tage.

Sein lettischer Kollege hat Käse und Milchprodukte an Bord, die er von Berlin nach Riga bringen soll, maximal 24 Stunden darf das nicht dauern, sonst verdirbt die Ware. Acht Stunden ist er schon unterwegs. "Ich dachte, Lkw-Fahrer wie uns lassen sie rein nach Polen?", fragt er irritiert. Nun, da er wie die anderen von der Polizei aus dem bis vor Storkow reichenden Stau gewunken wurde, ist er sich nicht mehr sicher, was Sache ist. Informationen sind Mangelware auf dem großen staubigen Parkplatz, der sich in alle Richtungen mit Lkw und einigen Pkw füllt, davon viele polnische Kennzeichen. Wann die Polen Swiecko passieren, ist eine Frage der Zeit.

Bei Anton Nikitin und seinen beiden Kollegen, die vor ihrem Auto lehnen, steht in den Sternen, ob sie überhaupt über die Grenze kommen. Ihren Lkw samt Ladung haben sie in Frankreich abgegeben. Nun sind sie seit Sonnabend mit einem Kleinbus auf dem Weg zurück zu ihrem Spediteur nach Litauen, um die Dokumente abzuliefern. Dann will Anton, er ist Russe, heim nach Moskau. Eigentlich hat Polen die Ein- und Durchreise für Ausländer längst untersagt. Unter die Ausnahmen fallen Lkw-Fahrer, denn der Güterverkehr soll aufrecht erhalten werden. Aber ohne Lkw? Anton Nikitin raucht eine Zigarette. Er hofft darauf, in einem Konvoi durch Polen bis zur litauischen Grenze geleitet zu werden.

Am Montagabend haben sich einige Fahrer aus Litauen eine solche Lösung erstritten, indem sie vor Swiecko die Brücke blockierten. Am Ende verständigte sich das litauische Konsulat in Berlin mit der polnischen Regierung auf eine Rückholaktion. Busse und wohl auch Kleinbusse aus dem Baltikum wurden in einer Polizei-Eskorte an die östliche Grenze geleitet, um den Fahrern die Heimkehr zu ermöglichen. Die Pkw werden per Fähre über die Ostsee transferiert.

40 Kilometer Stau und mehr – die Wartezeit, die der polnische Grenzschutz auf Twitter mitteilt: 15 Stunden. Über die Autobahn bei Cottbus zwölf Stunden. Die Gestrandeten wissen das nicht. Die Polizisten offenbar auch nicht. Sie winken die Fahrzeuge auf den Vorstauplatz, um den Stau nach Swiecko zu entzerren. Dort wird bereits auf drei Spuren abgefertigt, trotzdem bewegt sich nichts, wenn man hinüber auf die A12 schaut.

Überfragte Beamte

Ein Polizeiauto biegt schließlich mit zwei Lkw und dem Kleinbus von Anton Nikitin, dem Moskauer, im Schlepptau vom Parkplatz auf die Autobahnauffahrt. "Sie bringen uns zur Grenze zu einem polnischen Konvoi", ruft Nikitin noch erleichtert durch das Fenster.

Doch das Polizeiauto ist ein paar Minuten später schon auf dem Vorstauplatz zurück. "Konvoi?", wundert sich der Beamte in der gelben Weste. "Wir haben die gerade Richtung Berlin zurückgeschickt", stellt er klar. Kurz darauf ist er umringt von einer Traube ungehaltener Fahrer, die auf polnisch und russisch auf ihn einreden.  "Wie lange dauert das hier noch – zwei Wochen?", ruft einer. "Zwei Wochen", nickt der ratlose Beamte verschmitzt.

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