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Veranstaltungsabsagen
Zirkus-Familie aus Harnekop und ihre Tiger leiden unter Corona-Krise

Thomas Berger / 20.03.2020, 05:00 Uhr - Aktualisiert 20.03.2020, 15:46
Harnekop (MOZ) Die Schausteller-Familie aus Harnekop erleidet durch die Corona-Krise den totalen Veranstaltungsausfall.

Yvonne Muderack und ihr Mann Knut sind eigentlich krisengestählt. "Wir waren ja immer am Kämpfen", stellt sie rückblickend fest. Erst nach der Wende, als das ganze System Zirkus mit Problemen zu kämpfen hatte, dann erneut vor drei, vier Jahren, als für die gestandenen Dompteure bisherige Engagements wegbrachen und sie sich mit ihren Raubkatzen auf dem Gelände im Prötzeler Ortsteil Harnekop niederließen. Doch gefühlt so existenzbedrohend wie jetzt, "so ohne absehbare Perspektive", sei es noch nie gewesen.

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Auf dem Tisch neben ihr liegt eine Zeitung, allein in dieser Ausgabe kann sie mit dem Finger von Veranstaltungsabsage zu Veranstaltungsabsage springen. Die Corona-Krise mit ihren nicht nur gesundheitlich-sozialen, sondern auch wirtschaftlichen Folgen schlägt für das Ehepaar zu einem Zeitpunkt zu, da die beiden gerade wieder so richtig loslegen wollten. Der Kinderflohmarkt in Prädikow Ende März, der Flohmarkt in Fürstenwalde – beide abgesagt. Ebenso das Blütenfest in Werneuchen und ein Termin bei alten Bekannten in Leipzig nach Ostern. Los ging es bereits vergangenes Wochenende: "Am Sonntag wollten wir dabei sein, wenn in Neuhardenberg die Postleitzahl nachgestellt wird." Auch dieses lokale Event fiel bereits dem Virus und den Vorsorgemaßnahmen vor weiteren Infektionsrisiken zum Opfer.

Ihre drei Löwendamen hatten Muderacks zwischenzeitlich schon abgegeben, weil die zu kostspielig wurden. Jetzt leben noch die beiden Tiger Tonga und Mausi mit auf dem Gelände. Mit dem Eiswagen sind Muderacks schon etwas länger im Sommerhalbjahr auf jeder Menge Feste unterwegs. "Jetzt hatten wir uns noch stärker in Richtung Schaustellergewerbe verlegt, über den Winter hinweg extra investiert, ein Karussell angeschafft und einen gebrauchten Imbisswagen", erzählt sie. Alles war vorbereitet, Standplätze gemietet, Werbung gedruckt, wie sie am Tisch eine der liebevoll gestalteten Karten zeigt. Nun ist all das hinfällig, die Termine storniert, die Einnahmen damit auf Null. Nicht mal nur ein paar Tage oder drei Wochen, sondern mindestens bis in die zweite Aprilhälfte, schlimmstenfalls weit darüber hinaus.

"Was jetzt im April, Mai und Juni wegbricht, das holen wir dann im Herbst nicht mehr rein", sagt Yvonne Muderack mit düsterem Blick. Die Ostermärkte beispielsweise hätten guten Umsatz versprochen, sind nun gestrichen. Gerade hatte noch Prötzels Schulsekretärin Marina Dreßler angerufen, dass auch der Tag der offenen Tür am 9. Mai ausfällt – die Absagen gehen längst über den momentan unmittelbar geltenden Krisenzeitraum bis Ende Osterferien hinaus. Selbst wenn irgendwann die behördlichen Verbote wieder aufgehoben werden, erhole sich das Veranstaltungsaufkommen ja nicht auf einen Schlag. Und selbst dann sitze den Leuten das Geld später absehbar nicht mehr so locker in der Tasche. Solche schon klaren Aussichten bis in den Sommer hinein sind es, die vielleicht am meisten Angst machen können.

Von ihrer Schwester und ihrem Bruder, beide auch altgediente Zirkusleute, weiß sie, dass es denen nicht anders geht. Mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) hat sie bereits telefoniert, ein paar Antragsformulare liegen auf dem Tisch ausgebreitet. Viel geholfen haben die Bemühungen noch nicht. Staatliche Hilfsprogramme in Form von Krediten kommen für Muderacks und andere in ähnlicher Lage kaum in Frage: "Wie will man denn das zurückzahlen?" Und da man kein Verein sei, könne man nicht mal Spenden sammeln.

Artgerechtes Futter ist nötig

Das Ehepaar selbst ist gewohnt, sparsam zu leben und sich einzuschränken. Doch Tonga und Mausi, die draußen durch das Freigehege laufen, brauchen ihr Futter – ein Kostenpunkt von 150 Euro die Woche. Nicht einmal auf Sachspenden in Form von Fleischereiresten könne man spekulieren, denn die Raubkatzen müsse ja artgerecht gefüttert werden. Also vor allem Geflügel, aber nicht zu fett von Gans und Ente, auch Rind und Wild gehen noch. Aber kein Schweinefleisch.

Yvonne Muderack kann nur anregen, vielleicht mal in Harnekop vorbeizufahren. Vielleicht stehe ja der Eiswagen einladend da.

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