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Corona-Krise
Polen setzt an der Grenze zu Frankfurt (Oder) eine Hilfsarmee ein

Im Schutzanzug an der Oder: So wie auf der Stadtbrücke zwischen Frankfurt und Słubice werden die Einreisenden auch an allen anderen polnischen Grenzübergängen überprüft. Für Ausländer, die nicht in Polen arbeiten, wurde der Einreisestopp verlängert.
Im Schutzanzug an der Oder: So wie auf der Stadtbrücke zwischen Frankfurt und Słubice werden die Einreisenden auch an allen anderen polnischen Grenzübergängen überprüft. Für Ausländer, die nicht in Polen arbeiten, wurde der Einreisestopp verlängert. © Foto: Dietrich Schröder/MOZ
Dietrich Schröder / 24.03.2020, 18:30 Uhr - Aktualisiert 24.03.2020, 19:01
Frankfurt (Oder) (MOZ) Das Schild mit der Aufschrift:  "Frankfurt (Oder)/Słubice. Ohne Grenzen. Bez granic" wirkt wie aus einer anderen Zeit. Denn auf der Brücke zwischen den beiden Nachbarstädten, die sich eigentlich für das Jahr 2029 gemeinsam als Europäische Kulturhauptstadt bewerben wollen, geht es gerade alles andere als grenzenlos zu. Nur Berufspendler, die im jeweils anderen Land arbeiten oder Waren transportieren, lässt der polnische Grenzschutz passieren. Sowie auch Polen, die aus dem Ausland in ihr Land zurückkehren.

Die Stimmung am Kontrollpunkt ist auch nicht mehr so locker wie noch am vorletzten Wochenende, als die Grenzkontrollen nach 13 Jahren überraschend wieder eingeführt wurden. Der im Schutzanzug steckende polnische Grenzer herrscht den deutschen Journalisten an: "Warum fotografieren Sie hier? Sie befinden sich auf dem Territorium der Republik Polen!" Erst auf die Nachfrage: "Ja, aber wir sind doch immer noch gemeinsam in der Europäischen Union?" wird er freundlicher, muss sogar selbst über seine erste Bemerkung leicht schmunzeln.

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Die Bewohner des Nachbarlandes registrieren mit Sorge, dass auch bei ihnen die Zahl der Corona-Erkrankten dynamisch wächst. Gesundheitsminister Łukasz Szumowski, der östlich der Oder inzwischen ein ähnliches Macher-Image genießt, wie in Deutschland Jens Spahn, verkündet zweimal am Tag die neuesten Statistiken. Am Dienstagvormittag musste er das neunte Todesopfer bekanntgeben.

Doch das größte Problem ist: Noch mehr als hierzulande mangelt es in polnischen Kliniken an Masken und Schutzkleidung für das Personal und die Patienten. "Immer mehr Ärzte und Schwestern haben sich inzwischen selbst mit dem Coronavirus infiziert. Und es fehlen auch Laborkapazitäten, um mehr Tests durchzuführen", berichtet die regierungskritische Zeitung "Gazeta Wyborcza".

"Wir Polen kämpfen ja bekanntlich gern gegen äußere Feinde", sagt Dariusz Chajewski – ein Journalistenkollege aus Zielona Góra – mit einer gehörigen Portion Selbstironie in der Stimme. Doch der jetzige Feind sei heimtückisch und unsichtbar. Gegen ihn helfe es wenig, die Ärmel hochzukrempeln. Im Gegenteil, es sei besser, ihm aus dem Weg zu gehen. Selbst verschiedene Spendenaktionen, bei denen in kurzer Zeit etliche Millionen Złoty zusammenkamen – allein Fußballstar Robert Lewandowski und seine Frau Anna überwiesen vier Millionen – helfen derzeit nur indirekt. Denn dringender als Geldscheine werden Beatmungsgeräte gebraucht.

Zahlreiche der schroffen Maßnahmen, die die Regierung in Warschau vor gut zehn Tagen noch in bester Absicht festgelegt hatte, zeigten später ihre Tücke. Die umständlichen bürokratischen Formalitäten an der Grenze, bei denen jeder Einreisende schriftlich angeben musste, wo er zu erreichen sei, hatten sofort Riesen-Lkw-Schlangen und die Blockade deutscher Autobahnen zur Folge. Erst seit die Bundeskanzlerin dazu am Donnerstag  mit dem polnischen Regierungschef Mateusz Morawiecki telefonierte, werden die meisten Lkw an der Grenze nur noch durchgewunken.

Dafür bereitet eine zweite Regelung Probleme: Die Polizei ist nicht mehr in der Lage, zu kontrollieren, ob jene Polen, die – egal von wo – aus dem Ausland heimkehren, sich tatsächlich für 14 Tage in häuslicher Quarantäne aufhalten. "Derzeit sind allein in unserer Wojewodschaft Lebuser Land 1500 Menschen von dieser Regelung betroffen. Aber wir haben schon über 40 Verstöße gegen diese Quarantäne festgestellt." Das musste der Sprecher der regionalen Polizei, Marcin Maluda, bereits am Montag gegenüber Medien einräumen.

Ein  58-jähriger Mann aus dem Ort Swiebodzin etwa, der in der vergangenen Woche aus Schweden zurückgekehrt war, hatte so großen Durst, dass ihn Polizisten in völlig betrunkenem Zustand auf einer Bank in seinem Wohngebiet fanden.  Jetzt drohen dem Mann bis zu 30.000 Złoty (7500 Euro) Strafe.

Andere Menschen versuchen die Polizisten mit falschen Angaben zu täuschen. "Deshalb werden wir nun Unterstützung von Kräften der Territorialarmee erhalten", kündigte Maluda an. Das sind jene paramilitärischen Einheiten, die von der PiS-Regierung nach der russischen Aggression gegen die Ukraine gegründet worden waren. Jetzt bekommt diese vorwiegend aus Reservisten bestehende Truppe eine neue Aufgabe: die Quarantäne von Landsleuten zu überprüfen.

Kontaktverbote ähnlich wie in Deutschland

Auch in Polen sind ab heute Ansammlungen von mehr als zwei Personen im öffentlichen Raum nicht mehr erlaubt. Das verkündete Ministerpräsident Mateusz Morawiecki am Dienstag in Warschau. Die Bürger seien grundsätzlich verpflichtet, in ihren Wohnungen zu bleiben, betonte Gesundheitsminister Łukasz Szumowski. Ausnahmen sollen nur für den Weg zur Arbeit, zum Arzt und zum Einkaufen gelten. Auch Spaziergänge seien weiterhin erlaubt. Morawiecki appellierte an die Bürger, die öffentlichen Verkehrsmittel zu meiden, damit das Ansteckungsrisiko möglichst niedrig bleibe für diejenigen, die mit Bus oder Bahn zur Arbeit fahren müssten. ⇥dpa

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