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Corona-Maßnahmen
Antarktisforscher Klaus Guba über das Verhalten in Isolation

Mathias Puddig / 26.03.2020, 03:30 Uhr - Aktualisiert 26.03.2020, 06:12
Antarktis (MOZ) Extrem sicher und extrem isoliert: Die Corona-Krise spielt auf der Forschungsstation "Neumayer III" in der Antarktis höchstens indirekt eine Rolle. Doch wie kommen die neun Menschen an Deutschlands südlichstem Arbeits- und Wohnort mit der monatelangen Einsamkeit klar? Ein Telefonat mit Stationschef Klaus Guba.

Herr Guba, Sie rufen aus der Antarktis an. Wie funktioniert das? Und wie sind Sie untergebracht?

Das geht über einen Satelliten raus. Die "Neumayer III" ist eine relativ große und komfortable Station – im Gegensatz zur "Neumayer II", die im Schelfeis versunken ist. Wir sind über dem Eis mit vielen Fenstern. Wir können hinausschauen, haben es warm, haben ein schönes Wohnzimmer, eine Küche, eine Messe, verschiedene Büros. Wir leben in Wohncontainern, die auch recht schön eingerichtet sind. Es gibt sogar eine Sauna hier. Wenn es also noch kälter sein sollte – im Moment haben wir nur minus 15 Grad, das werden noch minus 40 –, dann können wir die nutzen. Da wurde für uns wirklich gut vorgesorgt.

Sie sind mehr als 10.000 Kilometer von zu Hause weg. Was bekommen Sie von der Corona-Krise mit?

Ich versuche, täglich die Nachrichten zu schauen. Zwischendurch stelle ich das aber gern wieder ab. Das wird mir sonst zu viel. Was in der Welt geschieht, ist schon ein Schock. Ein bisschen macht sich jeder auch hier seine Sorgen.

Können Sie zu Freunden und Familien Kontakt halten?

Ja, ich habe viele WhatsApp-Kontakte. Skype kann man zwar vergessen, aber mal eine halbe Stunde telefonieren, das geht auch. Wissen Sie, ich habe als Student sieben Monate eine Weltreise gemacht, da war ich viel isolierter. Eigentlich ist das doch der Wahnsinn, dass ich von hier per WhatsApp Bilder verschicken kann! Die Welt ist wirklich klein geworden.

Wie viele Leute sind aktuell auf der Station?

Im Moment sind wir neun Leute. Das ist ein normales Überwinterungsteam.

Das ist ein kleines Team.

Ja, jeder hat hier eine Aufgabe, keiner ist ersetzbar. Das Team besteht aus vier Wissenschaftlern: Wir haben eine Luftchemikerin, zwei Geophysiker und eine Meteorologin, die jeden Tag ihre Wetterballons loslässt. Dazu kommen vier Techniker: Wir haben einen Ingenieur, der die Maschinen wartet, einen Elektroingenieur, der für die elektrischen Sachen zuständig ist, einen Funker/ITler, und wir haben einen Koch. Der ist nicht nur gut für die Stimmung, sondern kann notfalls anderswo einspringen.

Was sind Ihre Aufgaben?

Als Arzt und Base Commander bin ich für die Sicherheitsbelange zuständig. Ich muss auch viele medizinische Inventuren der Medikamente und Sterilgutware machen, nebenher die ganzen medizinischen Apparate warten und bin dabei auch noch Krankenpfleger, OP-Pfleger, Sterilisationsfachkraft, Putzkraft, radiologischer und laborchemischer Assistent und betreue darüber hinaus das Narkosegerät.

Wie lange dauert Ihre Mission?

Wir sind am 21. Dezember angekommen und bleiben über den Winter bis zum Februar 2021. Das neue Überwinterungsteam soll Ende Dezember kommen.

Sie wurden auf diese Isolation vorbereitet. Was haben Sie dabei gelernt?

Wir haben zum Beispiel gelernt, Ironie zu vermeiden. Ironie ist sehr schlecht, das geht oft ins falsche Ohr. Für solche zwischenmenschlichen Probleme wurden wir sensibilisiert. Man denkt zwar, man hat genug Lebenserfahrung und weiß schon fast alles. Aber es ist gut, über solche Sachen auch einmal nachzudenken. Wir haben uns aber auch schon drei Monate vor der Mission in Bremerhaven kennengelernt, und da haben wir schon gemerkt, dass das Team auch zusammenpasst. Es gab auch schon Überwinterungsteams, bei denen Leute während des Vorbereitungskurses ausgewechselt wurden, wenn sie einfach nicht ins Team gepasst haben.

Was haben Sie in die Isolation mitgenommen?

Ich habe ein paar Klaviernoten dabei und zwei, drei Lieblingsbücher. Wichtig sind vor allem Fotos. Meine Kinder haben mir auch noch ein Buch geschrieben, das schau ich mir ab und zu an. Aber so richtig schlimmes Heimweh hat hier noch keiner gehabt. Es kommen allerdings noch ein paar Monate auf uns zu. Im Winter wird das wahrscheinlich noch anders werden.

Sie musizieren auf der Station?

Wir haben es leider noch nicht geschafft, zusammen zu musizieren, aber wir haben ein gutes E-Piano, und unser Funker hat sich extra ein elektronisches Drumset bestellt. Das steht jetzt neben dem Klavier. Leider haben wir das noch nicht so richtig über die Stereoanlage angesteuert bekommen. Einer spielt auch Trompete, und wir haben eine Querflötistin bei. Wir müssen uns bloß noch über den Musikstil einigen.

Dafür beschweren sich bei Ihnen die Nachbarn nicht.

Nein, ich hab neulich nachts nach einem gemeinsamen Spieleabend noch eine halbe Stunde Klavier gespielt. Das stört hier niemanden! Die Station ist sehr gut isoliert, und die Wohntrakte sind ein Stockwerk höher. Das ist echt genial.

Es heißt, Struktur ist wichtig. Wie strukturieren Sie Ihre Tage?

Das war am Anfang ein echtes Problem: Da gab es so viele Aufgaben, dass jeder durchgearbeitet hat. Das wird aber auf Dauer nicht klappen. Wir müssen sehen, dass wir auch einen Tag freie Zeit herausschaufeln. Sonst verlieren wir das Zeitgefühl. Wichtig ist deshalb auch die Tagesstrukturierung in der Freizeit: Montags sind Serien dran, dienstags spielen wir Basketball, donnerstags ist Filmabend und am Samstag ist Spieleabend. Den Sonntag versuchen wir freizuhalten.

Was spielen Sie an den Spieleabenden?

Im Moment hauptsächlich Billard und Tischkicker. Tischkicker ist für gruppendynamische Prozesse sehr gut. Gestern haben wir beim Tischtennis auch das erste Mal mit Rundlauf gespielt, wie früher in den Schulpausen. Das war sehr lustig.

Und was machen Sie, wenn Ihnen Ihre Kollegen doch einmal auf die Nerven gehen? Sie können ja nicht mal eben vor die Tür gehen.

Tief durchatmen, am besten mit Lippenbremse. Es gibt hier aber Möglichkeiten sich zurückzuziehen. Man muss dann nur aufpassen, dass man sich dabei nicht zu sehr isoliert. Die ganzen gruppendynamischen Prozesse in geordnete Bahnen zu lenken, gehört ja auch zu meinen Aufgaben. Wenn es doch zu Konflikten kommt, dann muss ich das ansprechen, aber auch gleichzeitig den Leuten genug Freiraum lassen. Manche wollen nicht gleich jeden Konflikt besprechen, sondern sich lieber erstmal zurückziehen. Ein Patentrezept gibt es nicht.

Sie sollen sogar ein eigenes Gewächshaus haben. Stimmt das?

Ja, da wird gerade geerntet. Wir haben hier jeden Tag frischen Salat. Ich bin zwar nicht der große Salatesser, aber ein paar der Kollegen lieben das. Für eine zukünftige Mars-Expedition wird hier außerdem untersucht, wie sich die Langzeitisolation auf Menschen in kleinen Gruppen auswirkt. Wir sind das Paradebeispiel und machen psychologische und psychomotorische Tests am Computer, Langzeit-EKGs, Laboruntersuchungen, testen unsere Reaktionszeiten und ob wir abstumpfen. Im letzten Dezember gab es mehrere Berichte über diese Forschung, dass eben in der Isolation das Hirn schrumpft. Das ist jedoch in der Presse deutlich übertrieben dargestellt worden. So schlimm ist es nicht. Es gibt lediglich Anzeichen, dass ein kleiner Teil im Gehirn, der sogenannte Hippocampus, Verkleinerungstendenzen in der Langzeitisolation zeigt, die jedoch reversibel sein sollen.

Aber für solche Effekte braucht man eine stärkere Isolierung als das, was in Deutschland jetzt Pflicht ist, oder?

Ja, dabei geht es um Langzeitisolierung. In der Weltraumforschung werden lange Zeiträume untersucht. Wir sind hier neun Monate lang wirklich allein.

Corona dominiert im Moment hier in Deutschland alles. Fürchten Sie, dass das den Kampf gegen den Klimawandel zurückwirft, wenn sich jetzt alle auf Corona konzentrieren?

Nein, ich habe neulich gelesen, dass die Krise den Klimawandel sogar dämpfen könnte. Die Wirtschaft wird zurückgefahren, in Peking gibt es angeblich die beste Luft seit Jahren. In der öffentlichen Wahrnehmung wird das Thema natürlich zurückgeworfen. Aber das kommt in die Köpfe schon wieder rein. Und vielleicht sehen die Menschen jetzt sogar, dass es auch mit weniger geht.

Forschungslabore im Ewigen Eis

Seit elf Jahren betreibt das Alfred-Wegener-Institut in der Antarktis die Forschungsstation "Neumayer III". An Bord wird unter anderem das Klima erforscht. Messreihen aus der Antarktis sind die Grundlage für viele Klimamodelle. Auch der Erdmagnetismus und die Meereisdicke werden auf der "Neumayer III" vermessen. Für die Weltraumforschung wurde sogar das Gewächshaus "Eden" errichtet.

Um die Forschung sicherzustellen, leben auf der Station kontinuierlich mindestens neun Menschen. Im antarktischen Sommer kommen Dutzende Gäste dazu. Sie alle teilen sich die fast 4900 Quadratmeter der Station am Rand der Antarktis.⇥mpu

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