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Bücher-Lieferungen
Brandenburgische Buchhändler in Zeiten von Corona

Noch fix Lesefutter geholt? Diese Buchhandlung in Potsdam ist – wie alle anderen in Brandenburg – inzwischen zu.
Noch fix Lesefutter geholt? Diese Buchhandlung in Potsdam ist – wie alle anderen in Brandenburg – inzwischen zu. © Foto: Jens Kalaene/dpa
Antje Scherer / 27.03.2020, 04:30 Uhr - Aktualisiert 27.03.2020, 07:01
Frankfurt (Oder) (MOZ) Das Buchhaus Jachning erwischt man in diesen Tagen im Laufschritt  – das Ladentelefon ist aufs Handy von Inhaberin Doreen Dehne umgestellt und die eilt mit kleinen Paketen durch Eisenhüttenstadt.

Darin: Lektüre für Stammkunden und Firmen. Der Laden – seit 1962 an der gleichen Adresse in der Innenstadt – ist geschlossen, bestellt werden kann trotzdem. "Das meiste geht aber über unseren Webshop und wird dann per Post versandt", berichtet die Chefin. Persönliche Lieferung übers Stadtgebiet hinaus und dann vielleicht nur ein Taschenbuch – das sei schlicht nicht wirtschaftlich. Einen Euro Porto stellt sie für den Versand über Großhandel in Rechnung, weniger als die tatsächlichen Kosten. Aber eigentlich spiele es ohnehin keine große Rolle, die Bestellungen seien drastisch eingebrochen. Ihre drei Mitarbeiter musste sie nach Hause schicken, sie macht sich Sorgen, wie lange sie durchhalten kann. Die Zwangsschließung sei "zum ungünstigsten  Zeitpunkt" gekommen, der Laden sei voll mit Ware, die sie vor der Buchmesse gekauft hat.

Ähnlich sieht es in Frankfurt (Oder) aus, wo Jan Micklich derzeit Bücher in Papiertüten packt, zwecks kontaktloser Übergabe. Ausgerüstet mit Handschuhen, liefert der Inhaber der Ulrich von Hutten Buchhandlung nach Bestellung per Telefon oder Mail portofrei, bezahlt werden soll möglichst bar. "Etwa 15 bis 20 Bestellungen", schätzt er, seien es aktuell pro Tag, nichts im Vergleich zum Normalbetrieb; dazu kommt auch bei ihm der Internetshop. In seinem großen Geschäft auf zwei Etagen arbeiten sonst zwölf Mitarbeiter, jetzt sind nur noch drei im Laden.

Welche Lektüre geht denn in der Corona-Krise? "Die neuen Bücher von Lutz Seiler und Matthias Platzeck hab ich gerade oft in der Hand", erzählt er. "Und alles was zum Thema Beschäftigung für Kinder zählt – Übungshefte für die Schule, Sticker-Alben, Rätsel, Puzzle …" Sein Lesetipp? "Auf jeden Fall etwas Optimistisches!" Auch für das eigene Geschäft versucht er, optimistisch zu bleiben, "wir haben aktuell fast gar keine Einnahmen – aber zumindest gibt es einen kleinen Trend nach oben". Mit dem Lieferdienst versuche man vor allem, den Kunden zu zeigen: "Wir sind weiter da!" Ein kleiner Trost: Der Versandriese Amazon brauche derzeit für Bücher länger.

Über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin können Sie hier mehr lesen

Die Strategien und Erfahrungen der Kollegen sind unterschiedlich: In Beeskow öffnet sich die Ladentür der Buchhandlung Zweigart auf Klopfzeichen kurz – wer telefonisch bestellt hat, bekommt seine Bücher nach draußen gereicht. Das Aufkommen sei aber "minimal", sagt Katrin Zweigart. Und in Bernau kann man dem Team der Buchhandlung Schatzinsel Wünsche auf den sehr persönlich gestalteten Anrufbeantworter sprechen – eine Lieferung binnen maximal zweier Tage wird versprochen. Inspiration gibt es auf der Internetseite, wo Sylvia Pyrlik, die in ihrem Laden sonst viele Lesungen und Bilderbuch-Kino organisiert, und Kollegen aktuelle Lieblinge empfehlen. Auch in vielen anderen kleinen Läden ist das Telefon nicht oder höchstens stundenweise besetzt; man wird per Anrufbeantworter auf den Webshop verwiesen  und bekommt oft noch ein paar freundliche Worte mit, etwa bei der Buchhandlung Alpha in Woltersdorf, die ,"eine sinnerfüllte und behütete Zeit" wünscht.

Vergleichsweise optimistisch schätzt Diana Wolff die Lage ein, die vom Fürstenwalder Ladengeschäft Musik & Buch Wolff aus per Telefon auch ihre Filiale in Erkner betreut: "Es hat sich herumgesprochen, dass wir noch da sind, und das wird sehr gut angenommen!" Bestellt werde querbeet – Bestseller, Kinderbücher, oft Übungsmaterialien für Schulkinder. Sie empfiehlt die Künstlerbiografie "Frida Kahlo und die Farben des Lebens" sowie den Roman "Unterleuten" von Juli Zeh – "wer das jetzt im Fernsehen gesehen hat, aber die Vorlage noch nicht kennt  – das lohnt sich." Sie versuche, möglichst normal weiterzuarbeiten, und auch ihre Mitarbeiter hätten alle "etwas zu tun".

Auch in Schwedt kommt die Verlagsbuchhandlung Ehm Welk bislang ganz gut durch die Krise  – "die Nachfrage steigt", berichtet Buchhändlerin Stefanie Schmook, aktuell würden 60 bis 70 Bestellungen pro Tag bearbeitet, vom Roman bis zum Bastelbuch. Ihre Empfehlung? "Das hänge ja ganz vom Lesegeschmack ab," sagt sie und lacht – und gibt dann doch ein paar Tipps: aus der Region etwa "Vom Duft der warmen Zeit" von Petra Elsner oder der Uckermark-Krimi "Das Tagebuch". Der Lesestoff dürfte lange nicht ausgehen, so viel ist sicher.

Wir halten Sie in unserem Corona-Blog für Berlin und Brandenburg auf dem Laufenden

"Kritisch bis existenzgefährdend"

"Bücher sind Lebensmittel" hatte zwar die Vorsteherin des Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs, argumentiert: "Sie verhindern, dass Menschen, denen ihre Sozialkontakte fehlen, durchdrehen." Aber der Shutdown kam trotzdem, nur in Berlin und Sachsen-Anhalt dürfen Buchläden weiter öffnen, Ausnahmen gibt’s in Bayern und im Saarland. Gerade für die kleinen Buchhandlungen sei die Situation "kritisch bis existenzgefährdend", sagt Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis.⇥dpa/red

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