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Corona-Grenzschließung
Wo polnische Berufspendler jetzt in Frankfurt (Oder) fehlen

Anstatt mit seinen polnischen Mitarbeitern führt Obstbauer Raik Neumann den fälligen Schnitt der Obstbäume nun mit Studentin Friedericke Lehmann aus, die sich freiwillig in seinem Betrieb gemeldet hat um zu helfen.
Anstatt mit seinen polnischen Mitarbeitern führt Obstbauer Raik Neumann den fälligen Schnitt der Obstbäume nun mit Studentin Friedericke Lehmann aus, die sich freiwillig in seinem Betrieb gemeldet hat um zu helfen. © Foto: René Matschkowiak
René Matschkowiak / 29.03.2020, 17:30 Uhr - Aktualisiert 29.03.2020, 18:27
Frankfurt (Oder) (MOZ) Die Aufregung bei vielen Frankfurter Betrieben und Einrichtungen war groß, als die polnische Regierung am vergangenen Mittwoch ankündigte, die Grenzen auch für Berufspendler schließen zu wollen. Ab Freitag mussten diese sich entscheiden: In Deutschland bleiben. Oder zurück nach Polen und für 14 Tage unter Quarantäne gestellt werden. Hinzu kommt, dass Erntehelfer seit Mittwoch nicht mehr nach Deutschland einreisen dürfen.

Obstbauern in Sorge

Eine Gemengelage, die auch die Obstbauern in Frankfurt beschäftigt. "Da wir keine Spargelernte in Frankfurt haben, trifft uns das Einreiseverbot der Erntehelfer derzeit noch nicht so sehr", sagt der Geschäftsführer der Markendorf-Obst Genossenschaft, Steffen Aurich. "Kritisch könnte das im Juni werden, wenn die Süßkirschenernte beginnt". Zwar gibt es Forderungen, die Saisonarbeit von anderen Helfern übernehmen zu lassen – Kurzarbeitende aus anderen Branchen, Studierende, Arbeitssuchende oder Geflüchtete. Doch "für die Bauern könnte das ein herbes Verlustgeschäft werden", warnt Steffen Aurich. "Es kommen nur die schnellsten und erfahrensten Erntehelfer jedes Jahr wieder. Sonst würde sich die Arbeit mit dem Mindestlohn auch nicht rechnen", erklärt er. Erntet ein unerfahrener Helfer nun deutlich weniger, müsste man trotzdem Mindestlohn bezahlen. "So trägt man Geld auf den Acker", sagt er klar.

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Die Grenzschließungen treffen trotzdem schon jetzt die Betriebe. Bei Obstbauer Raik Neumann etwa ist der Baumschnitt der Apfelbäume an der Reihe. Vier seiner polnischen Mitarbeiter würden das derzeit eigentlich erledigen. "Die sind sehr erfahren und wissen genau, was sie wegschneiden müssen", erklärt er. Am Freitag allerdings machte er die Arbeit mit Friedericke Lehmann. Die Studentin an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde hat sich freiwillig bei ihm gemeldet. Obstbäume verschnitten hat sie allerdings auch noch nie.

"Meine polnischen Mitarbeiter sind in Słubice geblieben", so Raik Neumann. Daran konnten auch nicht die 65 Euro der brandenburgischen Landesregierung etwas ändern, die für eine Unterkunft bezahlt werden sollen. "Ich kann das auch verstehen", sagt er. Schließlich fahren die Pendler sonst ganz normal jeden Abend nach Hause zu ihren Familien, wie die Arbeitnehmer in Deutschland auch. "Da würden wahrscheinlich in so einer Situation auch nur wenige die Familie für vier Wochen verlassen".

Seine Söhne, bei denen Schule und Studium ruhen, müssten neben seiner studentischen Hilfe nun mit anpacken und Hunderte Bäume verschneiden. Das dauere deutlich länger, so der Obstbauer. Außerdem musste am Sonnabendnachmittag der Apfelblütenstecher-Schädling bekämpft werden. "Das geht nur bei bestimmten Temperaturen, wie am Sonnabend und dafür braucht man auch seine polnischen Arbeiter", sagt Raik Neumann.

Die Mehrheit kehrte nach Polen zurück

Nach Angaben von Oberbürgermeister René Wilke gebe es rund 1250 polnische Pendler, die in normalen Zeiten in Frankfurt arbeiten: neben der Landwirtschaft beispielsweise im Gesundheits- und Pflegebereich sowie in der Logistik. "Die Entscheidung, vor die Menschen hier gestellt werden, zwischen Job und Einkommen auf der einen und der Familie auf der anderen Seite, ist wirklich schlimm", sagt René Wilke. Die große Mehrheit sei demnach nach Polen zurückgekehrt. Für diejenigen, die in Frankfurt geblieben seien – der OB sprach von deutlich mehr als 100 – habe auch die Stadt Unterkünfte anbieten können. Er nannte das Eurocamp, Hotels und Pensionen und Wohnungen der städtischen Wohnungswirtschaft. Am Klinikum nutzten auch einige der rund 30 polnischen Beschäftigten das Angebot, vorübergehend die Zimmer zu beziehen, die sonst von Famulanten und Ärzte im praktischen Jahr genutzt werden.

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Aufwandsentschädigungen für polnische Pendler

Unternehmen, die weiterhin polnische Grenzpendler beschäftigen können, bekommen vom Land eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 65 Euro pro Tag. Hinzu kommen 20 Euro täglich für jedes sich in Brandenburg aufhaltende Familienmitglied der Beschäftigten. Damit soll der durch den Aufenthalt entstehende Mehraufwand zum Beispiel für Unterbringung in Hotels oder Pensionen, Verpflegung oder sonstige Mehrkosten pauschal ausgeglichen werden, informierte das Wirtschaftsministerium am Freitag. Die Auszahlung soll durch die am Betriebssitz zuständigen Industrie- und Handelskammern sowie Handwerkskammern an die Unternehmen erfolgen.⇥red

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