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Experten-Interview
Fake-News und rassistische Zuschreibungen sind Alltag im Internet

Corona im Social Web: Die entscheidenden Schlachtfelder im Kampf um Informationen und Desinformation.
Corona im Social Web: Die entscheidenden Schlachtfelder im Kampf um Informationen und Desinformation. © Foto: Faktenkontor GmbH/Faktenkontor/obs
André Bochow / 29.03.2020, 23:18 Uhr - Aktualisiert 30.03.2020, 12:50
Berlin (MOZ) Verschwörungstheorien und wüste Beschimpfungen haben auch ohne Corona-Pandemie Konjunktur im Internet. Krude Theorien finden aber in diesen Zeiten noch mehr Gehör, sagt Simone Rafael von der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Es sind außergewöhnliche Zeiten. Praktisch alle sind mit der Corona-Pandemie beschäftigt. Machen da wenigstens Hass und Rassismus eine Pause?

Simone Rafael: Leider nicht. Es gibt zwar ein neues Vertrauen in Politik und Medien, und sogar die AfD gibt sich staatstragend, aber rund um Corona gibt es jede Menge Falschmeldungen, Gerüchte und rassistische Zuschreibungen. Von denen sind zum Beispiel Menschen betroffen, die irgendwie asiatisch aussehen. Und da gab und gibt es Attacken auch in der Öffentlichkeit.

Der wichtigste Resonanzraum für solche Hassattacken ist aber das Internet. Wie geht man dort zum Beispiel mit Politikern um?

Es gibt zum Beispiel ein Netzwerk, in dem sich Freunde und Anhänger der AfD versammeln. Immerhin 20 000 Menschen beteiligen sich da. Dort gibt es ganz offene Anfeindungen gegenüber Politikerinnen und Politikern, die an Covid-19 erkrankt sind oder wie Angela Merkel erkrankt sein könnten. Denen wird auf übelste Weise der Tod gewünscht. Das Wort "verrecken" spielt da eine große Rolle.

Wer wird sonst angegriffen?

Im Prinzip alle, die von der rechtsextremen Szene auch sonst attackiert werden. Auch denen wünscht man den Tod. Ein AfD-Politiker hat für Fridays for Future eine Todesanzeige verbreitet. Neu sind absurde Selbsteinschätzungen. Wenn sich etwa mittelalte, weiße Männer für resistent gegenüber dem Virus halten, weil sie gehört haben, Corona befällt nur Frauen und Migranten.

Aus welchen sozialen Milieus stammen denn solche Beiträge?

Oh, das geht quer durch die Gesellschaft. Männer, Frauen, gebildet und bildungsfern – da ist alles dabei. Und der Anteil derjenigen, die sich in solchen Netzwerken tummeln oder Ansichten vertreten, die dort angesagt sind, beträgt ungefähr 25 Prozent der Bevölkerung. Das ist seit Jahren konstant.

In Krisenzeiten und erst recht, wenn es um Pandemien oder Seuchen geht, werden Schuldige gesucht. Denken wir nur an die Pest, für die man in Mitteleuropa die ­Juden verantwortlich machte.

So etwas erleben wir auch jetzt. Die Situation ist unübersichtlich und nicht leicht zu verstehen, da sucht man nach einfachen Antworten. Und die werden gefunden. Für den islamistischen Bereich, aber nicht nur für den, handelt es sich bei Corona um eine jüdische Idee.

Wie wird das erklärt?

Corona als Biowaffe, die der jüdischen Weltherrschaft dienen soll. Andere verweisen darauf, dass Bill Gates schon einmal über ein solches Virus gesprochen und das dann selbst entwickelt habe, um mit einem Impfstoff viel Geld zu verdienen. Aber die meisten Theorien sind tatsächlich antisemitisch. Das jüdische Großkapital an sich oder George Soros persönlich werden da benannt.

Das sind diejenigen, die Verschwörungstheoretiker immer nennen. Gibt es im Zusammenhang mit Corona auch Neues?

Die neue Qualität besteht darin, dass solche Verschwörungstheorien in Krisenzeiten die eigene Blase verlassen können. Dann glauben plötzlich noch viel mehr Menschen, dass die Regierung unsere Gehirne durch Impfungen manipulieren will. Oder sie glauben einem selbsternannten Experten, wie Wolfgang Wodarg, der Corona für harmlos erklärt.

Sehen Sie die Gefahr, dass bei knapper werdenden Ressourcen der Rassismus zunimmt? Etwa wenn es um Plätze auf Intensiv­stationen ­geht und Flüchtlinge ­genau so behandelt werden wie ­andere.

Das kann ich mir beim medizinischen Personal nicht vorstellen. Aber natürlich sind das Debatten, die in der Gesellschaft gären und an Bedeutung zunehmen können. Es wird Menschen geben, die der Meinung sind, sie hätten, unabhängig von medizinischen Indikationen, als Deutsche Vorrang gegenüber Menschen mit nichtdeutscher Herkunft.

Wir erleben geschlossene Grenzen. Flüchtlinge kommen nicht mehr ins Land. "Geht doch!", hat der AfD-Politiker Brandner gejubelt. Hinzu kommt: Es wird jetzt viel angeordnet von der Politik. Fürchten Sie nach der Krise bleibende ­Schäden für die Demokratie?

Tja, das ist die große Frage. Ich bin aber im Grunde überzeugt davon, dass die Demokratie stabil ist. Wenn Stephan Brandner und die AfD jetzt Grenzschließungen feiern, dann vergleichen sie ja Äpfel mit Birnen. Pandemieschutz und Aufnahme von Schutzsuchenden sind dann doch sehr verschiedene Dinge.

André Bochow

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