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Fotografie
Thomas Hillig fotografiert das leere Berlin

Stille in Berlin: Auch an der Topographie des Terrors unweit des Potsdamer Platzes ist sonst viel los.
Stille in Berlin: Auch an der Topographie des Terrors unweit des Potsdamer Platzes ist sonst viel los. © Foto: Thomas Hillig
Christina Tilmann / 30.03.2020, 02:15 Uhr - Aktualisiert 08.04.2020, 14:20
Berlin (MOZ) Thomas Hillig ist Architekt und Fotograf in Berlin. Derzeit fährt er jeden Sonntag durch die leere Stadt und dokumentiert Straßen und Plätze. Seine Serie "Silent Sunday Berlin" wird auf Facebook verbreitet und viel diskutiert. Mit dem Fotografen sprach Christina Tilmann.

Herr Hillig, die Bilder von menschenleeren Berliner Plätzen und Straßen, die Sie derzeit auf Facebook posten, zeigen eine völlig veränderte Stadt. Was war Ihr Impuls, damit zu beginnen?

Vor ein paar Jahren habe ich ähnliche Bilder in Venedig gemacht, für eine Serie "Venedig ohne Menschen".  Da bin ich tatsächlich morgens um fünf Uhr aufgestanden und bin durch die Stadt gelaufen, als noch kein Tourist unterwegs war. Auch da hat es mich gereizt, eine Stadt zu fotografieren, die normalerweise übervölkert ist von Leuten. So ähnlich kommt mir das jetzt in Berlin vor.

In Berlin brauchen Sie jetzt wahrscheinlich ja nicht morgens um fünf losfahren. Wie gehen Sie vor?

Ich fotografiere immer sonntags, da setzte ich mich aufs Fahrrad und fahre los. Ich habe zwar auch wochentags immer die Kamera dabei, aber da ist noch eine andere Situation, da sind doch noch mehr Menschen unterwegs. Sonntags ist es wirklich hart, da merkt man, was die Beschränkungen jetzt für die Stadt ausmachen. Natürlich war das eigentlich zu erwarten: Es gibt kein Flugzeug mehr, und damit auch keine Touristen in der Stadt. Gerade an den klassischen Touristen-Hotspots ist das besonders spürbar.

Wegen der Corona-Pandemie sind die Straßen und Plätze in Berlin oft menschenleer. Thomas Hillig ist Architekt und Fotograf in der Hauptstadt. Jeden Sonntag fährt er derzeit durch die Stadt und dokumentiert die Leere in seiner Serie "Silent Sunday Berlin".
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Das heißt, Sie gehen gezielt an die Orte, wo sonst besonders viel los war? Oder sind Sie eher zufällig unterwegs?

Ich mache mir vorab eine Route, die ich dann mit dem Fahrrad abfahre. Nehmen wir mal den Checkpoint Charlie, das erste Bild aus meiner Serie – das ist ja eigentlich eine völlig normale Straßenkreuzung, die nur deshalb so berühmt ist, weil dort etwas stand, was nicht mehr da ist: die Mauer. Deshalb strömen die Leute dorthin, und durch diese Präsenz will jeder auch einmal dort sein. Wo so viele andere sind, muss es interessant sein. Und jetzt ist eben niemand mehr dort, das ist ein völlig veränderter Ort.

Ihre Architektur-Bilder sind immer von starken Kontrasten, von Licht und Schatten geprägt. Ist das eine ästhetische Entscheidung, oder eine inhaltliche?

Da hilft das Wetter der letzten Tage natürlich immens – dieser schöne, klare Frühling. Es ist tatsächlich so, dass das Licht und die harten Kontraste diese Leere noch verstärken. Der Kontrast zwischen Hell und Dunkel ist genauso hart wie der Kontrast zwischen einem belebten und einem völlig entvölkerten Platz. Ich glaube, wenn ich jetzt mit einem weichen Licht und grauem Himmel fotografieren würde, wäre diese Dramatik nicht so spürbar. Es ist einfach eine harte Situation.

Derzeit sieht man Bilder von menschenleeren Straßen ja aus aller Welt – aus Mailand, aus Rom, aus Wien, aus Paris… Tauschen Sie sich mit Kollegen in anderen Ländern aus?

Ich bekomme von Künstlerfreunden aus New York ganz ähnliche Bilder. Ich habe mir nie vorstellen können, dass die Broadway-Kreuzung am Times Square einmal völlig leer ist…. Und das in New York, der Stadt, die niemals schläft. Das passiert gerade an ganz vielen Orten, und da ich in Berlin lebe, möchte ich die Situation hier dokumentieren.  Der Titel "Silent Sunday Berlin", den ich meiner Serie gegeben habe, ist aufgegriffen worden – ich bin in mehreren Foren bei Facebook, wo Architekten, Stadtplaner und Fotografen sich über genau solche Themen austauschen. Dort merkt man, dass sich viele mit den gleichen Themen beschäftigen.

Es wird für Soziologen, Städteplaner und Architekten im Rückblick interessant sein, die jetzige Situation zu analysieren und zu diskutieren, was sie über unser Zusammenleben aussagt. Ist das auch eine Motivation für Sie?

Erst mal versuche ich einfach zu dokumentieren, was ist. Ich hoffe, dass das klare Wetter noch etwas anhält. Die Krise ist ja noch lange nicht vorbei, und ich fürchte, ich werde noch viele leere Sonntage erleben und fotografieren.

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