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Fernreise
Brandenburger Biker in Nepal von Corona-Krise eingeholt

Hans Still / 05.04.2020, 04:00 Uhr - Aktualisiert 06.04.2020, 11:17
Kathmandu/Bernau (MOZ) Sieben Männer aus dem Barnim und Frankfurt (Oder) fahren durchs Land am Himalaya. Die Rückreise wird zum Albtraum.

Der Verkehr im vom Himalaya geprägten Land ist der Horror, aber die wild-schönen Natureindrücke und die Herzlichkeit der Menschen treiben selbst gestandenen Männern Tränen in die Augen. Zwei Wochen lang tourten Biker aus Eberswalde und Frankfurt (Oder) durch Nepal. Sie erlebten unvergessliche Tage fernab vom westlichen Luxus und Überfluss. Und sie lernten dabei Menschen kennen, die ohne große Besitztümer leben. So betrachtet, gilt ein Großteil der Einheimischen aus hiesiger Sicht ganz bestimmt als arm. Aber sie leben ihren Glauben und teilen gern  und selbstverständlich mit den Fremden, weil sie das glücklich macht. Doch davon später mehr.

Andreas Fritsche aus Golzow (Barnim) muss wohl als Anstifter der abenteuerlichen Tour gelten, die einige Member vom Equitatus Preußen MC und vom Dragsäue MC aus Eberswalde gemeinsam nach Südasien führte. Elf Jahre ist es her, dass Fritsche durch Indien tourte. Am Ende entstand die Idee, diesem Erlebnis eins drauf zu setzen und Nepal zu bereisen. Die zehn höchsten Berge der Welt erwarten dort den Reisenden, das allgegenwärtige Himalaya-Gebirge bestimmt die Geografie. Zwei Jahre lang planten die sieben Brandenburger ihre Tour, die vor Ort von Stephan Thiemann vom Anbieter Motorbike-Tour geführt wurde.

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Die Helme im Handgepäck

Aufregung pur, als die Männer in der zweiten März-Woche mit ihren Motorradhelmen im Handgepäck auf dem Flugplatz der Hauptstadt Kathmandu  ankommen. Ebenfalls dabei, die schützenden Klamotten, ohne die sich kein Fremder in Nepal auf Motorrad-Tour begeben sollte. "Der Verkehr ist die Hölle, und nicht nur wegen des Linksverkehrs", beschwört Kayth Kasel die chaotischen Zustände im fernen Land. Der 40-Jährige muss es wissen. Als Geschäftsführer der Angermünder Firma Euba-Logistic dirigiert er 87 Firmen-Lkw. Als Clubchef des Eberswalder Dragsäue MC spult er auf seiner Harley jährlich tausende Kilometer ab. Doch jede, noch so üble deutsche Straße, muss im Vergleich zu den Rumpel-Pisten im Nepal als gelobter Highway gelten. "Deutsche Feldwege sind besser als jede Straße in Nepal", behauptet Kasel. Man glaubt es ihm sofort. Bis zu 30 Zentimeter tiefe Schlaglöcher rütteln die Fahrer immer wieder kräftig durch. Ausweichen bleibt sinnlos, das nächste Schlagloch folgt sicher. Auf ihren Touren räumen sie Bäume von der Straße, überqueren Schluchten via Hängebrücken und müssen einen Fluss mit Vollgas durchfahren. Adrenalin pur, wenn der halbe Motor im Wasser werkelt und die Maschine hoffentlich nicht stehen bleibt. Über 1200 Kilometer reißen sie auf den gemieteten Royal Enfield-Maschinen ab. Die 350-er Bullets halten durch, sie werden mit ihrem Einzylinder-Motor übrigens seit 1931 fast unverändert gebaut. Fritsche und Kasel finden für die Robustheit der Zweiräder kaum Worte. "Unsere Harleys wären in Einzelteile zerfallen, die Böcke haben wirklich alles weggesteckt." Durch den Guide wurden die Rookies (Anfänger) im nepalesischen Verkehr gleich gebrieft. "In den Serpentinen wird vor jeder Kurve intensiv gehupt, um sich bemerkbar zu machen. Das ist überlebenswichtig. Und wenn ein Fahrzeug im Gegenverkehr Lichthupe gibt, dann heißt das, mach dich zur Seite, der zieht jetzt durch", erinnert Kasel gesundheitsbewahrende Regeln.

Ein vages Gefühl bekamen die Neuankömmlinge schon auf den Hauptverkehrsstraßen in Kathmandu vermittelt. Dort strömt der Verkehr quasi ohne Unterlass. Wollen Fußgänger die Straße überqueren, erscheint das ausweglos. "Hilfreich sind Handzeichen nach links und rechts, bitte bremsen, hier kommen wir. Es hat echt geholfen", staunten die Weltenbummler, nachdem sie den Einheimischen zugesehen hatten. Die Hektik der Hauptstadt ließen sie schnell hinter sich. Ihre Route führte sie in den Chitwan-Nationalpark, der auf knapp eintausend Quadratkilometern Fläche die Begegnung mit bengalischen Tigern, Krokodilen oder Panzernashörnern verspricht. Letzteres versetzte am Abend das kleine Städtchen, in denen die Biker in einem Hotel untergebracht waren, in helle Aufregung. "Ein riesiges Panzernashorn durchstreifte auf dem Weg zum Fluss die Straßen, das war sogar für Einheimische eine kleine Sensation", staunten die Barnimer. Und natürlich waren sie selbst eine kleine Attraktion. "Die helle Haut der Europäer, unsere Bärte, dazu die voll bepackten Motorräder, da wurden wir oft bestaunt. Die Kinder standen an der Straße und klatschten uns glücklich ab. Da werden einem echt die Augen feucht", gesteht Kasel.

Lärm und Schmutz gibt es auch

Weiter ging die Tour nach Pokhara, einem kommenden Urlaubsdomizil, fast nach westlichem Vorbild. Dort sind schon jetzt Hubschrauber-Flüge ins Gebirge und Tandem-Paragliding buchbar. Zudem entstehen immer mehr Hotels. Dem entflohen die Biker, indem sie das Bergstädtchen Bandipur in Zentral-Nepal ansteuerten. 50 Meter vor der Stadtgrenze endete die Bergauf-Tour, das alte Städtchen in 1030 Metern Höhe kommt ohne Straßenverkehr aus. Wer die Gassen der Stadt kennenlernen möchte, muss diese zu Fuß erklimmen. Somit fehlen der Dreck und der Lärm, der in Nepal das Leben beeinträchtigt. "Beides ist längst nicht so schlimm wie in Indien. Aber auch dort liegt Dreck in den Flüssen, der erst mit dem Monsun weggespült wird", vergleicht Fritsche die Länder.

Herzlich und respektvoll begegnen die Nepalesen den Fremden, auf den Dörfern sind Touristen ohnehin eine Seltenheit. So bestaunten die Männer, wie der Frankfurter Ivo Gutowski von einer Heilerin einen roten Segenspunkt auf die Stirn bekam. Diese Tika-Punkte stehen für gute Wünsche und sollen beim Vertreiben der bösen Geister helfen. Mehrfach wurden sie zum Tee eingeladen oder mit kulinarischen Kleinigkeiten verwöhnt. "Man hat genau gesehen, das waren keine reichen Familien. Aber zu teilen, das war ihnen wichtig."

In Sachen Internet rangiert Nepal womöglich vor Deutschland. "In jeder Imbiss-Bude gab es einen WLAN-Schlüssel, durch Facebook waren wir immer über die Vorgänge in Deutschland informiert", berichten Kasel und Fritsche. Dass die Corona-Krise mit jedem Tag mehr Bedeutung bekam, lag auf der Hand. Schon am fünften Tag in Nepal hieß es, Deutschland würde niemanden mehr reinlassen. Insbesondere die Familienväter in der Gruppe sorgten sich immer stärker wegen der Rückreise. "Wir haben das aber weggedrückt, es gab keine andere Chance. Dieser Urlaub war unser Traum. Und wir mussten mindestens 14 Tage im Land bleiben." so Kasel. Die türkische Airline flog erst nach 15 Tagen Aufenthalt im Land aus.  Bange Stunden und großes Glück: Ein Manager von Turkish Airlines buchte die Männer nach Luxemburg. Mit Taxen ging es zur deutschen Grenze, dann holte sie ein Kumpel nach Brandenburg. "Zwei Tage Rückreise. Alter Schwede, das war knapp."

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Paul Müller 06.04.2020 - 10:51:37

Coole Sache Parker ...

... Das mit der Lichthupe ist aber allgemein in Suedostasien so üblich :) und an den Linksverkehr gewöhnt man sich relativ zügig. Hab da unten noch nen Toyota Highlux rumzustehen, ein 4x4 für die Inseln in und um den Golf von Thailand, die Pisten sind teilweise so Abenteuerlich :D im Urwald auf der Insel Koh Chang ging es planierte Strassen so steil Bergauf, das mir der Motor im ersten Gang abgesoffen ist und wir alle den Himmel gestarrt haben. Untersetzung, 4x4 und Differenzialsperre rein, dann hat der auch die Steigung „gefressen„ ...

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