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Corona-Krise
Intensivpatienten mit "Lufthunger"

Ein Arzt bedient eine Beatmungsmaschine auf einer Intensivstation. (Symbolbild)
Ein Arzt bedient eine Beatmungsmaschine auf einer Intensivstation. (Symbolbild) © Foto: Marijan Murat/dpa
Hajo Zenker / 07.04.2020, 03:30 Uhr - Aktualisiert 07.04.2020, 15:39
Berlin (NBR) Um schwere Corona-Erkrankungen behandeln zu können, braucht man möglichst viele Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit.

Darauf weist das Robert-Koch-Institut immer wieder hin und fordert die schnellst-mögliche Verdopplung der Plätze. Was aber bedeutet Beatmung – dass der Patient eine Maske über Mund und Nase bekommt, um Sauerstoff zugeführt zu bekommen? Ja, diese Fälle gibt es auch. Dann handelt es sich gemeinhin um einen minder schweren Fall. Diese Sauerstoffgabe ist auch auf einer Normalstation möglich. Häufig aber bedeutet Beatmung einen wirklich schweren Eingriff.

Aktuelles in unserem Corona-Blog: Coronavirus und die Folgen für Brandenburg und Berlin

Lunge füllt sich mit Wasser und Eiter

Der Hintergrund dafür ist, dass durch die Sars-Cov-2-Infektion die Lunge ihrer Aufgabe nicht mehr gerecht werden kann – nämlich Sauerstoff aus der Luft aufzunehmen und in den Lungenbläschen mit unserem Blut in Kontakt zu bringen, das dann den so gewonnenen Sauerstoff im Körper an alle Organe verteilt. Umgekehrt gibt das Blut dort im Normallfall im Körper entstandenes Kohlendioxid ab, das schließlich mit dem Ausatmen entsorgt wird. Ohne Sauerstoff bleibt der Körper ohne Energie.

Ist das Virus jedoch über den Rachen, wo es zumeist sitzt und für die leichte Ansteckungsgefahr sorgt, nach unten in die Lunge gewandert, füllen sich dort die Hohlräume zwischen den Lungenbläschen und dem Gewebe mit Wasser und auch mit Eiter. Dadurch steht ein immer größerer Teil der 300 Millionen Lungenbläschen nicht mehr für den Austausch der Atemgase zur Verfügung – die Lunge wird schwächer. Der Verfall des lebenswichtigen Organs kann dabei sehr schnell gehen.

Luftnot ist schlimmstes Symptom

Der Patient, sagt Professor Uwe Janssens, Präsident der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, bekommt "Lufthunger", der Sauerstoffgehalt im Blut sinkt, die Versorgung der Organe wird kritisch. Die Betroffenen fangen an, hektisch zu atmen. Diese Luftnot sei eines der schlimmsten Symptome, die ein Mensch überhaupt haben könne, erklärt Janssens. Ohne Beatmung ist das Ende vorgezeichnet: Bereits nach drei Minuten ohne Sauerstoff, so die Deutsche Lungenstiftung, sterben erste Gehirnzellen ab, nach vier Minuten drohen bleibende Schäden, nach fünf Minuten oft schon der Tod.

Sinkt der Sauerstoffgehalt im Blut auf unter 90 Prozent, muss ein Patient beatmet werden, sagt Professor Stefan Kluge von der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin. Zunächst wird die Sauerstoffgabe über die Nase per Maske versucht, als Hilfe für den schwer Atmenden. Reicht das nicht, muss der Patient in ein künstliches Koma versetzt werden. Danach wird ein Schlauch in die Luftröhre eingeführt – über Mund, Nase oder sogar durch ein kleines Loch im Hals.

Künstliche Ernährung

Die Beatmungsmaschine übernimmt komplett, das künstliche Atmen erfolgt unter Überdruck, das Gerät drückt den Sauerstoff also in die Lunge. Die Maschine sorgt für einen individuell errechneten Druck in den Atemwegen und den Lungenbläschen, damit so viel Sauerstoff wie möglich aufgenommen werden kann. Wer an ein Beatmungsgerät angeschlossen ist, kann weder sprechen noch essen und wird über einen Schlauch künstlich ernährt. Einige dieser Patienten werden zudem auf den Bauch gedreht, damit auch die hinteren Lungenflügel belüftet werden können, wo sich sonst Flüssigkeit sammeln würde.

Lange künstliche Beatmungszeit

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigt sich der Verlauf bei 15 Prozent der Erkrankten so schwer, dass eine zusätzliche Sauerstoffversorgung nötig wird. Fünf Prozent der Corona-Infizierten benötigen eine künstliche Beatmung. Von den derzeit wegen der Corona-Erkrankung auf einer deutschen Intensivstation liegenden Patienten müssen rund 80 Prozent beatmet werden. Muss ein Covid-­19-Patient beatmet werden, dann in der Regel lange, erklärt Michael Pfeifer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Für einen Patienten könne das mehrere Wochen bedeuten. Reicht auch diese künstliche Beatmung nicht aus, gibt es in bestimmten Kliniken noch Maschinen, die außerhalb des Körpers das Blut des Patienten mit Sauerstoff anreichern. Das funktioniert aber nur für begrenzte Zeit.

Folgeschäden möglich

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, selbst Arzt, verweist denn auch darauf, dass eine künstliche Beatmung alles andere als ein Kinderspiel ist: "Eine längere Beatmung geht an keinem Menschen spurlos vorbei." Gerade ältere Menschen erlitten dadurch langfristig oft schwere Schäden. "Wir wissen, dass bei einer längeren Beatmung zum Beispiel das spätere Demenzrisiko erhöht ist oder oft Nieren und andere Organe geschädigt werden." Eine Beatmung ist also Hilfe in höchster Not.

Besser wäre es deshalb, gerade bei Älteren eine Infektion und damit eine Erkrankung zu vermeiden.

Meldepflicht für freie Intensivbetten

Angesichts der Corona-Krise müssen Kliniken freie Intensivbetten künftig verpflichtend und täglich an ein zentrales Register melden. Das sieht ein Verordnungsentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor. Die allermeisten Kliniken meldeten bereits freiwillig ihre aktuelle Kapazität, aber leider immer noch nicht alle. "Wenn alle transparent zusammenarbeiten, gelingt eine bessere Versorgung", sagte Spahn. ⇥dpa

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