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Olafs Werkstatt in Neustadt: Alles begann mit einer Videothek

Ulrike Gawande / 08.04.2020, 06:15 Uhr - Aktualisiert 08.04.2020, 14:40
Neustadt (MOZ) Alles begann mit einer Videothek, die der gelernte Tischler Olaf Krause am 1. Mai 1990 in Neustadt eröffnete. Der Laden des damals erst 23-Jährigen befand sich an der Havelberger Straße. Heute 30 Jahre später gibt es die Videothek immer noch, als Teil von "Olafs Werkstatt" an der Robert-Koch-Straße.

"Ich werde wohl irgendwann die letzte Videothek Deutschlands sein", lacht Krause. "Aber ich muss ja auch nicht davon leben." Gastronomie, Bowlingbahnen, Ferienwohnung, Fußballübertragungen, Comedy-Veranstaltungen, Live-Musik und sogar eine Pferdepension – 30 Jahre nach dem Start ist Olaf Krauses Unternehmen heute breit aufgestellt. In der jetzigen Krisenzeit ist diese Vielfalt ein großer Vorteil. "Mit Essen außer Haus halten wir uns über Wasser. Es gibt viele, die uns unterstützen", ist Krause dankbar. Dazu zählen auch die Kunden, die bereits Tickets für eine der Veranstaltungen gekauft hatten, die nun der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen sind oder auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wurden. "Die Kunden geben ihre Karten nicht zurück, sondern tragen es mit. Das ist eine tolle Sache."

15-köpfiges Team

Olaf Krause rechnet nicht damit, dass im April oder Mai bei ihm wieder ein Künstler im Saal auf der Bühne steht. Spätestens im Juni sollte der Betrieb wieder starten, wünscht sich der 53-Jährige. "Ich versuche noch bis Mai den Mitarbeitern meines Teams das volle Gehalt zu zahlen", erklärt er. "Sie tragen das Ganze mit und sind teilweise schon seit Jahren dabei." 15 Kräfte beschäftigt Olaf Krause inzwischen.

Vor drei Jahrzehnten startete er die Videothek gemeinsam mit einem Angestellten. Krause erinnert sich an die Anfänge, als ein Videoverleih Ladenlokale suchte, die von Selbstständigen betrieben werden sollten. Der Neustädter ließ sich von der Idee begeistern. "Meine Verwandtschaft sagte, dass man vom Filmverleih nicht leben kann." Er belehrte sie eines besseren – auch wenn er sein Unternehmen später Stück für Stück um anderen Bereiche erweiterte. Aber bis heute kommen Filmfans, um in seiner Sammlung zu stöbern, die neben Klassikern auch stets die neusten Filme beinhaltet. "Wir sind billiger als viele Streaming-Dienste", sagt er. Besonders beliebt seien Kinderfilme und Actionkracher.

Lieblingsfilm von 1989

Der Lieblingsfilm von Krause stammt noch aus dem Jahr des Mauerfalls. "Der Club der toten Dichter" mit dem legendären Robin Williams ist bis heute ein Film, der ans Herz geht. "Ich bin ein begeisterter Filmfan. Ich finde das Medium toll." Besonders das Konzept der Videothek, in der sich die Kunden in Ruhe die Filme auswählen und bei einer Tasse Kaffee über die Streifen ins Gespräch kamen, gefällt ihm.

Im September 1990 zog die Videothek an den heutigen Standort um, in eine alte Werkhalle, in der erst Krauses Opa und später sein Vater erst Landmaschinen repariert und dann bis 1974 eine Schlosserei betrieben haben. "Wir mussten anfangs sieben Eimer aufstellen, weil es durch das Dach geregnet hat." Das Gebäude stand lange leer. Ursprünglich wollte der 53-Jährige Teile abreißen. Stattdessen aber hauchte er dem Ensemble Schritt für Schritt neues Leben ein. Den Anfang machte der Raum für Spielautomaten und zwei Billardtische. Die vorwiegend jungen Spieler wollten aber gerne auch ein Bier trinken, doch der Ausschank war in der Spielothek nicht erlaubt. Die Idee für einen Gastraum mit Theke, Darts und Billard war geboren. Krause ist eben nicht der Typ, der sich auf etwas ausruht.

Mitte der 1990iger-Jahre kamen zwei Bowlingbahnen hinzu. Heute sind es drei, die gern von Gruppen oder Familien gebucht werden. Was ist ein Bowlingabend ohne Essen? Wie gut, dass eine damalige Kollegin bereits die Küche in anderen einer Gastronomie geschmissen hatte. Olaf Krause war zuerst skeptisch "Das war eine ganz schöne Nummer." Aber er ließ sich überzeugen. Zwei Frauen, Kathrin und Manuela, stemmten fortan die Küche. "Es gab eine kleine Karte mit Hausmannskost vom Hamburger Schnitzel bis zum Würzfleisch", erinnert sich der Neustädter. "Alles wurde selber gemacht." Das ist bis heute so.

Ab 1996 gab es dann auch Live-Musik in Olafs Werkstatt. Restaurantgäste und Zuschauer in einem Raum waren keine gute Lösung. Also wurde der Saal mit Bühne für rund 80 Gäste ausgebaut und gleich noch ein Biergarten angebaut. Blues-Musiker aus Berlin oder ehemalige Mitglieder aufgelöster DDR-Bands spielten in Neustadt. Heute hat sich Olafs Werkstatt einen Namen für hörenswerte Coverbands gemacht. Als erstes kam "Belmondo" mit Musik von Westernhagen an die Dosse. Die Band ist der Stadt bis heute treu geblieben. Am 4. Juli soll sie wieder auf der Bühne stehen, wenn die Einschränkungen durch Pandemie es erlauben.

Künstler aus ganz Europa

Andere Künstler kommen sogar aus Dänemark oder Tschechien, wie  die Gruppe Abba-World-Revival, die mit zehn Musikern live bei Olaf Krause Musik machen. "Ich sag immer: In der Kulturkirche in Neuruppin spielt die Champions League und bei mir gibt´s die Bundesliga", so Krause scherzhaft. "Bei mir treten zwar nicht die aus dem Fernsehen bekannten Künstler auf, aber auch in der zweiten Reihe gibt es tolle Leute." Krause stapelt tief. So war alleine der Komiker Karl Dall bereits zweimal live in Neustadt zu erleben. Und seit 2016 holt der Moderator Michael Genähr einmal im Monat seine Kollegen aus dem Berliner Quatsch Comedy Club zum "Werkstatt Comedy Mix" in die Dossestadt. "Die Künstler mögen die gemütliche Atmosphäre und die Nähe zum Publikum."

Olaf Krause verpasst dabei nicht eine Veranstaltung. Nebenbei denkt er auch an die älteren Semester und bietet sonntagnachmittags ein "Sonntagskabarett" an, bei dem auch Mitglieder der Leipziger Pfeffermühle oder des Potsdamer Obelisken zu erleben sind. "Vorher gibt es Kaffee und Kuchen, hinterher Abendessen und zum Tatort sind alle pünktlich zu Hause", fasst er das Konzept scherzhaft zusammen. Seit fünf Jahren gibt es in der alten Schmiede sogar ein kleines Fußballstadion – einen Fernsehraum für Fans des runden Leders. Olaf Krause selbst ist Anhänger von Borussia Mönchengladbach. "Meine Mutter war Fan von Berti Vogts, meine Tante liebte Rainer Bonhof – da wurde mir die Vereinsliebe quasi in die Wiege gelegt." Mit einem Fanclub aus Neuruppin geht es seit 13 Jahren stets zum letzten Heimspiel in den Borussia-Park.

Dieses Jahr muss diese Fahrt vermutlich ausfallen. Dafür hat Krause im 30. Jahr seines Unternehmens trotz aller Sorgen mehr Zeit, um mit der Freundin und seinem Golden Retriever spazieren zu gehen. "Der holt mich immer runter."

BevorstehendeVeranstaltungen

Statt Comedy oder Musik findet am Mittwoch, 29. April, von 15 bis 18 Uhr eine Blutspende-Veranstaltung des DRK in Olafs Werkstatt in Neustadt statt.

Da derzeit kein Gastronomiebetrieb läuft, können für die Blutspende alle Räume genutzt werden. Geplant ist ein Einbahnstraßensystem. Zum Abschluss gibt es für jeden Spender ein abgepacktes Essen.

Weitere Informationen gibt es unter www.olafs-werkstatt.de.⇥ug

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