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Zwischen Gangkriminalität und Gigadrachen
Guatemala: Reisen durch ein fast unberührtes Paradies

Janine Richter / 16.05.2020, 04:00 Uhr - Aktualisiert 29.06.2020, 11:52
Guatemala Stadt (MOZ) Sieben Morde. Als ich an diesem Morgen die guatamaltekische Zeitung aufschlage und die ausführlichen Polizeiberichte lese, stutze ich. In meiner vierwöchigen Reise durch Guatemala habe ich von der Bandenkriminalität nichts bemerkt.

Doch da steht es schwarz auf weiß: Sieben Guatamalteken zwischen 20 und 35 Jahren wurden innerhalb von drei Tagen auf offener Straße erschossen. Die meisten starben in Guatamala-Stadt, der Hauptstadt Guatemalas. Ein Moloch, den Touristen meiden. Aber zwei starben auch in San Marcos am Lago Atitlán, einem Touristen-Hippie-Hotspot.

Auch wenn die Bandenkriminalität in Guatemala weit verbreitet ist, gibt es auch noch eine andere Wahrheit des Reiselandes: Guatemalas Regierung tut viel, um die Touristen zu schützen und die Guatamalteken sind eines der gastfreundlichsten Völker Lateinamerikas. Zudem ist das Land der Maya ein kleines, an manchen Orten unberührtes Paradies. Es bietet atemberaubende Sonnenuntergänge von Maya-Ruinen, feuerspeiende Vulkane und Sandstrände, wo Babyschildkröten ins Meer sprinten.

Antigua - Heiratshotspot der Guatamalteken

In vielen Gegenden Guatemalas ist der Tourismus die einzige Einnahmequelle. Freundliche Militärs mit Maschinengewehren weisen Reisenden an vielen Straßenecken Antiguas  den Weg – zum Beispiel zum kolonialen Stadtzentrum, zu den zahlreichen Kirchen- und Konventruinen oder den indigenen Märkten. Antigua ist die Art von Stadt, in die man kommt, um zu bleiben. Und wenn nicht physisch, dann mit dem Herzen.

Die gepflasterten Straßen, bunten Kolonialbauten und drei Vulkane (Agua, Acatenango und Fuego) machen die einstige Hauptstadt Guatemalas auch zu einer beliebten Stadt zum Heiraten für Guatemalteken. Nette Anekdote nebenbei: Eine Ansichtskarte aus diesem kleinen städtischen Paradies zu schicken, ist nicht möglich. Im Jahr 2016 wurde der Postservice in Guatemala eingestellt.

Ein Besuch von Antigua lohnt vor allem in der Karwoche und an Allerheiligen, denn dann ziehen besondere Prozessionen durch die Stadt. Als die untergehende Sonne die Wolken und Vulkane an diesem Tag im November lila färbt, wuseln plötzlich hunderte Menschen durch die Straßen. Frauen in schwarzen Spitzengewändern schmücken Verkehrsinseln mit Blumengemälden. Und dann tragen Männer auf ihren Schultern und in schwarzen Kapuzengewändern der Iglesia Escuela de Cristo gekleidet einen riesigen beleuchteten Sarg durch die Straßen. Sie schwitzen, sie leiden unter dem Gewicht, wie einst Jesus Christus. Sie werden von Weihrauch, Bläsern und Pauken begleitet. Die theatralischen Klänge in den Straßen sind so eingängig und die Gottesfürchtigkeit in den Gesichtern ist so sichtbar, dass es zu Tränen rührt.

Aufstieg zum Acatenango

Ein Abenteuer ganz anderer Natur ist der Auf- und Abstieg zum fast 4000 Meter hohen Vulkan Acatenango, den die meisten Backpacker von Antigua aus planen. Diese sehr steile und mehrstündigen Wanderung ist nur etwas für Sportliche mit mentalem Durchhaltevermögen. Im Basislager angekommen, folgt eine kühle, windige Nacht, in der manch einer noch in Daunenjacke, Schlafsack, Decken und Zelt bibbert. Doch die Strapazen werden mit einem einmaligen Sonnenauf- und untergang belohnt; und in der Nacht mit dem einmaligen Ausblick auf den nur wenige Kilometer entfernten, Lava spuckenden Vulkan Fuego.

Festival de Barriletes Gigantes

Wer die guatemaltekische Kultur spüren möchte, sollte sich an Allerheiligen nach Sumpango aufmachen. Generationen von Familien versammeln sich dort auf dem Friedhof, schmücken die Gräber ihrer Ahnen mit bunten Girlanden und Blumen, musizieren, tanzen, grillen, trinken und gedenken so den Seelen ihrer Liebsten. Die Kleinsten lassen Drachen (barriletes) auf den Gräbern steigen.

Den Schotterweg zum örtlichen Fußballplatz säumen tausende Menschen. Von den Essensständen am Wegesrand glotzen Schweineköpfe vom Grill, Tortillas werden gewendet und bunte Drachen angeboten. Auf dem Fußballplatz angekommen, gibt es einen einzigartigen Wettbewerb zu bestaunen – das Fest der Gigadrachen (Festival de Barriletes Gigantes). Dörfer oder Familien lassen hier riesige bunte Drachen aus Seidenpapier und Bambus fliegen. In monatelanger Arbeit wurden sie bemalt und geklebt. Ihre Abbildungen stellen die indigene Kultur und Geschichte Guatemalas dar oder verbreiten kritische politische Botschaften. Die Teilnehmer fiebern dem Moment entgegen, in dem sie ihren Gigadrachen mit bis zu sieben Meter Durchmesser in die Lüfte ziehen. Während einige Riesendrachen den heftigen Winden an diesem stürmischen Tag trotzen, krachen andere unrühmlich zu Boden. Alles kommentiert von einem quicklebendigen Stadionsprecher. Die Drachen gelten als Mittler zu den Seelen der Toten im Himmel.

Mega-Maya-Stadt Tikal

Zu den Orten, die man gesehen haben muss, zählen die Maya-Ruinen von Tikal. Das Gelände ist weitläufig, im Regenwald gelegen und nur mit Guide sicher zu erkunden. Die architektonisch herausragenden Tempelpyramiden, die bis zu 65 Meter hoch sind, erzählen von über 1000 Jahren Maya-Kultur. Neueste Forschungen gehen davon aus, dass in Tikals Blütezeit bis zu einer Million Menschen dort gelebt haben, wo heute nur noch Regenwald ist. Unvergesslich ist auch der Sonnenuntergang, der sich nach einem schweißtreibenden Aufstieg von Tempel IV beobachten lässt. Von Brüllaffen begleitet, blickt man über den Urwald und sieht die höchsten Gebäude Tikals aus ihm herausragen.

Hieroglyphen in Copán

Während das Weltkulturerbe der Unesco Tikal mit seiner Architektur beeindruckt, faszinieren die Ruinen von Copán, ebenfalls Weltkulturerbe, mit Kunsthandwerk. Copán liegt kurz hinter der Grenze in Honduras. In der zweitgrößten Maya-Stadt fesseln vor allem die prunkvollen Stelen, Altare und Tempelanlagen mit zahlreichen Hieroglyphen. Die 63 Stufen zählende Hieroglyphentreppe ist einzigartig in der Maya-Welt und erzählt die Geschichte der Herrscher von Copán. Noch ist sie nicht bis ins letzte Detail entschlüsselt, genauso wie die Spielabfolge beim Maya-Ballspiel "juego de pelota". Der Ballspielplatz Copáns ist vielleicht der schönste aller Ruinen in Mesoamerika. Aber wie die Spielregeln der Maya genau waren, darüber streitet die Wissenschaft.

Gefahr am Strand: Rippströme

Er ist voller Todesangst, der Moment, wenn man sich plötzlich im aufgewühlten Meer, 100 Meter vom Strand entfernt wiederfindet. Wellen brechen tosend über einem zusammen. Die Lunge brennt, die Kraft weicht aus Beinen und Armen. Die Todespanik, die einen befällt, ist das Lebensgefährlichste. Die meisten Menschen ertrinken in einer Rippströmung, weil sie direkt dagegen anschwimmen. Die Autorin hatte Glück, weil ein Bekannter, der mit ihr herausgespült worden war, wusste, was zu tun ist: parallel zum Strand aus der Strömung herausschwimmen. 

Rippströme sind vom Strand wegfließende Wassermassen, die bis zu neun Stundenkilometer schnell sein können. Mal fließen sie direkt hinaus, mal schräg oder auch zirkulierend an Land zurück. Man erkennt sie nur, wenn man das Wasser vorher genau beobachtet. Eine Rippströmung ist am dunkleren (manchmal sandigen) Wasser, an weniger brechenden Wellen und welliger, zirkulierender Wasseroberfläche zu erkennen. Manchmal zeigt eine solche Brandungsströmung nur eines dieser Merkmale.

Solche Rippströme sind eine Gefahr an vielen Stränden der Welt – auch in Guatemala. In einem Dritte-Welt-Land gibt es keine roten Flaggen, keine Warnschilder oder Rettungsschwimmer. Erst recht nicht an einem abgelegenen Ort. Also: Vorsicht. ⇥jar

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