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Kinderschutz
Jugendamt Barnim kritisch im Fokus

Andrea Linne / 22.05.2020, 05:00 Uhr - Aktualisiert 22.05.2020, 11:26
Eberswalde (MOZ) Im vergangenen Jahr gab es im Landkreis Barnim 1142 Kinderschutzfälle, darunter auch Besondere wie das fünfjährige vernachlässigte Eberswalder Kind, das aus einer Familie geholt wurde. Corona stellt Familien vor besondere Herausforderungen. Über die Situation und den Druck, der auf den Mitarbeitern des Jugendschutzes lastet, unterhielten wir uns mit der Dezernatsleiterin Yvonne Dankert.

Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Corona-Blog.

Frau Dankert, seit Wochen leben Familien im Ausnahmezustand, müssen mit wenig Geld auskommen, können nicht auf Hilfen zugreifen. Bitte schildern Sie kurz die aktuelle Situation.

Die Familien im Landkreis Barnim sind derzeit sehr gefordert. Eltern sind nicht mehr nur Eltern, sondern auch Lehrer. Das allein ist schon Herausforderung, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Nicht selten höre ich: "Nein Mama, die Lehrerin hat das aber anders erklärt." Damit muss man umgehen. Viele Familien müssen dies neben der Arbeit bewältigen, aber auch sehr viele Menschen müssen mit Kurzarbeit leben oder erhielten sogar eine Kündigung. Die Beantwortung Ihrer Frage ist sehr schwer.

Gab es mehr Gefährdungsmeldungen?

Einen Anstieg von Gefährdungsmeldungen gab es tatsächlich nicht. Das ist aus meiner Sicht auch nicht überraschend. Lebensorte für Kinder wurden eingegrenzt auf die Familien. In öffentlichen Einrichtungen konnten sich Kinder somit auch nicht mitteilen. Aber selbstverständlich kümmern wir uns nach wie vor um Familien, die um Hilfe bitten. Und natürlich lässt sich auch die aufmerksame und sensible Bevölkerung nicht von den allgemeinen Einschränkungen abhalten, um zum Telefon zu greifen. Wir gehen allen Meldungen nach und selbstverständlich ruhen die bereits bekannten Fälle nicht, nur weil wir eine Corona-Pandemie haben.

Nun gibt es erweiterte Ansprüche auf Notbetreuung.

Das ist problematisch, dass die neueste Eindämmungsverordnung des Landes Brandenburg eine Erweiterung der Ansprüche auf Notbetreuung vorsieht. Schon jetzt ist der Betreuungsschlüssel in den Kindertagesstätten extrem ausgereizt. Wir befinden uns im Spagat zwischen Infektionsschutz auf der einen Seite und der Lebenswirklichkeit von Familien auf der anderen Seite.

Wie sieht die Hilfe für Kinder/Jugendliche sowie Frauen und/oder Männer aus, die zunehmender Gewalt und Vernachlässigung ausgesetzt sind? Wie werden die Betroffenen betreut?

Die Hilfeangebote in unserem Landkreis werden unabhängig von der Corona-Pandemie oder anderen besonderen Situationen aufrechterhalten. Die bekannten Nottelefone und Beratungsangebote für Kinder, Frauen, Männer und Familien sind besetzt. Im gesamten Landkreis stehen Fachkräfte den Kindern und Jugendlichen bei Problemen und Konflikten zur Verfügung, gern auch über soziale Netzwerke oder Einzelkontakte. Die Erziehungs- und Familienberatungsstellen halten Angebote vor. Man muss aber auch sagen, dass häusliche Gewalt nicht ein Phänomen der Pandemie ist. Unser Frauenhaus ist regelmäßig nahezu ausgelastet. Es sind steigende Fallzahlen im Bereich der ambulanten Beratung durch das Frauenhaus zu vermelden. Ich danke an dieser Stelle ausdrücklich dem Verein für Frauen.

Welche Hilfen stehen für Familien bereit?

Familien, die keine Betreuung nach dem Infektionsschutzgesetz erhalten, haben die Möglichkeit, beim Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit (Horstweg 57, 14478 Potsdam) einen Antrag für den Verdienstausfall zu stellen. Die Eltern erhalten im Jugendamt die notwendigen Formulare. Auch die Träger von Kindertagesstätten haben alle diese Informationen und Unterlagen von uns erhalten.

Schon jetzt kann das Jugendamt aus dem Schutzgedanken heraus die Betreuung von Kindern in der Tagespflege zulassen, falls dies als notwendig erachtet wird. Gibt es solche Fälle im Barnim?

Notbetreuungen für Kinder, die Hilfe zur Erziehung erhalten, werden gewährt, wenn das Jugendamt diese unter dem Gesichtspunkt des Kinderschutzes als geeignet betrachtet. Das hört sich jetzt  sehr gestelzt an. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass jedes Schicksal ernst genommen wird. Und es ist immer eine Gratwanderung für meine Kollegen und mich zwischen Amtspflicht und menschlicher Betroffenheit. Das ist sehr schwer. Die Kolleginnen und Kollegen im Jugendamt leisten tolle Arbeit.

Der Kreistag Barnim hatte zuletzt einige Maßnahmen in Sachen Kinderschutz und Arbeit des Jugendamtes zur Evaluierung und besseren Fallbearbeitung beschlossen, die der Landrat nunmehr beanstandet. Welche inhaltlichen Bedenken gibt es von Verwaltungsseite?

Nun ja, dem Landrat wurde ja mehrfach öffentlich unterstellt, er nähme den Kinderschutz nicht ernst. Dem ist definitiv nicht so! Vielmehr hatte er unter kommunalrechtlichen Gesichtspunkten gar keine Wahl. Der Beschluss greift in die Organisationshoheit eines Hauptverwaltungsbeamten ein und ist zu beanstanden, ob der Landrat will oder nicht. Es ist seine Pflicht. Mit einem gewissen Unwohlsein im Bauch haben wir uns unsere Rechtsauffassung auch vom Innenministerium, unserer Rechtsaufsicht, bestätigen lassen. Dennoch werden wir dem Kreistag im Juni erste Beschlussvorschläge unterbreiten.

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Sophie Beierlein 22.05.2020 - 19:00:46

Kommentar

Kinder in Drogenwohnungen dürfen bleiben aber wo es dem Kind gut geht da wird es dir weggenommen.

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