Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Lebenserinnerungen eines Brandenburgers
Wie Hans Joachim-Tietsche das letzte Kriegsjahr 1945 erlebte

Th. Messerschmidt / 24.05.2020, 05:15 Uhr - Aktualisiert 24.05.2020, 07:49
Brandenburg (BRAWO) Da es keinen Schulunterricht gab, waren wir Tag für Tag mit den Jungen aus der Nachbarschaft unterwegs, um etwas Essbares aufzutreiben. Dabei plünderten wir auch verlassene Barackenlager und fanden dort nicht selten Tabak oder Geld unter den Strohsäcken.

Wir konnten alles gebrauchen. Ob Schreibmaschinen, Wehrmachtsbeutel, Gebirgsjäger-Mützen mit dem dazugehörenden Edelweiß, Bergsteigerschuhe, Uniformhosen oder – jacken – nichts war vor uns sicher. Zum Beispiel bestand am Ende des heutigen Bollmannweges die Massowburg, ein Lager der Waffen-SS. Von dort holte ich mehrmals zu zweit, oft auch allein, viele nagelneue brauchbare Wehrmachtsartikel. Neben Taschen, Rucksäcken, Mützen, Glasschalen oder Schuhen gab es noch viele weitere Sachen. Das alles war nicht ungefährlich; denn russische Posten patrollierten um die Gebäude.

Trotzdem gelang es mir, an der Dachrinne hochzuklettern und durch das beschädigte Ziegeldach auf den Boden zu gelangen, wo diese schönen Dinge lagerten. Etliche Sachen haben wir dann später in einer Tauschzentrale – heute befindet sich darin das Modegeschäft von Manuela Pfahl in der Hauptstraße – gegen andere Produkte ganz legal tauschen können. Zum Jahresende 1945 gab es ein mit Stacheldraht umgebenes Viertel, in dem Angehörige der Hitlertreuen Wlassow-Armee und russische Zwangsarbeiter auf den Abtransport nach Russland warteten. Es umfasste die gesamte Johann-Strauß-Straße. Russische Posten sorgten dafür, dass keiner fliehen konnte. Er wäre zu dieser Zeit ohne Papiere sowieso nicht weit gekommen.

Da unser Schulweg täglich daran vorbei führte, wussten wir, dass sie gut verpflegt wurden. Nachdem wir alles ausgekundschaftet hatten, waren Giesela und ich des Abends mit Milchkanne und Kochgeschirr ausgerüstet unter dem Stacheldrahtzaun hindurch gerobbt. Diese Menschen, die dort auf engstem Raum leben mussten, schütteten uns bereitwillig ihre Suppenreste von den Tellern in unsere Gefäße. Unser Hungergefühl war so stark, dass es uns nichts ausmachte, die Reste zu essen. Da sie um Glühbirnen baten, es diese aber nicht zu kaufen gab, nahm ich einfach meine Schwester nach Einbruch der Dunkelheit auf die Schultern, damit sie noch vorhandene Birnen oberhalb von Hauseingängen ausschrauben konnte. Selbstverständlich war die Angst, dabei erwischt zu werden, groß – doch der Hunger war größer!

Im Hochsommer 1945 empfand ich einmal Todesangst. Gemeinsam mit dem Nachbarjungen Günter Rehbein stießen wir beim Stromern im Bootshaus an der Plauer Brücke auf ein Ruderboot und  ruderten damit am Abend bis in Höhe des Plauer Hofes wo wir es festmachten. Am nächsten Morgen, das Boot lag noch an derselben Stelle, ging es über den Quenzsee hinein in den Silokanal. Dort patrouillierte auf der Behelfsbrücke – die Quenzbrücke war gesprengt – ein russischer Wachposten. Wir waren längst unter der Brücke durchgefahren, als er laut "Stoy = Halt!" rief.

Vor lauter Angst aber ruderten wir aus Leibeskräften weiter. In dem Moment legte er sein Gewehr an und beide dachten wir jetzt "Oh Gott, gleich wird er schießen.". Er hatte nicht geschossen. Ein paar Wochen später war Günter Rehbein beim Auseinandernehmen von Panzergranaten in der Nähe des heutigen Zentralfriedhofs auf dem Görden buchstäblich zerrissen worden. Mit ihm starben noch drei weitere Jungen – er war 13 Jahre alt. Zu dieser Zeit lagen viele Waffen samt Munition herum, die so manch einem Kind oder Jugendlichen zum Verhängnis wurden. Zum Beispiel Gerhard Wühn – ein Klassenkamerad von mir. Er starb an den schweren Verbrennungen, die er beim Ausprobieren einer Panzerfaust erlitt. Gerhard war wie ich damals 15 Jahre alt.

Obwohl wir inzwischen wieder Lebensmittelkarten erhielten, fehlte es an vielen kleinen Dingen, die neben Brot, Fleisch Fett und Zucker zum Leben benötigt wurden. So mangelte es bei uns hauptsächlich an Salz, Zwiebeln und Süßstoff. In Magdeburg hingegen, das von den Amerikanern kontrolliert wurde, waren diese Sachen zu haben. So fuhr ich also am frühen Morgen mit der Straßenbahn bis kurz vor Plaue. Wegen der zerstörten Brücken eingangs Plaue sowie am Seegarten ging es über Holzstiege zu Fuß zum Bahnhof Kirchmöser. Durch die ebenfalls erfolgte Sprengung der Brücken in Brandenburg und Magdeburg fuhr der Zug auf der eingleisigen Strecke erst ab Kirchmöser und endete 10 Kilometer vor Magdeburg in Biederitz. Ab hier hieß es nun erneut: "Wozu ist die Straße da …".

War die Rückreise am gleichen Tag nicht möglich, hatte ich in verlassenen Garagen oder Lauben übernachtet. Angst dort zu schlafen hatte ich selten, die Müdigkeit war meist stärker. Überaus glücklich war ich, wenn es mir gelang, meiner Mutter Sacharin, Salz oder Zwiebeln mitzubringen. Selbstverständlich machte sie sich Sorgen um mich und ließ mich deshalb auch ungern fahren. Mir kam es jedoch wie ein Abenteuer vor, das schon damit anfing: wann kommt ein Zug und wirst du auch mitkommen? Kam er schließlich, so waren im Nu alle Abteile voll besetzt. Man musste daher nun entweder aufs Dach klettern oder sich seitlich auf dem Trittbrett festhalten. Aus heutiger Sicht undenkbar, blanker Horror!

Es war eine  äußerst harte, anstrengende und sehr beschwerliche Zeit. Besonders ältere Menschen waren dem nicht gewachsen und so sind viele von ihnen entweder verhungert oder erfroren. Laut Lebensmittelkarten standen uns Dreien wöchentlich zwei Brote zu. Um diese auch zu bekommen, mussten wir oft stundenlang auf dem Gördenweg vor der Bäckerei Wiese – heute Schneiderei Schön – anstehen. Nicht viel anders verhielt es sich  beim Fleischermeister Bäske – heute Physiotherapie Promnitz – wenn es hieß, es gibt Fleisch!

Als am Ende des Sommers die Felder abgeerntet waren, gingen wir Ähren lesen oder stubbelten Kartoffeln. Die Ähren kamen in einen Leinensack, auf den so lange geschlagen wurde, bis alle Körner herausfielen. Sodann trennten wir sie vom Spreu und den Ährenresten mittels zweier Schüsseln und etwas Wind. Nun begann das mühselige Mahlen per Hand mit der Kaffeemühle. Aus den Schalen der Körner, die neben dem Mehl abfielen, wurde eine Art Haferflockensuppe gekocht. Die gestubbelten Kartoffeln sind meist gerieben worden, kamen mit etwas Salz sowie einer geriebenen Zwiebel in kochendes Wasser und haben uns so als "Rübselsuppe" den Magen gefüllt. Es war eine schleimige Suppe, in der mehr Augen reinschauten als raussahen.

Da es selten Zucker gab, war der Heißhunger auf etwas Süßes groß. So besorgten wir aus Roskow Zuckerrüben, um daraus Sirup herzustellen. Es war jedes Mal eine sehr schmutzige, aufwendige Arbeit, die wir nur im Waschküchenkeller verrichteten. Als Erstes wurden die Rüben gewaschen, dann in Stücke geschnitten, im Waschkessel gekocht und mittels einer Holzpresse ausgepresst. Danach musste der Rübensaft unter ständigem Rühren sechs bis acht Stunden kochen, ehe es je Zentner etwa sechs Gläser Rübensirup ergab. In dieser Zeit sahen die täglichen Rationen unserer Mahlzeiten wie folgt aus: Zum Frühstück bekam jeder zwei Schnitten Brot mit Marmelade, Pflaumenmus oder Sirup.

Mittags gab es eine dünne Suppe aus Mehl oder Gemüse -  dazu zählte auch die Rübselsuppe, meist ohne Fett. Am Abend waren es ebenfalls zwei Schnitten Brot für jeden. Als Belag diente etwas Salz und wenn vorhanden Tomaten, Gurkenscheiben oder Obst. Wurst, Käse, Butter oder gar Milch waren Raritäten, die man nur auf dem sogenannten Schwarzmarkt erhielt. Ein Fleischgericht als etwas Besonderes war meist nur sonntags möglich. Da ein Brot etwa 30 Schnitten hergab, kann  man sich ausrechnen, wie lange zwei Brote in der Woche reichten. In jenen Tagen hing ein kleiner Spruch an der Wand unseres Korridors: "Wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her!". Mit anderen Worten, verzage nie – wenn die Not am größten, ist der Helfer am nächsten!

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG