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Virtuelles Semester
Corona-Planspiele an der Viadrina – Kommt die Gesundheits-App?

Online-Interview: Timm Beichelt, Professor für Europastudien an der Viadrina in Frankfurt (Oder), im Video-Chat.
Online-Interview: Timm Beichelt, Professor für Europastudien an der Viadrina in Frankfurt (Oder), im Video-Chat. © Foto: Nancy Waldmann
Nancy Waldmann / 24.05.2020, 07:00 Uhr - Aktualisiert 24.05.2020, 10:48
Frankfurt (Oder) (MOZ) Timm Beichelt, Professor für Europa-Studien an der Viadrina in Frankfurt (Oder), musste aufgrund des virtuell stattfindenden Semesters, kurzfristig umdisponieren. Statt politischer Befindlichkeiten in Frankfurt 30 Jahre nach der Wende steht nun Krisenbewältigung in Corona-Zeiten in seinem Seminarplan. Die MOZ sprach mit ihm.

Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Corona-Blog.

Herr Beichelt, wann haben Sie sich überlegt, dass Sie die politische Bewältigung der Coronakrise thematisieren?

Bei dem geplanten Seminar zu Frankfurt sollten eine Reihe öffentlicher Veranstaltungen und Interviews stattfinden. Ende März war dann klar, dass ich das wegen der Pandemie nicht durchführen kann. Als Ersatz wollte ich nicht einfach etwas aus der Schublade nehmen. Die Universität soll ja am Puls der Zeit sein.

In dem Seminar machen die Studierenden Planspiele in virtueller Form. Wie läuft das ab?

Letzte Woche hatten wir eine Debatte des Parlaments von Fontanien, ein ausgedachtes Land. Es gab sechs Parteien mit vorgegebenen Programmen, etwa eine Wirtschaftspartei, eine Umweltpartei, eine Partei "Freies Fontanien", eine Partei "Fontanien First". Die 15 Seminar-Teilnehmer müssen die Positionen ihrer jeweiligen Partei durchkriegen. Die Debatte fand online statt mithilfe einer speziellen Software, moderiert von einer ehemaligen Viadrina-Studentin und Mitarbeiterin des Unternehmers planpolitik.de. Diskutiert wurde, ob eine Gesundheits-App Pflicht wird und wie weit die Befugnisse der Polizei bei der Überwachung gehen sollen.

Wer hat sich durchgesetzt?

Naja, man sah gut, wie zwiegespalten das liberale Lager ist. Die an Bürgerrechten orientierte Partei "Freies Fontanien" und die Wirtschaftspartei haben beide den Drang zur Freiheit. Aber die Wirtschaftspartei muss auch die Wirtschaft schützen und darf deswegen nicht zu viele Infektionen zulassen, deswegen ging sie eher doch in die restriktive Richtung und plädierte sogar für den Einsatz von Drohnen auf öffentlichen Plätzen, um das Abstandsgebot zu kontrollieren. In Belgien wurde das übrigens tatsächlich gemacht. Die Bürgerrechtspartei argumentierte dagegen, sie wollte, dass Leute aus Risikogruppen selbst entscheiden, inwieweit sie sich unter die Leute mischen. Die rechtspopulistische Partei "Fontanien First" hingegen hatte Schwierigkeiten eine Linie zu der Gesundheits-App zu finden. Denn einerseits darf der Staat nicht zu stark werden, andererseits soll Recht und Ordnung herrschen.

Warum simulieren Sie die Coronadebatten in Planspielen anstatt die realen Debatten der letzten Wochen zu analysieren?

Um sich zu vergegenwärtigen, was politische Akteure treibt, wenn sie Entscheidungen treffen – und zwar auf nationaler Ebene und auch auf EU-Ebene. Corona ist ein guter Anlass um über die Umstände solcher Entscheidungen nachzudenken. Viele können sich nicht gut vorstellen, dass Dinge, die in Deutschland entschieden werden, anderswo Auswirkungen haben: Hätten die Politiker in Italien früher Alarm geschlagen, säßen wir jetzt vielleicht nicht alle im Homeoffice. Hätten deutsche Politiker früher die ein oder andere Schutzmaske geliefert, als sie hier noch vorhanden waren und in Italien nicht, dann wäre die europäische Solidarität nicht so sehr in Mitleidenschaft gezogen worden. Im zweiten Planspiel simulieren wir die Debatte im Europäischen Rat der Staats- und Regierungschefs.

Ihre Leitfrage im Seminar ist ja: Entwickelt sich ein neuer Politikmodus aus dieser Krise?

Zumindest zeigt sich, dass der Begriff "Sicherheit" gesellschaftlich jetzt ganz anders konnotiert ist als vor Monaten. Wenn vor Corona etwas zu Sicherheit in der Zeitung stand, dann ging es um Klima oder Migration. Jetzt geht es um die eigene Gesundheit – und auch um die aller anderen. Es geht um Fragen, inwiefern individuelle Gesundheit und gesellschaftliche Solidarität zusammengehören. Vielleicht könnte die eigene Oma krank werden, vielleicht sind die Großeltern aber auch schon gestorben – hat man dann trotzdem Verantwortung für die Großeltern von anderen? Wer gehört zum Kreise derer, mit denen man solidarisch ist?

Hat es Sie als politischen Beobachter überrascht, wie wenig solidarisch man sich in Europa in der Corona-Krise miteinander gezeigt hat?

Mich hat die ungeschickte Rhetorik vieler deutscher Politiker gewundert, vor allem in der ersten Phase. Letztlich stellt Deutschland mehr Hilfe bereit als China und Russland zusammen, aber die beiden Länder machten die PR. Es hätte viel früher Gesten der Empathie mit Italien oder Spanien geben können. Man hätte mit den europäischen Partnern sprechen können, bevor man die Grenzen schließt. So wie die polnische Regierung hier Frankfurt und den Pendlern die Türen vor der Nase zugeschlagen hat, hat es Baden-Württemberg gegenüber dem Elsass gemacht. Die deutschen Politiker, von denen die meisten überzeugte Europäer sind, meinten jedoch, vorrangig nationale Signale senden zu müssen – ohne zu sehen, dass man allzu nationalistisch dastehen könnte. Man hätte auch sagen können: Wir schützen unsere Bevölkerung UND wir sind solidarisch.

Was wird aus dem abgesagten Seminar zu Frankfurt?

Ich denke, ich hole das Seminar in einem Jahr nach. Es geht dabei um die zwei widersprüchlichen Erzählungen zu Frankfurt: einerseits der Ort der Tristesse und der misslungenen Transformation nach 1989. Andererseits: das weltoffene Frankfurt, das Flüchtlinge aufnimmt. Das will ich mit den Studierenden ergründen.

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