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Oberstufenzentrum
Kreis sucht nach Gründen, um Berufsschüler aus Bernau abzuziehen

Standort Bernau hat Zugkraft: Lehrer Stefan Dethlefs unterrichtet am Oberstufenzentrum I in Waldfrieden Berufsschüler im ersten Ausbildungsjahr.
Standort Bernau hat Zugkraft: Lehrer Stefan Dethlefs unterrichtet am Oberstufenzentrum I in Waldfrieden Berufsschüler im ersten Ausbildungsjahr. © Foto: Wolfgang Rakitin
Sabine Rakitin / 13.06.2020, 07:00 Uhr - Aktualisiert 25.06.2020, 14:04
Bernau (MOZ) Es ist kurz nach 21 Uhr, als die stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Bildung und Kultur (A7), Katja Hoyer (Bündnis 90/Grüne), den Tagesordnungspunkt "Information der Verwaltung zur Perspektive der Oberstufenzentren im Barnim" aufruft. Drei Stunden haben die Mitglieder des A 7 bereits getagt. Von den etwa 30 Besuchern, die die Beratung anfangs verfolgten, sind etliche bereits gegangen, darunter auch Schüler des Oberstufenzentrums in Bernau, um das es jetzt gehen soll. Ihre Lehrer – immerhin 18 an der Zahl – halten aus. Sie wissen: Für das OSZ geht es um alles.

Die Schulverwaltung hat eine Beschlussvorlage erstellt, nach der die beiden OSZ in Bernau und Eberswalde zu Beginn des Schuljahres 2020/21 zu einem Oberstufenzentrum Barnim verschmolzen werden sollen.  Gleichzeitig ist geplant, die Abteilung berufliche Bildung aus Bernau abzuziehen und dem Standort in der Kreisstadt zuzuschlagen. Der OSZ-Teil in Bernau soll später um ein "allgemeinbildendes Angebot" erweitert werden. Soweit der Plan.

Eigentlich sollte der Kreistag in seiner Sitzung am 10. Juni die Beschlussvorlage behandeln. Doch durch die Corona-Pandemie kommt die Kommunalpolitik für fast zwölf Wochen zum Erliegen. Weil keine Ausschusssitzungen stattfinden, entscheiden Landrat und Kreistagsvorsitzender, die Beschlussvorlage zurückzustellen, bis die Gremien wieder tagen dürfen. Zugleich dringen die Pläne aus dem Barnimer Schulverwaltungsamt an die Öffentlichkeit. Insbesondere die Bernauer Stadtverordneten sind außer sich. Keine zwei Jahre zuvor war aus dem OSZ bereits eine Abteilung nach Eberswalde verlegt worden. Der neuerliche Vorstoß aus der Kreisverwaltung zur Strukturveränderung wird als Angriff auf den Standort Bernau begriffen. Der Abzug der Berufsschüler gefährde die Bildungsvielfalt, sind sich die Fraktionen einig.

Unterdessen schafft das Schulverwaltungsamt vollendete Tatsachen. Das Bernauer OSZ verliert zwei Häuser an das benachbarte Barnim Gymnasium. Das brauche mehr Räume, führt Ilona Forth, Leiterin des Barnimer Schulverwaltungsamtes, am Donnerstag im A 7 aus. Gerade im Niederbarnim gebe es zu viele Anmeldungen zum neuen Schuljahr und zu wenige Plätze an den Gymnasien. Das Barnim Gymnasium – jetzt fünfzügig – müsse deshalb siebenzügig werden. Schulrat Hardy Schalitz schiebt später hinterher: "Die Räume im OSZ stehen sowieso leer..." Den am OSZ unterrichtenden Lehrern auf den Besucherrängen ist das neu...

Der zuständige kommissarische Dezernent Ronny Baaske versichert, es sei klarer Wille des Landkreises, beide OSZ-Standorte zu sichern "und nicht zu schwächen oder zu schließen". Seine Amtsleiterin Forth spricht von einer "attraktiven Bildungslandschaft im Landkreis", die durch "eine hohe Qualität und Vielfalt" gekennzeichnet sowie auf den "Verbleib junger Menschen im Barnim und die Zuwanderung junger Menschen in den Landkreis" ausgerichtet sei. Wie sie dann darauf kommt, die schulische Berufsausbildung aus der Zuwachsregion Niederbarnim zu eliminieren, bleibt allerdings ihr Geheimnis.

Dafür argumentiert Schulrat Schalitz mit angeblich zu vielen Lehrerstellen und zu wenigen Schülern. "Wenn wir beide OSZ zusammenschließen, brauchen wir beispielsweise nur noch einen Lehrer und nicht zwei", bemerkt er. Steffi Schneemilch (SPD) überzeugen die Äußerungen nicht. Im Gegenteil: "Niemand aus der SPD-Fraktion kann dieser Vorlage zustimmen", ist sie sich sicher. Die Duale Berufsausbildung müsse auf jeden Fall am Standort Bernau erhalten bleiben. "Rationalisierungsmaßnahmen in diesem Bereich sind ganz, ganz schlecht", sagt die Eberswalderin.

Das bringt auch Frank Nieweg vom Lehrerrat zum Ausdruck. "Die Schwächung unsere Oberstufenzentrums findet bereits statt", sagt er. Schüler würden fragen, ob es überhaupt noch Sinn mache, sich zu bewerben. Zudem bestehe die Gefahr, dass sich Lehrer woanders hin orientieren. "Ein Drittel kommt aus Berlin", bemerkt er vielsagend.

Keine Mehrheit im Kreistag

"Warum wählen Schüler das OSZ an?" fragt Frank Nieweg und antwortet gleich selbst: "Ganz klar wegen der beruflichen Bildung". Bei der Gelegenheit korrigiert er gleich mal  die Zahl der Schüler in der Berufsgrundbildung, die Schulrat Schalitz kurz zuvor mit 33 angegeben hatte. "Das sind mit 64 fast doppelt so viele", stellt Nieweg als Leiter dieses Bildungsganges klar. Der Standort Bernau habe Zugkraft, sagt er. "Ob sich die Jugendlichen in Eberswalde bewerben werden, ist zumindest fraglich."

Letztlich wird am Donnerstag deutlich:  Die Verwaltung ist mit ihrer Vorlage von einer zustimmenden Mehrheit im Kreistag weit entfernt. Dezernent Baaske verkündet, dass das Thema nicht, wie bisher vorgesehen, im September auf die Tagesordnung des Bildungsausschusses  kommt, sondern "frühestens im Oktober/November" und dann offenbar mit anderem Inhalt.

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