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Erholung
Wolle und Wandern im Sarntal in Südtirol

Larissa Loges / 21.06.2020, 04:45 Uhr
Reinswald (dpa) Sarner Toppar sind urgemütliche, handgefertigte Hausschuhe – und eine Beleidigung. "Toppar, kein nettes Wort. Früher wurde gesagt, die Sarner wären immer fünf Jahre hinterher", erklärt Albert Unterweger in seiner Werkstatt, deren Oberlichter den Blick auf Südtiroler Almwiesen und Wälder freigeben.

Tatsächlich wirkt die Wollmanufaktur fortschrittlich. Und das trotz betagter Maschinen, von denen eine "so alt wie der Papa ist" – 85 Jahre also. Vater Josef war es auch, der in einer Zeit, als alle anderen aufhörten, als Handweber 1968 den Betrieb gründete. Sohn Albert (46) erklärt geduldig, wie bei ihm die klassischen Sarner Jangger (Jacken), Teppiche, Kissen und noch einiges mehr entstehen – beliebte Mitbringsel von Touristen.

Aus prallgefüllten Säcken quillt Schafwolle in allen Farben der Natur. Die Wolle wird zunächst sortiert. "Nach Farbe, Feinheit, Länge, Rasse, um möglichst einheitliche Partien daraus zu machen", erläutert der Handweber. Dann wird gewaschen, bei 20 bis 25 Grad im Stahlbecken. Anschließend geht es zum Trocknen in eine Art überdimensionierte Salatschleuder. Selbst gebaute Trockenrahmen entziehen die Restnässe. Der Bergwind hilft. Unterweger klaubt ein Bündel Wolle aus dem Rahmen. Gut fühlt es sich an, minimal ölig. Nur leicht kann man das Schaf erschnuppern. "Bei unserem Waschprozess bleibt etwas Restfett, das ist gut für die Verarbeitung", also fürs Kämmen, Spinnen, Verstricken und Nähen.

Der Südtiroler ist stolz auf seine Produkte. Der Rohstoff werde so behandelt, dass er seine guten Eigenschaften behalte. Heimische Schafe liefern die Wolle. "Unsere Wolle kommt vom Berg zu uns, geht aus dem Geschäft zum Kunden", sagt der Familienvater. "Solange es Leute gibt, denen das bewusst ist, können wir das machen." Das Geschäft sei eine Nische, so Unterweger, "in der wir uns wohlfühlen." Der Sarner Jangger ist in Schnitt und Modell traditionell.

Wohltuendes Öl der Latschenkiefer

Ein echtes regionales Naturprodukt sind auch die Öle des Familienunternehmens Eschgfeller. Latsche, Weißkiefer, Lärche, Fichte, Wacholder, Zirbe und Weißtanne landen hier nach dem Destillationsprozess, den man auch besichtigen kann, 100 Prozent naturrein und biozertifiziert in Flaschen und Flakons. Die Familie exportiert 2000 Liter Öl jährlich nach Deutschland und Österreich. Ein Teil wird vor Ort verkauft und im Wellnessbereich des eigenen Betriebs genutzt.

Zu Klassikern wie Privatsauna, Massagen, Depilation oder Peelings kommt das "Original Sarntaler Latschenkiefernbad". Mit Heugabel und in Gummistiefeln wirkt Christine Eschgfeller keinesfalls wie eine typische Kosmetikerin. Unter dem Holzüberstand in freier Natur legt sie ihre Kundschaft in das Material, das vom Latschenölbrennen übrig bleibt. 50 bis 60 Grad warm ist das wohlige Bett aus den vom Wasserdampf erhitzten Nadeln, Zweiglein und Holzstückchen. Der Geruch liegt zwischen ofenfrischen Zimtschnecken und orientalischem Tabak. Der Blick fällt auf schneegesprenkelte Bergrücken und saftig grüne Wiesen, im Ohr das Rauschen des Bachs. Sanft streicht die gelernte Masseurin mit einem befeuchteten Tuch übers Gesicht. Natur-Wellness nach Sarntaler Art.

Die Arbeit am Berg auf 1800 bis 2300 Höhenmetern sei heute noch echte Handarbeit mit Säge und Axt, sagt Eschgfeller. Gerodet werde in enger Abstimmung mit der Forstbehörde. "Es wächst mehr Latsche nach, als wir entnehmen." Das liegt am sauren Boden vulkanischen Ursprungs. Das Latschenbad endet mit dem "Abkneippen". Bedeutet: Handtuch weg, Schlüpfer aus und dann prickelnd kaltes Wasser. Im Ruheraum entspannt man unter einer Zirbenbogendecke.

Wanderrouten im Sarntal

So viel Erholung macht fit für den Berg, immer den Latschen auf der Spur. Im Sarntal werden sie Reischn genannt. Die Kabinenbahn schwebt ab Reinswald zur Bergstation Pichlberg auf 2130 Meter: Startpunkt des Urlesteigs, der zum 500-Kilometer-Wanderwegenetz der Sarntaler Alpen gehört. Da surren Wasserräder zwischen Latschenwäldchen im Gebirgsbach, Teiche können mit dem Floß gequert werden, und ein Latschenlabyrinth verspricht Abenteuer.

Ebenso familientauglich ist der Rundweg um den Durnholzer See: Natur pur mit Blick auf die Kirche und Almblumenidyll. Wenige Fahrkilometer entfernt, im "Santerhof" in Unterreinswald, können Kinder ihre Pizza auf Holzbänken im Garten gemeinsam mit Enten, Schafen, Ziegen, Hasen, Meerschweinchen, Katzen und Igeln verschmausen. Ab der Sarner Skihütte auf 1618 Meter kann man auch über die Auener Alm mit netter Gastschenke zu den Stoanernen Mandln auf der Großen Reisch aufbrechen, eine gut 2000 Meter hohe Bergkuppe. Um den Nachwuchs zu tragen, braucht es hier die Kraxe. Oben wartet eine wahre Steingestalten-Armee samt Dolomitenblick.

Weniger alpin ist der Sagenweg in Aberstückl. Schüler der lokalen Grundschule haben den Weg gemeinsam mit Forstbehörde und Tourismusverein gestaltet. Schmale Pfade, Weiden, Holzbrücken, Wasserfälle, Geröllfelder und immer wieder liebevoll erdachte Stationen zur Sagenwelt der Region, vom Vogel Greif bis zum goldenen Kegelspiel. Nur die Anfahrt ist etwas schwierig: Hat man es in den Ortskern von Aberstückl geschafft, geht der Sagenweg nach Weiterfahrt auf der Aberstückler Höfestraße in der siebten Kehre ab. Parkplätze sind rar.

Eine besondere Handwerkskunst

Zurück im Tal markiert ein Pfau lautstark sein Revier auf einem der pittoresken Höfe. Pfauenfedern sind das Ausgangsmaterial eines weiteren traditionellen Gewerks im Sarntal. Federkielsticker Ulrich Thaler streicht im Untergeschoss des Familienbetriebs locker über ein Bündel Federn. "Im Juli, August verliert der Pfau die Federn, dann kommen wir beziehungsweise die Bauern und sammeln sie auf", erklärt er. Verwendet werden Federn von 80 bis 90 Zentimetern Länge aufwärts. Nicht der schöne grün-blau-schillernde – sondern der untere Teil. In fast kontemplativer Feinarbeit werden durch Spaltung aus den Federn je sechs bis acht Stickfäden gemacht – die Federkiele. Diese werden dann zu filigranen Motiven auf Rinds- und Kalbslederprodukte verstickt.

"Seit etwa 250 Jahren gibt es das Handwerk der Federkielstickerei. Wir haben immer noch die gleiche Arbeitstechnik wie damals", berichtet Thaler. Vier bis fünf Jahre dauere die Lehre. Der Fachmann zeigt auf einen opulent bestickten Trachtengürtel. "100 Arbeitsstunden, der ist etwa 5000 Euro wert. Wenn wir ganz aufwendig sticken, kann es den Preis eines Kleinautos haben." Solche Gürtel sind Statussymbole und Erbstücke. Sie werden vor allem von Schützengesellschaften, Musikgruppen und Trachtenvereinen bestellt. Lieferzeit: bis zu zwei Jahre. Auf Geldbörsen oder Schlüsselanhänger wartet man hingegen "nur" rund acht Wochen. "Unser Handwerk braucht so gut wie keine Maschinen", betont Thaler. Etwa 1500 Stiche macht ein erfahrener Federkielsticker am Tag.

"Ein arbeitsames Tal mit arbeitsamen Leuten", so beschreibt Handweber Albert Unterweger seine 7000-Einwohner-Heimat, flächenmäßig die größte Gemeinde Südtirols. Die frühere Abgeschiedenheit des Sarntals hat seine Bewohner erfinderisch und das Haushalten mit Ressourcen zur Prämisse gemacht. Man nennt es dieser Tage Nachhaltigkeit.

Service

Reiseziel: Das Sarntal ist ein etwa 45 Kilometer langes Alpental in Südtirol zwischen dem Penser Joch und der Stadt Bozen. Es liegt in den gleichnamigen Sarntaler Alpen.

Adressen: Wollmanufaktur Unterweger, Europastraße 27/D, 39058 Sarnthein, Italien (Tel.: +39/(0)471 62 00 40, info@unterweger.bz). Eschgfeller Natur Erleben, Unterreinswald 17, 39058 Sarntal, Italien (Tel.: +39/(0)471 62 51 38, E-Mail: info@eschgfeller.eu). Federkielstickerei Thaler, Rohrerstraße 41, 39058 Sarnthein, Italien (Tel.: +39/(0)471 62 32 58, E-Mail: info@federkielstickerei.com). Vor dem Besuch die Öffnungszeiten prüfen.

Informationen: Tourismusverein Sarntal, Kirchplatz 9, 39058 Sarnthein, Italien (Tel.: +39/(0)471 62 30 91, www.sarntal.com).

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