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Falscher Trainer
Der Blender mit den Urkunden

Gunnar Fichte, Jens Sell / 25.06.2020, 08:00 Uhr - Aktualisiert 25.06.2020, 11:43
Strausberg (MOZ) Wenn Sven B. (Name geändert) Wichtiges verkündet, dann scheut er nicht den großen Vergleich. Groß, das heißt mit Winston Churchill: "Schweiß, Tränen und sogar Blut" habe er vergossen. B. streamt an diesem Tag im April auf YouTube aus seiner Karateschule in einem Ort bei Strausberg: "Ich habe nämlich", er macht Pausen, um seinen Worten mehr Bedeutung zu verleihen, "bis heute früh zwei Uhr fast jeden Tag – insgesamt zehn Tage – Prüfung gehabt." B., mit Brille, Turnschuhen und Sportshirt, das über den Bauch spannt, entrollt ein A 3-Blatt: Sechster Dan, eine der höchsten Stufen im Karate. Er hält die Urkunde ins Bild und lächelt stolz.

Die Prüfung kann es aber nicht gegeben haben. Und mehr noch: B., 1985 geboren, behauptet, als Ausbilder für Kriminalämter zu arbeiten, Profiler, Psycho- und Hypnosetherapeut zu sein. Auf YouTube, Instagram und Facebook baut er seine Lügenwelt auf. Man könnte ihn und seine Live-Streams als die Geschichte eines Hochstaplers abtun, der nicht noch mehr Aufmerksamkeit bekommen sollte, wenn er nicht mit Hypnose ein Kind in Gefahr gebracht hätte: Bewusstlosigkeit, Notärztin, drei Tage Krankenhaus.

Abgeklopft: Klingt hohl

150 US-Dollar habe die Prüfung gekostet, sagt er im Stream. Die amerikanische Intercontinental Martials Arts Union (IMAU) und ein japanischer Verband hätten ihn geprüft, wegen des Coronavirus über Video. Die IMAU prüft aber nicht. Sie ist nach eigenen Angaben auch kein Verband. Sie verkauft Anerkennungen von Kampfsport-Graduierungen in Form von seriös anmutenden Zertifikaten. Wer 150 US-Dollar bezahlt, ist Mitglied und kann einen Schwarzgurt registrieren. Jährlich kommen 10 US-Dollar Gebühr hinzu, weitere Urkunden kosten weitere Dollars. Das ist mindestens eine dunkle Grauzone. Die IMAU sichert sich ab: Auf der Urkunde steht nur, dass eine Person eine Graduierung in ihrem Kampfsystem hat. B., Zertifikat Nummer 1253, hat den sechsten Dan im Yuukikai Karate. Einem Stil, den er sich ausgedacht hat.

Dieser Zeitung sagt er, sein Stil sei vom japanischen Kampfkunstministerium anerkannt. Das Problem: "Es gibt in Japan kein Ministerium für Kampfkunst", sagt Verena Blechinger-Talcott, Professorin für Japanologie an der Freien Universität Berlin, "Kampfkunst, wie alle Sportarten, untersteht in Japan dem Ministerium für Erziehung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie."

Der Dainippon Butokukai (DNBK) mit Hauptsitz in Japan, sagt B. im Video, soll ihn ebenfalls geprüft haben. Die Geschichte dieses internationalen Kampfkunstverbands reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Wolfgang Wimmer ist seit 20 Jahren Deutschland-Repräsentant. Sven B.? "Nie gehört." Wimmer ist sich "zu 99,9 Prozent sicher", dass er den sechsten Dan nicht durch den DNBK verliehen bekommen hat. Deutsche, die durch die Großmeister in Japan geprüft werden möchten, sagt Wimmer, kämen an seiner persönlichen Empfehlung nicht vorbei. Außerdem seien die Prüfungen in Kyoto in diesem Jahr wegen Corona verschoben worden. Die Urkunde, die B. in die Kamera hält und in den sozialen Medien teilt, "ist keine DNBK-Urkunde". Wimmer will sichergehen, dass er in keinem anderen Landesverband ist. Ein paar Tage später kommt die E-Mail: "Es gibt weltweit kein Mitglied mit dem Namen Sven B."

Sieht sehr nach Selbstverleihung aus

Zwei Prüfungen immerhin sind verbürgt: B., der aus Eberswalde stammt, macht im April 2014 im Verein Isamu Karate den ersten Dan, zwei Jahre später den zweiten. Kurz darauf bricht er mit seinem Trainer Ralf Schulz und geht den Weg, der zu YouTube und Hypnose führt. Im Oktober 2017 wird er Mitglied bei der IMAU. Und hat plötzlich den fünften Dan. Innerhalb von einem Jahr soll er drei Stufen erklommen haben. In der Karatewelt unmöglich. Über seinen ehemaligen Schüler sagt Schulz, er sei "ein Selbstdarsteller in Richtung Größenwahn", und es sei bezeichnend, "warum er keinem der etablierten Verbände angehört."

Karsten Sell, Karateka und Ju-Jutsu-Trainer, hat sich für diese Zeitung die Auftritte und Äußerungen von B. im Internet angeschaut. "Was auffällt: Nirgends ist ein Verweis auf den Dachverband zu finden", sagt er, "normalerweise sind Sportvereine auf Landes- und Bundesebene im Deutschen Karate Verband (DKV) gemeldet." Doch Yuukikai-Karate ist kein offizieller Stil der World Karate Federation. Dass er ihn angeblich selbst entwickelt hat, erkläre, warum B. mit Mitte 30 bereits den sechsten Dan hat. "Sieht nach Selbstverleihung aus", sagt Karsten Sell, "Wer soll ihn prüfen, wenn es sein Stil ist?" Vertretungen seines Stils in den von ihm genannten Ländern sind im Internet nicht zu finden – einzig die Niederlassung in der Berliner Kulturbrauerei, als Untermieter einer Tanzschule, existiert. Für Sven B. sind akribische Nachfragen nach seinem sechsten Dan nur aus Missgunst geboren. Mit ihnen konfrontiert, schreibt er: "Jeder meiner Schüler weiß, wie diese Graduierung zustande kam." Die IMAU, in der er Mitglied ist, seit er den DKV verlassen hat, in dem er "nur eine Wettkampfplattform sah", habe ihm den fünften Dan zuerkannt. Sie habe seine Bewerbung evaluiert und ausgerechnet, "welchen Gürtel ich eigentlich haben sollte, als jemand, der 1995 mit der Karateausbildung begonnen hat". Von einer zehntägigen Prüfung zum sechsten Dan ist plötzlich auch keine Rede mehr. Als Beweis führt er seine E-Mail-Signatur an: Da stehen beide Graduierungen, der zweite Dan im Shukokai und – jetzt – der sechste Dan im Yuukikai-Stil. Bei seinen YouTube-Auftritten sagt er das nicht. Weiter schreibt B.: "Ich habe nie behauptet, vom DNBK geprüft worden zu sein, sondern lediglich ausgesagt, dass mein Gürtel und mein Stil, entsprechend den Aussagen unseres Verbandes, auch in Japan anerkannt sind." Hiergegen stehen seine anderslautenden Aussagen in seinem eigenen Stream.

B`s. fragwürdige Graduierung ist das eine, seine Karate-Kompetenz, also die exakte Ausführung von Techniken, ist das andere. Karsten Sell sagt zu B`s. YouTube-Kanal: "Seine Lehrvideos sind Beispiele dafür, wie man es besser nicht machen sollte. Seine Ausführung ist furchtbar." Dennoch sollte er wissen, wie Techniken richtig ausgeführt werden und Schüler korrigieren. "Absolut unseriös, um nicht zu sagen gefährlich, sind seine Tipps bei einer Vergewaltigung", sagt Karsten Sell, "Der ausgebildete Trainer für Frauenselbstverteidigung in unserem Verein, der hauptberuflich Polizist ist, würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen."

Zwischenfall nach Hypnose

Anne-Cathrin Gierke ist ebenfalls deutlich: "Er lebt in seiner Traumwelt." Als Jugendliche hat sie Karate auf Wettkampfniveau trainiert. Sie lebte ein Jahr lang in einem japanischen Shaolin-Kloster. B. holt sie 2017 als Co-Trainerin an seine Schule, damals noch im Nachbarort Neuenhagen. Die Rettungssanitäterin bricht mit ihm, wie viele in seinem Umfeld. Gürtel seien bei Prüfungen "quasi verschenkt" worden, um zahlende Mitglieder bei Laune zu halten. Er bringe Kindern bei, wie sie angeblich Angreifer mit Pistole entwaffnen können – extrem prob­lematisch. "Ich konnte nicht hinter den Methoden stehen", sagt sie. Erst recht nicht, als er versuchte, Hypnose in das Karatetraining einzubeziehen.

Ein besonders krasses Beispiel ereignet sich am 21. Dezember 2017, einem Donnerstag. Sophie H., zu dem Zeitpunkt 13 Jahre alt, wird von B. zum zweiten Mal in dieser Woche nach dem Training hypnotisiert, wie auch zwei weitere Kinder. Schon beim ersten Mal wacht Sophie nicht gleich wieder auf. Doch diesmal bekommt sie während der Hypnose einen Krampfanfall. Sie sei 45 Minuten lang bewusstlos gewesen, steht im Arztbericht, sie habe die Umgebung wahrnehmen, aber die Augen nicht öffnen können. B. ruft nicht sofort den Notarzt, sondern Anne-Cathrin Gierke. Die Rettungssanitäterin eilt zur Hilfe und wählt den Notruf. H., die Mutter, ist auf Arbeit, als sie angerufen wird. Sie fährt sofort in die Karateschule. Ihre Tochter habe an Händen und Füßen gezittert. Nach drei Tagen, einen Tag vor Weihnachten, wird Sophie aus dem Krankenhaus Rüdersdorf entlassen.

Sven B. weist auf Anfrage alle Schuld von sich – und schiebt diese gar auf die Mutter H. Sie habe eine Vorerkrankung von Sophie verschwiegen. Doch H. sagt: "Hätte ich von Hypnose gewusst, ich hätte nie mein Einverständnis gegeben." B. behauptet sogar, nicht er habe Sophie hypnotisiert, sondern Gierke habe mit den Schülern eine "geführte Meditation" gemacht. Dabei hätten die Schüler sich nach einem anstrengenden Training bei der Co-Trainerin auf Yogamatten zu Musik entspannt. Sophie sei nicht aufgewacht, auch nicht durch Rütteln. Also habe er zuerst Puls und Atmung geprüft, "beides normal", und versucht, sie mit Hypnosetechniken aufzuwecken.

"Er verleugnet die Realität"

Das hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun, was Anne-Cathrin Gierke bestätigt – wie auch ihr Partner Michael Kruska, der sie begleitete, und der Arztbericht. Darin steht: "Vor Beginn des Krampfanfalls sei Sophie vom Karatelehrer hypnotisiert worden." Und Gierke sagt: "Wir waren nach dem Training schon wieder zu Hause, als Sven mich anrief und sagte, es gebe ein Problem. Sophie wache nicht mehr auf. Ich fragte ihn, was passiert sei. Und er antwortete: Er habe sie hypnotisiert."

Yogamatten? Meditation? Hypnose? Gierke versichert, sie habe lediglich Dehnungsübungen mit Sophie und den Schülern gemacht, um nach dem Training runterzukommen. Bei diesem Vorfall habe sie zum ersten Mal bemerkt, dass B. tatsächlich Karateschüler hypnotisiert. "Für mich war das der Auslöser – neben seiner ganzen sportlichen Unfähigkeit –,  die Mitgliedschaft im Februar 2018 zu kündigen. Ich bin dann seinerseits von ihm erbost als Co-Trainerin gekündigt worden, das habe ich schriftlich." Was ihn nicht daran hindert, Gierke nach wie vor auf seiner Homepage als seine Co-Trainerin zu führen und in der Stellungnahme dieser Zeitung gegenüber zu behaupten, sie arbeite weiter mit ihm zusammen. "Er verleugnet standhaft die Realität", fasst Gierke zusammen. Seit zwei Jahren fordert sie B. vergeblich auf, die Homepage zu korrigieren.

Etwas hat er wohl gelernt: Hypnose werde bei ihm grundsätzlich nur ab 18 unterrichtet, schreibt B. in der Stellungnahme. "In Ausnahmefällen bei Einführungen für Interessierte, auch Jugendlichen, aber ausschließlich, wenn diese vorher die schriftliche, informierte Einverständniserklärung der Eltern vorlegen." Karsten Sell sagt dazu: "Hypnose hat im Breitensport nichts zu suchen. Und mit Minderjährigen? Das geht gar nicht."

Doch B. gibt immer wieder vor, sich mit Psychologie und Sicherheit auszukennen: Bei einer Kommunalwahl, auf Facebook, YouTube und Schülern gegenüber suggeriert er, Psychotherapeut zu sein. Klopft man das ab, klingt auch das hohl: Denn hinter Psychotherapeut steht (HP), das ist die Berufsbezeichnung für Heilpraktiker. Aber: Wer Psychotherapie mit einer Erlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz ausübt, darf nicht die Berufsbezeichnung "Psychotherapeut" führen. Sagt das Gesetz. B. gibt sogar vor, für das Gesetz, nämlich als Ausbilder für Kriminalämter, zu arbeiten. "Ich habe nie behauptet, Angestellter eines LKA oder des BKA zu sein", schreibt er auf Nachfrage, seine ehemaligen Schüler berichten anderes. Für wen er indes als Profiler arbeitet, bleibt sein Geheimnis.

Eines kann er wohl nicht lassen: mit dem Auffliegen zu kokettieren. Auf seinem Profil auf Instagram postet er schon vor Jahren ein Foto, darauf ein weinender Mann, der eine lächelnde Maske vor sein Gesicht hält. "Inte­ressierst du dich für mein wahres Gesicht oder nur für meine Maske?", steht da­runter. Einen gewissen Witz hat er – den sechsten Dan hat er übrigens am 1. April gemacht. Knapp zwei Wochen danach bot er wieder ein Sondertraining über YouTube an, Thema Hypnose.

Transparenzhinweis

Karsten Sell, den diese Zeitung um Einschätzung gebeten hat, ist Karateka und Ju-Jutsu-Trainer mit einer Trainerlizenz des Deutschen Olympischen Sportbundes. Er ist der Neffe des Co-Autors. Da er beim VfL Westercelle in Niedersachsen trainiert, hat er keinen persönlichen Nutzen von der Recherche.

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