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Einführung D-Mark
Wie ich das Wunder der West-Währung vor 30 Jahren erlebte

Dietrich Schröder / 01.07.2020, 04:00 Uhr - Aktualisiert 01.07.2020, 07:46
Berlin (MOZ) Vor 30 Jahren konnten die DDR-Bürger ihre "Alu-Chips" gegen "echtes Geld" tauschen. Die Euphorie war groß. Erst folgte ein wahrer Kaufrausch, dann die Ernüchterung, dass all das auch Arbeitsplätze kostete. Erinnerungen an eine turbulente Zeit.

"Im Februar 1990 wies mein Gehaltsschein zum ersten Mal in meinem Leben mehr als 1000 DDR-Mark netto aus. Ich war gerade 29 Jahre alt geworden, hatte nach meinem Abitur, Armeedienst und Studium bereits dreieinhalb Jahre Arbeit bei der Zeitung "Neuer Tag" in Frankfurt (Oder) hinter mir. Das magere Einkommen verdeutlicht zweierlei: Zum einen, wie relativ wenig die Menschen in der DDR verdienten, selbst wenn sie studiert hatten. Zum anderen, welch’ große Bedeutung die bevorstehende Einführung der D-Mark für uns alle hatte. Schließlich wussten wir von Kindesbeinen an, welch’ wundersame Wirkung die West-Währung  besaß. Mit ihr konnte man im Osten Kellner und Handwerker bestechen, um einen reservierten Tisch im Restaurant oder Fliesen für die Wohnung zu ergattern. Und nur im Intershop gab es das so besonders duftende Waschmittel und Schokolade, die einem sanft auf der Zunge zerfloss.

Und nun sollten wir – nur gut ein halbes Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer – unsere "Alu-Chips"  in "echtes Geld" tauschen können! Doch solche Eile war damals geboten. Denn der Ruf: "Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehen wir zu ihr", der schon im Herbst 1989 auf vielen Demonstrationen erschallt war, war nach der Öffnung der Grenze nicht leiser geworden. Im Gegenteil: Der Strom der DDR-Bürger, die in den Westen übersiedelten, riss nicht ab. Monat für Monat verließen Hunderttausende ihre Heimat und die alten Bundesländer fühlten sich davon überlastet.

Helmut Kohl setzte sich über alle  Warnrufer hinweg, die vom damaligen Bundesbankchef Karl Otto Pöhl bis zum  späteren Kanzlerkandidaten der SPD,  Oskar Lafontaine, reichten, und kündigte bereits im Februar 1990 an, dass die D-Mark bald in den Osten kommen werde. Ein Großteil der DDR-Bürger dankte ihm dies bei der letzten Volkskammerwahl im März 1990, obwohl Kohl selbst gar nicht zur Wahl stand.  Die aus dem Westen gepäppelte Ost-CDU, um die sich weitere Parteien zur "Allianz für Deutschland" scharten,  erhielt fast die Hälfte aller Stimmen. Das aus dem Neuen Forum und anderen Bürgerbewegungen hervorgegangene "Bündnis 90" dagegen gerade mal 2,9 Prozent.  Damit war klar, dass es eine selbstständige DDR mit eigenen Reformen nicht mehr lange geben würde.

Über kaum eine Frage wurde in den nächsten Monaten so heftig diskutiert, wie darüber, nach welchem Kurs der Umtausch der Sparguthaben, Löhne, Mieten und Renten erfolgen sollte. Etwa 1 zu 6, wie es Experten als ökonomisch gerechtfertigt vorschlugen,  oder gar 1 zu 10, wie auf dem Schwarzmarkt üblich? Als DDR-Bürger bekam man unweigerlich das Gefühl, dass über den Wert unseres bisherigen Lebens entschieden würde.  Und wieder setzte sich Kohl gegen sämtliche ökonomischen Argumente durch: Jeder DDR-Bürger über 18 Jahre sollte 4000 DDR-Mark im Verhältnis 1 zu 1 tauschen können, höhere Guthaben (über die viele gar nicht verfügten) 1 zu 2. Und noch wichtiger: Auch die Löhne und Renten sollten 1 zu 1 umgestellt werden.

Bis heute erinnern sich die Beteiligten an die dafür nötige logistische Leistung: Mehr als 25 Milliarden D-Mark mussten blitzschnell in den Osten transportiert werden. Die meisten davon in streng bewachten Geldtransportern, einzelne auch als Bierwagen getarnt.  Und überall schossen die Filialen westdeutscher Banken aus dem Boden, oft in Containern, manche aber selbst in früheren Schulgebäuden.

Als dann am 1. Juli – damals ein Sonntag – die ersten West-Banknoten ausgezahlt wurden, war die Euphorie riesengroß. "Bis in die Nacht hatten wir noch die Konten und Kredite umgestellt", erinnert sich eine Sparkassen-Mitarbeiterin aus Frankfurt (Oder). "Und als ich bald nach Sonnenaufgang  wieder an die Arbeit kam, klopften bereits die ersten Kunden an die Tür." Auf dem Berliner Alexanderplatz, wo die Deutsche Bank ihre neue Filiale bereits um Mitternacht geöffnet hatte, spielten sich tumultartige Freudenszenen ab.

Der kleine Konsum-Laden am Ende unserer Straße hatte bereits am Freitag die meisten DDR-Waren aus den Regalen geräumt. Ich erinnere mich noch an die Worte, mit denen eine Verkäuferin auf meine verdutzten Blicke reagierte:  "Das alte Zeug kommt alles weg, ab Montag haben wir endlich auch Westware im Angebot", sagte sie. Ihre Augen leuchteten dabei so, dass ich mir die Frage verkniff, was nun eigentlich aus den Betrieben und ihren Mitarbeitern würde, die die DDR-Lebensmittel hergestellt hatten.

Der RC 35 wurde zum Ladenhüter

Tatsächlich nahm am 1. Juli – von den meisten zunächst kaum beachtet – auch die Treuhandanstalt  ihre Arbeit auf. Dieser Einrichtung wurden die 8500 staatlichen (im DDR-Deutsch "volkseigenen") Betriebe unterstellt, in denen mehr als vier Millionen Menschen arbeiteten. Laut dem "Treuhandgesetz", das erst am17. Juni von der Volkskammer beschlossen worden war, sollten die Betriebe nach den Grundsätzen der sozialen Marktwirtschaft privatisiert und dadurch ihre Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit gesichert werden.

Dies erwies sich in den meisten Fällen jedoch als schier unmöglich.  Schaltkreise und Transistoren  etwa, die  im Halbleiterwerk Frankfurt (Oder) hergestellt wurden – dem größten Unternehmen der Stadt mit mehr als 8000 Mitarbeitern – waren bis dahin nur auf dem abgeschirmten Markt Osteuropas konkurrenzfähig. Und der RC 35 – ein Radiowecker mit analoger Quarzuhr aus der berühmten Konsumgüterproduktion, dessen Entwicklung kurz zuvor noch Erich Honecker gelobt hatte – war zum Ladenhüter geworden.

Dafür prägte ein wahrer West­waren-Kaufrausch den Sommer, den so mancher Händler nutzte, um seine Lager leer zu bekommen. Auch bei Urlaubsreisen nach Italien oder Spanien erwies sich die neue Währung im eigenen Portemonnaie als kaufkräftig. Am Strand von Mallorca vereinten sich Ost und West. Doch allmählich wich die Euphorie der Erkenntnis, dass die D-Mark auch Arbeitsplätze bedrohte.

Schon im Dezember 1990 titelte die Bild-Zeitung: "1,8 Millionen Ostdeutsche arbeitslos". Damals wurde das "Kurzarbeitergeld Null" für die neuen Länder erfunden, und es begann der riesige Strom von Transferleistungen aus dem Westen, der zum Teil bis heute  anhält. Von Januar 1991 an erhielten die meisten Halbleiterwerker in Frankfurt (Oder)  Lohn, für den sie nicht arbeiten mussten. Aus der Tatsache, dass die starke IG Metall sogar noch eine Anhebung dieses Kurzarbeitergeldes erkämpfte, schlussfolgerte mancher, der Kapitalismus sei der wahre Sozialismus.

Die mehr als 1000 polnischen Beschäftigten, die bis dahin täglich über die Oder zur Arbeit gekommen waren, blieben von dieser Regelung allerdings ausgenommen. Sie verloren gleich ihre Jobs. Ein Schicksal, das die deutschen Kollegen erst 1992 erreichte.

Natürlich hatte die Wirtschafts- und Währungsunion auch viele positive Folgen. Die DDR war über Nacht  Mitglied der Europäischen Union geworden und verfügte über eine Währung, die weltweit Ansehen genoss.  Aktive Menschen, die sich selbstständig machten, und Investoren aus dem Westen profitierten von großzügigen Förderprogrammen.  Zu den wenigen Alt-Unternehmen, für die sich westliche Firmen  interessierten, gehörte auch unsere Zeitung. Für uns Redakteure ergab sich nicht nur die Chance, sich unter den Bedingungen des überparteilichen Journalismus zu bewähren. Auch die Gehälter stiegen zunächst rasch. So wie in den meisten Branchen wurde das Westniveau allerdings bis heute nicht erreicht.

Das Leben auf den Kopf gestellt

Was viele "Wessis" auch nur schwer nachvollziehen können, ist die Tatsache, dass unser Leben mit einem Schlag auf den Kopf gestellt wurde. Ich selbst hatte längere Zeit das Gefühl, dass ich den neuen Verhältnissen  hinterherhechelte.  Als ich 1991 mit einem Opel Kadett – meinem ersten eigenen Auto – zum  Redakteursaustausch nach Heilbronn fuhr, rümpften die dortigen Kollegen nur die Nase über das aus ihrer Sicht spießige Auto. Als mir kürzlich eine Bekannte aus dem Westen ihr Leid klagte, wie sehr ihr die Veränderungen durch die Corona-Regeln zu schaffen machen, konnte ich mir nicht verkneifen, zu entgegnen: Das sind etwa 20 Prozent der Probleme, die wir 1990 durchgemacht haben."

Dietrich Schröder begann seine Arbeit 1986 als Redakteur der Zeitung "Neuer Tag" in Frankfurt (Oder), aus der 1990 die "Märkische Oderzeitung" (MOZ) hervorging. Sie gehört heute der Neuen Pressegesellschaft, in deren Verbund die SÜDWEST PRESSE und 20 Tageszeitungen in Baden-Württemberg und Brandenburg erscheinen. Als "Redakteur für die deutsch-polnische Nachbarschaft" schreibt Dietrich Schröder seit  1992 vor allem über grenzüberschreitende Themen. 1995 wurde er für eine Reportage über den Abzug der sowjetischen Truppen aus Brandenburg mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.

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