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DDR-Kunst
Kunstprojekt "Alle in die Kunst" in der Burg Beeskow ausgestellt

Ausschnitt aus Norbert Wagenbretts "Bauarbeiter und Bauarbeiterin" (1984).
Ausschnitt aus Norbert Wagenbretts "Bauarbeiter und Bauarbeiterin" (1984). © Foto: Peggy Lohse
Peggy Lohse / 05.07.2020, 23:00 Uhr - Aktualisiert 06.07.2020, 08:34
Beeskow (MOZ) Der zweite Teil des Ausstellungsprojektes "Alle in die Kunst" schlägt eine Brücke in die Gegenwart. Und wirft viele Fragen auf.

Völkerfreundschaft, Solidarität, Frieden – diese Worte, die in ihrer Schwere an den ideologischen Pathos der DDR-Zeit erinnern, sammeln sich unter dem nüchternen Überbegriff Zusammenleben. Hier beginnt die zweite Ausstellung des Kunstprojekts "Alle in die Kunst" des Kunstarchivs in der Galerie der Burg Beeskow. Elf Kunst-Laien kuratierten in zwei Gruppen jeweils eine Schau. Der erste Teil "Leben in einem Land, das es nicht mehr gibt" von Teilnehmenden über 60 Jahren befasste sich vertieft mit den Facetten des Alltags in der DDR. Das U60-Team wählte einen anderen Ansatz: den Bezug zum Heute.

Welche Menschen zählen?

Großformatige Gemälde von Manfredt Kandt, Hermann Hensel, Gerhard Füsser, Heins-Karl Kummer und Manfred Rößler sowie Schwarz-Weiß-Fotos vom Openair-Konzert in Weißensee 1988 zeigen Nähe zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarben und Herkünfte. Gleichzeitig, darauf verweist auch der Infotext, sah die Integration ausländischer Arbeitskräfte damals keinesfalls so rosig aus, wie es die bunten Bilder zeigen. Wer gehörte zur Gesellschaft, wer und warum nicht? Und schon sind wir da, in der Gegenwart: "Black lives matter" – das Motto der jüngsten Großdemos in Berlin, "Schwarze Leben zählen" – könnte auch über dem Raum stehen. Oder "Sicherer Hafen", das Motto für die Aufnahme Geflüchteter aus dem Mittelmeerraum.

"Uns war es von Anfang an sehr wichtig, dass wir aktuelle Themen bedenken", erinnert sich Laienkuratorin und Viadrina-Studentin Saskia Heller aus Frankfurt an den Wochenendworkshop im Frühjahr, wo sie und ihre Mitstreitenden Astrid Epp aus Berlin, Katrin Hitziggrad aus Jena, Lars Strenge aus Beeskow, Sebastian Böhme aus Leipzig und Antje Danielowski aus Hamburg aus Zehntausenden Kunstwerken Stücke aussuchen mussten. "Nach der ersten Sichtung, dieser Flut von Eindrücken, ist uns aufgefallen: Da sind so viele aktuelle Themen dabei."

Die Kuratierenden-Gruppen arbeiten völlig unterschiedlich. Während die Älteren gemeinsam jedes Werk erörterten, stellten die Jüngeren einen demokratischen Grundsatz auf: Für jeden der vier Themenräume trägt jeder ein Kunstwerk bei. Wer was ausgewählt hat, ist mit Informationen zu Künstler, Jahr, Titel und Herkunft vermerkt. Eine gleichberechtigende Vereinbarung: "Jeder einzelne war verantwortlich für die Auswahl seiner Bilder." Größere Debatten gab es nur bei der Wahl der Oberbegriffe, denn sie suchten gemeinsam mit Projektleiter und Fotograf Martin Maleschka ideologiefreie Worte der Gegenwart.

Ebenfalls von Anfang an stand das Thema im dritten Raum fest: die Frau in der Gesellschaft. Eine "Kranfahrerin" (Sighard Gille, 1972), "Schwimmerin" (Christoph Meyer, 1987), Hausfrau (Jost Alexander Braun, 1985), Blütenwesen (Horst Hussel), verlassene Alleinerziehende (Erich Gerlach, 1975-76) und Walter Womackas "Erika Steinführer III" (1981) schmücken den Raum. Keine sieht glücklich oder erfüllt aus. Es sind Frauen, die viel leisten müssen – im Sport, der Arbeit, in der Familie. Alle dargestellt von männlichen Künstlern. Was nehmen wir mit, wenn wir heute noch immer für Gleichberechtigung streiten? Die Auswahl fragt Betrachtende, egal welchen Geschlechts: Welche Frau möchte ich sein?

Unter "Landschaft" treffen sich Tagebau, Pipelines, Umweltverschmutzung und -schutz. Im "Urbanen Raum" sammeln sich Baustellen um die Textilarbeit "Berlin, Weltstadt des Friedens" von Cornelia Jäger-Brendel, die bereits in der ersten Schau zu sehen war. Was von all dem "soll bleiben, was kann vergehen?" fragt der Einführungstext. Erste Erkenntnis nach diesem künstlerischen Resümee des DDR-Lebens: alte Themen, neue Schwerpunkte.

Infos: "Durch unsere Augen...", bis 23. August auf Burg Beeskow, dienstags bis sonntags jeweils 10 bis 18 Uhr

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