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Kunst
Bildhauerin will Statue in Biesenthal zu Gunsten eines Frauenhauses verkaufen

Amy Walker / 13.07.2020, 08:20 Uhr
Biesenthal (MOZ) Auf dem Grundstück ist es wie in einem Labyrinth der Kunst: Vom Tor bis zur Werkstatt des "Steinwerk Biesenthal" stehen überall Statuen und Skulpturen, teilweise scheinen sie fast fertig zu sein, wieder andere sind noch am Anfang ihres Prozesses.

Zwischen all den künstlerischen Angeboten steht eine Frau aus Sandstein. Zwar hat sie keine erkennbaren Gesichtsmerkmale, und auch ihre Körperform ist nur angedeutet. Doch mehr ist gar nicht notwendig, es ist eine Frau. In ihren Armen hält sie ein Kind, eng umschlungen drückt sie es an ihre Brust, den Kopf nach unten zum Kopf des Kindes geneigt, so, als ob sie es vor dem Grauen der Welt schützt.

"Für die Frau ist das Kind das Teuerste. Wenn sie gehen muss, denkt sie nur an das Kind, das sie mitnehmen muss. Sonst nichts, nur das Kind", sagt Alla Krasnitski. Sie ist die Bildhauerin der Sandsteinfrau, die den Namen "Geborgenheit" trägt. Die Sandsteinfrau und ihr Kind sind von der Flucht inspiriert, egal welche Form das Flüchten annimmt. Alla Krasnitski weiß, worum es da geht, die Russin war selbst einst Flüchtling.

Die Künstlerin wollte die Statue ursprünglich versteigern, um den Erlös dann an ein Frauenhaus zu spenden. Durch die Corona-­Pandemie wurde aber alles in Frage gestellt, sodass die Statue die letzten Monate weiter auf dem Grundstück des Steinwerk Biesenthal gewartet hat. "Ich möchte etwas für Frauen tun. Ich möchte helfen", sagt Alla Krasnitski schlicht, die Hoffnung auf einen Käufer für die Sandsteinfrau und deren Kind ist nicht gestorben. Mit ihrer Idee hat sich die Künstlerin an Anne Schulz gewandt, da diese das "Steinwerk Biesenthal" leitet und schon öfter Skulpturen in den öffentlichen Raum gebracht hat. Eine andere Statue von Krasnitski mit dem Namen "Irrwege" steht aktuell vor der Kirche in Biesenthal.

Suche nach dem richtigen Ort

Anne Schulz würde die Sandsteinfrau am liebsten an einem öffentlichkeitswirksamen Ort sehen. "Der Gedanke würde mir wehtun, wenn sie in einem Garten stehen würde. Aber ich sollte mich vielleicht nicht so sehr von meinen Gefühlen leiten lassen", sagt Schulz.

Alla Krasnitski arbeitet bereits ihr ganzes Leben als Künstlerin. Neben der Bildhauerei macht sie auch Zeichnungen und Grafiken. Ein Leben ohne die Kunst kann sie sich nicht vorstellen: "Kunst ist meine Sprache", sagt sie. Seit 2010 lebt und arbeitet sie in Berlin, davor hat sie viele Jahre in Kassel gelebt, ist aber durch die Arbeit ein bisschen überall gewesen. Die Frau aus Sankt Petersburg und ihre Kunst hat es nach Italien, Österreich und in verschiedene Orte in Deutschland verschlagen.

"Es ist ein Geheimnis, wie ich auf meine Ideen komme. Es kann manchmal lange dauern. Irgendwie ist es ein bisschen wie kochen: Nach und nach werden Zutaten dazugegeben und irgendwann kommt ein gutes Ergebnis raus", schildert Alla Krasnitski ihren Prozess. Es fällt ihr schwer, den Weg zum Ergebnis zu beschreiben – nicht nur, weil Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Die Kunst ist eine Welt der Gefühle, die Künstlerin kann das Wie, Warum und Weshalb nicht immer in Worte fassen. Sie macht einfach, lässt sich treiben. Im Fall von "Geborgenheit" war der Prozess überraschend schnell: Innerhalb einer Woche, in der Alla Krasnitski von morgens bis abends gearbeitet hat, entstand die Frau mit ihrem Kind.

Einen Satz sagt sie über die Zukunft der Statue immer wieder: "Die Statue muss jetzt arbeiten. Ich habe die Arbeit schon gemacht. Jetzt muss sie arbeiten." Was genau damit gemeint ist, liegt im Auge des Betrachters – je nachdem, wer die Sandsteinfrau und ihr Kind betrachtet, jeder sieht etwas anderes. "Auf dem Symposium hat mich eine Frau gefragt, ob das denn Maria und Jesus wären. Das fand ich interessant. Frauen haben oft einen anderen Blick", sagt die Künstlerin.

Spende für ein Frauenhaus

Auch sie hofft, dass die Statue an einen Ort kommt, an dem Menschen sie betrachten können. Ein halböffentlicher Raum, vielleicht in einem Gebäude, an dem viele Menschen täglich vorbei gehen, das wäre für Alla Krasnitski perfekt. Dadurch könne die Statue gut arbeiten, sagt sie. Aber am Ende des Tages geht es darum, Geld für das Frauenhaus zusammen zu bekommen, für die Frauen und Kinder, die dort unterkommen müssen. "Frauen sind nicht schwach. Sie werden manchmal schlecht gemacht. Aber sie sollten nie ein schlechtes Gefühl haben", sagt Alla Krasnitski.

Deutsch-polnisches Bildhauersymposium

Die Stadt Bernau und das Amt Panketal veranstalten vom 14. September bis zum 2. Oktober ein deutsch-polnisches Bildhauersymposium in Bernau. Von 2008 bis 2017 wurde ein solches Symposium - unter dem Titel "Werkstatt im Freien" - von Anne Schulz organisiert. Während der Symposien entstandene Werke säumen seither den Radweg Berlin–Usedom, oder wurden für zwei Jahre in Biesenthal und Bernau öffentlich aufgestellt. Das diesjährige Thema des Symposiums lautet "Terrain - Terren". Drei deutsche und drei polnische Bildhauer lassen sich von diesem Thema zu Werken inspirieren, die sie dann im Stadtpark Bernau in der Zeit des Symposiums anfertigen. Die diesjährigen Teilnehmer sind: Rolf Biebl, Marguerite Blume-Cárdenas, Robert Schmidt-Matt, Norbert Sarnecki, Dorota Tołłoczko-Femerling und Stanislaw Kilarecki. Neugierige können während des Symposiums die Künstler beim Arbeiten beobachten. Die fertigen Werke werden dann für zwei Jahre in Bernau und Panketal öffentlich ausgestellt. ⇥wal

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