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Gehbehindert
Rentner wird von Bussen in Eisenhüttenstadt abgewiesen

Oliver Jastram / 15.07.2020, 05:00 Uhr - Aktualisiert 15.07.2020, 06:20
Eisenhüttenstadt (MOZ) Über eine Stunde lang ist Hermann Heindorf aus Eisenhüttenstadt eingeklemmt gewesen. Mit schweren Rettungsgeräten waren am 31. März 2001 zahlreiche Einsatzkräfte vor Ort und bewahrten den damaligen Berufskraftfahrer vor noch schlimmeren Verletzungen. Heindorf war wie so oft quer durch Deutschland unterwegs und landete an dem damaligen Morgen in einem Krankenhaus in Bückeburg in Niedersachsen.

Er selbst sagt: "Seit diesem Tag ging es mit mir bergab." Dennoch wirkt er gefasst, die Diagnose des Arztes lautete: Neurologische Ausfälle mit Gangstörung. "Oft bin ich unterwegs und kann dann plötzlich einfach nicht mehr weiterlaufen. Das hat also nichts mit dem Körper, sondern nur mit dem Kopf zu tun", erklärt Heindorf. Auf sein Elektromobil sei er erst seit diesem Jahr angewiesen. Der 79-Jährige sagt: "Davor konnte ich noch einigermaßen laufen, aber das lässt halt alles nach." Immer wieder müsse er darauf achten, sich irgendwo halten zu können. Immer wieder kommt er an seine physischen Grenzen.

Einkaufen in der Stadt

Zum Beispiel dann, wenn er mit seinem Elektromobil "M34" in die Stadt will. Heindorf wohnt im Eisenhüttestädter Randgebiet und hat für einen Einkaufstrip in die Stadt einiges an Strecke vor sich. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von sechs Kilometern pro Stunde ein durchaus zeitaufwendiges Unterfangen – 30 Minuten pro Fahrt. Doch statt der Zeit wird ihm oft die Batterie seines Gerätes zum Verhängnis. Wenn Heindorf sich in die Stadt zum Einkaufen aufmacht, dann reicht der Akku der Batterie kaum aus. Logisch, dass der 79-Jährige deshalb lieber auf öffentliche Verkehrsmittel zurückgreift. Doch mehrfach wurde ihm schon die Mitnahme verweigert – Heindorf ist fassungslos.

"Ich bin überall gewesen und habe mich erkundigt. Das Problem ist wohl, dass man das Teil wohl angeblich nicht vorschriftsmäßig sichern kann. Aber das sind doch keine Viehtransporter, das sind Busfahrer", sagt Heindorf und erklärt, dass er sich für das Gerät und die niedrige Geschwindigkeit entschieden habe, damit er damit eben auf dem Bürgersteig fahren könne und in der Stadt flexibel sei. "Am Telefon wurde mir gesagt, dass Rollstühle ja mitgenommen werden, weil das Krankenfahrstühle sind. Mein Gerät zählt da anscheinend nicht dazu. Der Verkäufer hat mich damals aber nicht darauf hingewiesen und jetzt habe ich das Problem", schildert Heindorf den Fall.

Auf Nachfrage beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) erklärt Ansprechpartnerin Verena Löw, dass solche Maßnahmen eine Frage der Sicherheit seien. "Gerade wenn der Bus in eine Kurve fährt, kann nur schwer garantiert werden, dass das Elektromobil nicht umfällt." Daher gebe es viele Einschränkungen.

"Ganz heißes Eisen"

Andrea Peisker, Behinderten- und Seniorenbeauftragte der Stadt Eisenhüttenstadt, bezeichnet das Thema als "ganz heißes Eisen". Für sie selbst stehe auch erst noch ein Treffen mit dem Busverkehr Oder-Spree aus, da sie die Problematik aus der Vergangenheit bereits kenne. "Es ist kompliziert. Bestimmte Scooterbauarten dürfen in bestimmten Bussen mitgenommen werden. Darüber hinaus braucht das jeweilige Elektromobil eine entsprechende Kennzeichnung. Das war keine zufällige Laune des Busfahrers. Auch wenn zum Beispiel bereits ein Kinderwagen im Bus ist, kann das ein Grund sein, die Mitnahme zu verweigern", erklärt Andrea Peisker. Eine komplizierte Angelegenheit, die von vielen Richtlinien beeinflusst wird. Kaum verwunderlich also, dass Heindorf der Alltag dadurch erschwert wird.

Ansonsten sammle er im Alltag aber fast nur positive Erfahrungen. "Zwar kann ich natürlich jederzeit aufstehen, aber das dauert so seine Zeit. Oft kommen mir Menschen zuvor, die mir im Laden Waren reichen, an die ich sonst nicht rangekommen wäre", erzählt er. Diese Freundlichkeit begegne ihm im Alltag sehr oft. Auch von Seiten der Kinder und seiner Schwester sei in der Vergangenheit viel Unterstützung gekommen.

Wichtig ist Heindorf bis heute sein Hund Aaron, der sich mit seinen zwölf Jahren noch recht agil bewegt. "Er ist für mich die Motivation in schwierigen Zeiten weiterzumachen", erklärt der 79-Jährige. Noch vor wenigen Jahren habe er eine weitere Hündin gehabt, nun ist nur Aaron übrig. Jeden Tag gehen sie zwei Mal spazieren. "Das passt gut. Der ist auch nicht mehr der Schnellste", sagt Heindorf und lächelt.

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