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Theologie
Als Pfarrer den Traumberuf in Temnitz gefunden

Möchte bleiben: Der gebürtige Hallenser Alexander Stojanowic hat sich für die ausgeschriebene Kreispfarrstelle in der Gesamtkirchengemeinde Temnitz beworben.
Möchte bleiben: Der gebürtige Hallenser Alexander Stojanowic hat sich für die ausgeschriebene Kreispfarrstelle in der Gesamtkirchengemeinde Temnitz beworben. © Foto: Ulrike Gawande
Ulrike Gawande / 02.08.2020, 02:15 Uhr
Temnitz (MOZ) Was ist die Mitte der Gemeinde? Diese Frage stand im Fokus eines Gemeindeabends, den Pfarrer Alexander Stojanowic im Kirchgarten in Walsleben gestaltete. 30 Interessierte waren gekommen, um dem 40-Jährigen auf den Zahn zu fühlen. Zwar ist Stojanowic bereits seit anderthalb Jahren in der Gesamtkirchengemeinde Temnitz tätig, doch vorerst noch im sogenannten Entsendungsdienst. Das ist ein Probedienst für Pfarrer. "In dieser Zeit, die zwischen einem und drei Jahren dauern kann, können sich Pfarrer nach ihrem Vikariat eigenverantwortlich als Pfarrer ausprobieren", erklärt Alexander Stojanowic.

Doch er will mehr. Er will in der Region bleiben. Deshalb hat sich der 40-Jährige auch auf die ausgeschriebene Kreispfarrstelle für den ortsbezogenen Pfarrdienst in der Gesamtkirchengemeinde Temnitz beworben. Zum Bewerbungsverfahren gehört neben den üblichen Formalien, dem Bewerbungsgespräch und einem Gottesdienst, der am Sonntag, 2.August, um 14 Uhr in Rägelin stattfindet, eben auch die Gestaltung eines Gemeindeabends, dessen Thema vom Kreiskirchenrat vorgegeben wird. Bei diesem sollen die Gemeindemitglieder den Bewerber besser kennenlernen, denn das Urteil des Gemeindekirchenrates fließt in die Entscheidung des Kreisgremiums mit ein, das am 10. August über die Stellenbesetzung befinden wird.

Wurzeln liegen an der Saale

Geboren wurde Alexander Stojanowic in Halle und wuchs dort auf einem kleinen Dorf auf. Er kennt also das Landleben. "Ich habe keinen zweiten Vornamen, dafür zwei lange Namen", scherzte der 40-Jährige, der liiert ist. Pfarrer zu werden, sei immer sein Traumberuf gewesen, verrät Stojanowic. In seiner Heimat habe er einen tollen Heimatpfarrer und einen Seelsorger gehabt, die für ihn Vorbilder gewesen seien. Schon als Kind habe er sich deshalb gedacht: "So toll wie die will ich das auch machen."

Zwar habe er zwischenzeitlich auch überlegt, Lehrer zu werden, und er hat eine Ausbildung zum Krankenpfleger begonnen. Die Arbeit mit den Menschen habe ihm gefallen, doch die "Pflegewissenschaft sei nicht seins" gewesen, gibt er ehrlich zu. Also studierte er katholische Theologie in Erfurt und Münster. Sein Vikariat absolvierte er dann in Wittenberg und Dessau. Vor seinem Dienstantritt in Temnitz im Dezember 2018 wechselte er in die evangelische Kirche.

Von Pfalzheim bis Vichel

Die Arbeit in Temnitz gefällt dem 40-Jährigen. "Ich bin selbst auf dem Dorf groß geworden." In der Gesamtkirchengemeinde gehören 19 Dörfer zu seinem Zuständigkeitsbereich. "Von Pfalzheim bis Vichel", lacht er. Fünf Ortskirchen geben der Gemeinde, die rund 1300 Kirchenmitglieder zählt, Struktur. Jeden Sonntag gibt es einen Gottesdienst an wechselndem Ort für alle. Mal kommen nur zehn oder 20 Teilnehmer, an anderen Tagen mehr. An Heiligabend sind alle Plätze in den Kirchenbänken besetzt. Auf die Frage, ob das nicht frustrierend sei, bleibt Stojanowic ruhig. "Man muss umschalten können. Dort, wo ich groß geworden bin, fanden auch mal Gottesdienste im Wohnzimmer mit zwei oder drei Menschen statt."

Wichtig ist ihm zu vermitteln, dass die Grenzen der Welt nicht die Grenzen des Menschseins seien. "Wir sind erlöst, und ich versuche, danach zu leben." Vergebung und Neuanfang, das sei seine Lebenseinstellung. In den letzten eineinhalb Jahren seien ihm gerade einmal vier Kirchenaustritte in seinem Zuständigkeitsbereich bekannt geworden. "Wenn es ein persönliches Schreiben gibt, antworte ich auch. Das ist mir wichtig, denn ich möchte dem Menschen mitteilen, dass wir seine Entscheidung akzeptieren, sie aber bedauern. Aber ich möchte wissen, warum."

Ihm liegen die Menschen in den Dörfern am Herzen. So war es für ihn auch eine naheliegende Entscheidung, sich auf die ausgeschriebene Stelle zu bewerben. Derzeit wohnt er noch in Neuruppin. Doch falls sich der Kreiskirchenrat für ihn entscheiden sollte – er ist der einzige Bewerber – möchte er ins Amt Temnitz ziehen. "Als ich hier angefangen habe, gab es keine freie Pfarrwohnung. Mir ist es wichtig, in der Gemeinde zu leben und nicht nur zum Arbeiten hierher zu kommen."

Ein kleines bisschen wird Alexander Stojanowic die Fontanestadt jedoch vermissen, verrät er in seinen Mittwochsgedanken, die er jede Woche auf seiner Homepage www.stojasseite.com in kleinen YouTube-Beiträgen veröffentlicht. "Neuruppin ist eine kleine Provinzstadt, die alles hat, was man zum Leben braucht." Besonders die kurzen Wege in die Innenstadt oder zum Einkaufen ins nahe Einkaufszentrum werden ihm fehlen, gibt er zu. Was er aber nicht vermissen werde, seien die tägliche Fahrten zur Arbeit und die Anonymität der Stadt. "In Temnitz kenne ich mehr Menschen als in meinen Wohnhaus in Neuruppin."

Mit Plänen für die zukünftige Arbeit in der Gesamtkirchengemeinde hält sich Stojanowic zurück. "Umgestalten kann man nur mit den Menschen und nicht über ihre Köpfe hinweg." Zu den Veränderungen gehöre aber auch, etwas Gewohntes sterben zu lassen, um dafür in etwas anderes die ganze Energie zu stecken. "Das wird von Dorf zu Dorf anders sein." Nach dem Lockdown habe er sich gefreut, wieder die Menschen zu den Gottesdiensten zu begrüßen. "Wenn möglich, versuchen wir, alles nach draußen zu verlagern." So wird wenigstens das Schlusslied außerhalb der Kirche gesungen. "Die Menschen haben eine große Sehnsucht, gemeinsam zu singen." Der 40-Jährige singt auch selbst gern und viel. "Gospels reizen mich. Aber ich kann auch bei Bach oder gregorianischen Gesängen dahinschmelzen."

Kein Zimmer ohne Bücher

Ebenfalls zu seinem Lebensalltag gehören Bücher. Er zitiert Cicero: "Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele." Geht alles glatt, wird Alexander Stojanowic seine Bücherkartons bald in einem Temnitz-Dorf auspacken können. Vielleicht findet sich dann auch eine Antwort auf die Frage, was denn nun die Mitte der Gemeinde ist. Beim Gemeindeabend gab es kein eindeutiges Ergebnis. "Alles soll geprüft und das Gute behalten werden. Wir sind auf dem Weg als Kirche."

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